Ziehen Sie Kraft aus der Melancholie!

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Melancholie: Ein kleiner Blues ist wichtig für die Seele...
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Mit Tipps für schwierige Phasen

Wir kennen sie alle, die Tage, an denen wir scheinbar grundlos niedergeschlagen sind. Dieses Gefühl sollten wir nicht bekämpfen. Denn ein kleiner Blues ist wichtig für die Seele

Melancholie: Kann Traurigkeit guttun?

Moderne Glücksratgeber empfehlen: Denke, boxe, lächle weg, was dich traurig macht. Weil Melancholie nicht in die Zeit passt, angeblich. Wahr ist: Wer diesem Gefühl selten oder nie Raum gibt, handelt sich Seelenprobleme ein. Denn den verschiedenen Formen von Traurigkeit – vom leisen Blues bis tiefem Schmerz – geht meist ein Scheitern oder ein Verlust voraus. Davon hängt ab, wie tief die Traurigkeit geht, wie lange sie dauert: Es tut weh, wenn wir unseren Lieblingsring verlieren. Es rumort heftig, wenn es uns nicht gelingt, ein wichtiges Ziel zu erreichen. Es schmerzt grausam, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren.

Die schwerste Aufgabe besteht dann darin, Verluste zu akzeptieren, das Weltbild der neuen Situation anzupassen, loslassen zu lernen. Helfen können uns Rituale, z. B. einen Abschiedsbrief schreiben, eine Morgenmeditation. Wer Traurigkeit und Trauer zulässt, lernt Vorhandenes mehr zu schätzen. Werte zu relativieren. Gute Momente auszukosten.

Melancholie: Tief bekümmert ist nicht depressiv

Bei manchen Verlusten, wenn der große Lebenstraum platzt, man verlassen wird, ein geliebter Mensch stirbt, dann hat man das Gefühl, in schwarzes Nichts zu fallen. Und anfangs scheint es unmöglich, je wieder Lebensfreude zu empfinden. Man weint, grübelt, grämt sich, ist verzweifelt.

Psychologen nennen diese Phase der tiefen Trauer eine "depressive Verstimmung". Man braucht Zeit und vertraute Menschen, um aus diesem Tief herauszufinden und ein Licht am Horizont zu sehen. Die Gedanken und Gefühle, die da niederschmettern, haben ihre Ursache nicht in einer klinischen Depression , sondern zeugen von einem nachdenklichen, fühlenden Innenleben. Das Gute: Menschen, die diese Melancholie-Phasen bewusst durchleben, denken darüber gründlich nach, lernen daraus und treffen für die Zukunft kluge Entscheidungen. Ihr Blick wird nicht mehr so leicht von einer rosaroten Brille getrübt. Aus Krisen gehen sie gestärkt hervor.

Die Depression ist im Unterschied dazu eine Krankheit: Die Gefühle sind wie taub, man hat zu ihnen keinen Zugang, jede Motivation fehlt. Ein depressiver Mensch braucht auf jeden Fall ärztliche Hilfe.

Melancholie: Wer Glück erfahren will, muss Unglück kennen

Eigentlich eine ganz simple Gleichung: Ich kann das eine nur schätzen, wenn ich auch weiß, wie sich das andere anfühlt. Ewiges Glücklichsein ist eine schöne Vorstellung, aber schlicht unmöglich. Schon rein physiologisch geht das nicht: So, wie die dritte Tafel Schokolade am Stück kein Geschmackserlebnis mehr ist, wird auch dauerndes Glücklichsein nicht mehr als Geschenk wahrgenommen.

Wenn wir alles erreicht haben, was wir wollten – Familie, Job , Haus –, und uns kein Einschnitt mehr aufrüttelt, verlernen wir die Glückswahrnehmung. Die Spannung im Leben, die durch ein stetes Auf und Ab entsteht, fehlt. Wir werden unzufrieden, suchen nach Kicks. Und verlieren an emotionaler Tiefe, Reife und Mitgefühl. Ob leise oder intensive Schmerzen, ob körperliche oder seelische, sie sorgen dafür, dass wir uns selbst auf die Schliche kommen.

Unser Scheitern, unsere Irrtümer und die sich daraus ergebende Trauer liefern uns Informationen über unser Handeln und Sein in der Welt. Wenn immer wieder mal etwas wehtut oder wir Verlust empfinden, dann horchen wir nach innen und leiten nötige Korrekturen ein. Wer traurig ist, fragt: Was passiert mit mir? Warum gelingen mir bestimmte Dinge nicht? Warum oder in wem habe ich mich geirrt? Welche Vorstellungen muss ich über Bord werfen? Traurigsein ist die Chance zu verändern, zu justieren. Sich zu entwickeln und zu wachsen. Um wieder Glücksmomente zu erleben und Zufriedenheit schätzen zu können.

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