Zuhören: Mit dem Herzen hören lernen

zuhoeren neu

Foto: Corbis

Zuhören ist eine Kunst, die Sie erlernen können

Zuhören bedeutet Zuwendung zu dem, der spricht. Zu seinen Worten, Gesten, seiner Mimik. Bestsellerautor Mark Nepo weiht uns in die Kunst des Zuhörens ein.

Erst als die Stimme seiner Frau zu einem leisen Flüstern wurde, er kaum noch den Unterhaltungen seiner Freunde folgen konnte, begriff Mark Nepo, welch kostbares Geschenk unser Gehör ist. Vogelgezwitscher, Meeresrauschen, seine Lieblingssongs - alles versank zunehmend in einen Nebel der Lautlosigkeit.

Eine Welt ohne Töne - für den Bestsellerautor entpuppte sie sich als eine heilsame Lektion in Demut. Doch was war geschehen? Eine Chemotherapie hatte die Haarzellen seiner Ohren nach und nach zerstört. Heute trägt er Implantate. Rückblickend hat die Zeit der Stille ihm jedoch auch den Zugang zu einer neuen Welt eröffnet. Denn heute beherrscht er dank dieser Grenzerfahrungen die überaus seltene Kunst des Zuhörens.

Er begann Unterhaltungen an öffentlichen Orten, in Parks und Cafés zu beobachten. Wie tauschten sich Menschen miteinander aus? Und wie verhielt er sich selbst in Gesprächen? Welche Haltung zeichnet einen guten Zuhörer aus - was passiert beim Zusammensein mit Freunden? Hörte überhaupt noch jemand richtig zu? Und wie geht das überhaupt, richtiges Zuhören?

Wie nehmen wir wahr, was unser Gegenüber wirklich sagt?

Zuhören ist eine Kunst. Es erfordert Einfühlungsvermögen, Konzentration, Willensstärke und die Bereitschaft zur Hingabe. Lernen wir diese Kunst, wird Zuhören zu einer Form der Liebe .

PRÄSENT SEIN

Wenn wir ein guter Zuhörer sein wollen, müssen wir uns auf den anderen konzentrieren und nicht ungeduldig darauf warten, bis wir selbst zu Wort kommen. Das ist anfangs nicht ganz leicht, aber wir können es trainieren. Am besten mit einer guten Freundin.
Und so geht's:
Gegenüber setzen, den Blickkontakt halten. Und nun darf der andere fünf Minuten lang reden. Egal worüber. Ohne Unterbrechung. Anschließend versuchen wir, das Gesagte in eigenen Worten zu wiederholen und den Sinn so genau wie möglich zu beschreiben.
Bei dieser Übung geht es darum, sich in den Partner hineinzuversetzen, ihm die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das erfordert Hingabe und hohes Konzentrationsvermögen - denn es geht darum, auch die Zwischentöne herauszufiltern.

ZEIT NEHMEN

Zum richtigen Zuhören gehören Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bestätigung, also Fernseher und Telefone ausschalten, den Gesprächspartner anschauen und sich auf das konzentrieren, was er sagt. Er ist in diesem Moment der wichtigste Mensch der Welt. Die Kunst des Zuhörens besteht darin, das Ego zurückzustellen, den anderen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken zu lassen. Zuhören ist eine Art, dem anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass das, was er sagt, einen Wert hat, dass es von Interesse ist. Sobald der andere dies erkennt, fühlt er sich respektiert und als Person geschätzt.

KRITIK ANHÖREN

Wirkliches Zuhören bedeutet, die Meinung eines anderen erst einmal gelten zu lassen, ohne Abwehr, Kritik oder Ungeduld zu äußern - und das auch dann, wenn es um Persönliches geht. Zuhören bei Kritikgesprächen ist aktiv. Statt passiv alles über sich ergehen zu lassen, sollten wir lieber Fragen stellen, um genaue Angaben bitten und versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn wir einander ins Wort fallen, um uns zu rechtfertigen und loszuwerden, was uns auf der Seele brennt, noch bevor wir zur Kenntnis genommen haben, was der andere vorbringt, löst dies einen Kurzschluss im gegenseitigen Verständnis aus.

MIT DEN AUGEN ZUHÖREN

Gutes Zuhören bedeutet auch, dass wir unserem Gegenüber nicht nur mit der Ratio, sondern auch mit dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis begegnen. Wir sehen, wie die Mimik ist, wir hören den Tonfall heraus, nehmen feine Nuancen wahr. Ein guter Zuhörer gibt sich nicht allein mit den Worten des anderen zufrieden. Er nimmt auch auf, was nicht gesagt wird, was sich hinter den Worten verbirgt.

ZUHÖREN IST EIN AKT DER HINGABE

Zuhören bedeutet Zuwendung zu dem, der spricht. Um die Kunst des Zuhörens zu lernen, müssen wir den Blick mehr auf andere richten. Das klingt banal, ist aber in einer Ego-Gesellschaft gar nicht leicht. Jedesmal, wenn wir unsere eigenen Belange für weniger wichtig halten als die unserer Freunde , Nachbarn oder Kollegen, gehen wir einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung.

Es gibt vier Arten des Zuhörens

1. Vom Ich zum Wir

Achtsamkeit bildet die Brücke zum Verständnis

"Achtsames Zuhören erfordert einen freien Geist, ein offenes Herz und Interesse am anderen. Es funktioniert nicht ohne den ehrlichen Wunsch, echte Nähe zum Gegenüber zuzulassen", sagt Mark Nepo. Und das kostet uns Zeit. Es setzt voraus, dass wir uns auf eine Begegnung einlassen.

Wenn wir uns diese Zeit nehmen, dem lauschen, was andere Menschen uns zu sagen haben, verändert das unsere Wahrnehmung. Wir hören aktiv zu, nehmen Zwischentöne wahr, treten in einen Dialog - und das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gute Beziehungen. Auch im beruflichen Leben.

Doch allzu oft sind wir der Ansicht, dass wir unsere Argumente und Meinungen, die wir aus guten wie schlechten Erfahrungen gesammelt haben, verteidigen müssen. Nahezu täglich können wir den Reflex beobachten, wie wir dabei sind, anderen unsere Überzeugungen überzustülpen. Statt zuzuhören und zu verstehen, erteilen wir Ratschläge. Hören wir etwas, das uns irritiert oder verunsichert, begegnen wir diesen neuen Eindrücken mit Skepsis. Sind wir verunsichert, versuchen wir schnellstmöglich in unserem Repertoire vorgefertigter Argumente etwas zu finden, das unseren Standpunkt untermauert. "Deshalb prüfe während eines Gespräch, ob du zuhörst oder nur nach Bestätigungen suchst, die deine eigenen Ansichten und Argumente untermauern", rät Nepo. Ehrliches, achtsames Zuhören erfordert Unvoreingenommenheit.

Achtsames Zuhören heißt: nicht reagieren und auch nicht antworten. Es bedeutet die Bereitschaft, anderen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken - und uns selbst zurückzunehmen. Uns einzulassen, Anteilnahme zu signalisieren, ohne eine Unterhaltung aktiv steuern zu wollen. Einfach nur da zu sein für den anderen und nur dann Ratschläge zu geben, wenn wir ausdrücklich darum gebeten werden. Zugegeben, das ist eine der schwierigsten Übungen in Achtsamkeit.

2. Empathisch sein

Warum es uns oft schwerfällt, echte Nähe herzustellen

Der Satz: "Das kenne ich, das habe ich auch schon erlebt." ist ein Empathie-Killer. Es klingt paradox: Aber indem wir die Probleme des anderen zu unseren machen, verhindern wir, dass er sich von uns verstanden fühlt. Warum? Weil jeder Mensch seine Gefühle als einzigartig respektiert sehen will.

Empathisches Zuhören verlangt von uns, dass wir ohne fertige Theorien und vorgefasste Meinungen das Weltbild eines anderen Menschen zu unserem eigenen machen.

Eine schwere Übung, die den meisten Menschen widerstrebt. Aber nur über den Perspektivwechsel erfahren wir die subjektive Wahrheit des anderen. Und das ist auch die Wahrheit über ihn und seine Gedanken.

Und wie funktioniert das in der Praxis? Der Gesprächspsychologe Carl Rogers empfiehlt folgende ganz einfache Strategie: Bevor man in einem Gespräch oder Streit seine eigene Meinung kund tut, sollte man die Ansichten des anderen mit eigenen Worten wiedergeben. "Das klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht", erklärt Rogers. "Der Effekt ist dafür umwerfend. Sie werden feststellen, dass Erregungen in Auseinandersetzungen sofort abflauen, Unterschiede verschwinden und Probleme, die zunächst unlösbar erschienen, sich fast von selbst lösen."

3. Die Kraft der Stille

Wann hast du das letzte Mal dem Ruf des Meeres gelauscht?

Sie ist die perfekte Lehrmeisterin, die uns wie keine andere in der Kunst des Zuhörens unterrichten kann - die Natur. Denn sie komponiert die wundervollsten Symphonien, zeigt uns, dass wir ihre wunderbaren Botschaften nur vernehmen können, wenn wir uns auf sie einlassen.

Lassen wir uns auf die Naturgeräusche ein, widmen wir uns ihnen mit Muße und einer gewissen Andacht, können wir auch unseren Mitmenschen achtsamer und respektvoll zuhören. Als Mark Nepo vor über 25 Jahren sein Gehör verlor, hat er das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Meeres schmerzlich vermisst. Lebendig fühlte er sich erst wieder, als ein Implantat ihm zu neuem Gehör verhalf. In diesem Moment wurde im bewusst, welch ein Geschenk es ist, den Meisterwerken der Natur lauschen zu dürfen. Und das wahres Zuhören dann beginnt, wenn wir lernen, sie in ihrer ganzen Vielfalt zu achten und wertzuschätzen.

4. Der Schlüssel zur Freiheit

Wie oft hörst Du auf die Stimme Deines Herzens?

Wenn wir nicht auf uns selbst hören, werden wir auch anderen Menschen nie richtig zuhören können. Denn mit der inneren Stimme, unserer Intuition, spricht nicht nur der Verstand, sondern unser Herz zu uns. Es gibt gute Gründe ihr zu lauschen, denn sie ist überaus weise.

Unser Herz besitzt ein eigenes kleines Nervensystem - ein unabhängiges Gehirn, das Eindrücke registriert, sich verändert, während es Erinnerungen speichert. Das Herz nimmt wahr und fühlt - ganz eigenständig.

Forscher bestätigen, dass die Stimme des Herzens existiert. Doch warum fällt es uns so schwer, ihr zu lauschen? Weil wir es verlernt haben. Weil ihre Einflüsterungen nicht selten subtil sind. Weil sie gerne über unsere Träume mit uns kommuniziert, die nicht umsonst Herzenswünsche genannt werden. Und weil wir diese Stimme ganz häufig nicht verstehen wollen, denn um ihr zu folgen, müssten wir eventuell unsere uns ach so vertraute Komfortzone verlassen. Risiken eingehen. Neues wagen.

Doch wir alle wissen, dass unser Herz nicht aufhören wird, zu uns zu sprechen. Immer wieder. Unsere Träume wollen gelebt werden, Sehnsüchte schreien nach Erfüllung. Auch wenn unser Verstand etwas anderes sagt - wir sollten unserem Herzen vertrauen. Ihm zuhören. Es könnte sich um die wichtigste Botschaft unseres Lebens handeln.

Text: Christiane S. Schönemann & Ina Brzoska

***

Mehr zum Thema finden Sie im Happinez-Heft "Bleibe Dir selbst treu" - erhältlich im Happinez Webshop

Möchten Sie Happinez abonnieren? Hier geht es zum Abo-Shop!

Mehr vom Mindstyle-Magazin Happinez gibt es auch auf Facebook .

Kategorien: