Zwei für immer: Wie es sich anfühlt, einen Zwilling zu verlieren

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In dem Roman "Zwei für Immer" geht es um Liebe und eine unerwartete Schwangerschaft.
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Sie kennen sich erst kurz und erwarten doch schon Zwillinge ...

Der Liebesroman „Zwei für immer“ von Andy Jones erzählt die Geschichte von Fisher und Ivy. Die beiden haben sich gerade erst kennengelernt, da stellt sich heraus: Ivy ist schwanger . Mit Zwillingen. Und so werden die beiden zu einem Paar, bei dem alles in der falschen Reihenfolge abläuft: Sie erwarten zwei Babys, noch bevor sie auch nur wissen, wie der andere mit Nachnamen heißt.

Hier veröffentlichen wir einen Auszug aus dem fesselnden Liebesroman - den Moment, in dem Ivy erfährt, dass eines ihrer Babys nicht mehr am Leben ist ...

»Ist mein Baby tot???«

Ivy sitzt da, eine Hand auf den Augen, die andere auf dem Bauch. Ich lege ihr den Arm um die Schultern, was sie jedoch kaum wahrzunehmen scheint. Als ich sie an mich ziehe, widersteht sie und lehnt sich zur Seite. Es dauert fast eine Stunde, bis eine der Hebammen uns in einen kleinen Raum führt.

Sie stellt Fragen: Ist Ivy gestürzt, hat sie Schmerzen, war Blut zu sehen? Ivy verneint und erklärt, dass nichts passiert sei, außer dass sie Zwillinge erwarte und eins der Babys sich nicht mehr bewege.

Die Frau will wissen, wann Ivys Stichtag sei und ob es sich um ihre erste Schwangerschaft handele. April, sagt sie und: Ja, die erste. Die Hebamme fragt, ob IvyFruchtwasser verloren oder Krämpfe gehabt habe, ob die Wehen eingesetzt haben. Ich sagte es Ihnen doch schon, erklärt Ivy. Nichts dergleichen ist geschehen, aber mein Baby bewegt sich nicht. Die Frau fragt, wann sich das Kleine zum letzten Mal bewegt habe, und Ivy schüttelt den Kopf und bricht weinend zusammen.

Die Hebamme lässt Ivy sich auf einen Untersuchungstisch legen und ihr Oberteil zurückstreifen. Sie drückt die Hände auf Ivys Bauch und tastet den Bereich um die Wölbung systematisch ab. Dann nimmt sie ein Gerät zur Hand, mit dem sie den Herzschlag der Babys abhören kann. Es gibt einen deutlichen und gleichmäßigen Rhythmus wieder, wenn sie es an IvysBauchansatz hält, aber wenn sie damit über den oberen Teil der Wölbung streicht, höre ich nur Rauschen und statisches Knistern.

Ich frage: »Hören Sie irgendetwas?«

»Etwas«, sagte die Hebamme, aber ihr Tonfall klingt nicht beruhigend.

»Ich bin gleich wieder da«, sagt sie. »Ich hole nur einen Arzt.«

Ich halte Ivys Hand, und sie erwidert den Druck. Ich will sie fragen, ob so weit alles in Ordnung ist, entschließe mich jedoch zu schweigen und sende stumm einen Wunsch in Richtung Himmel. Die Hebamme kehrt in Begleitung einer jungen Frau zurück, die sich als Doktor Edwards vorstellt.

Doktor Edwards stellt Ivy dieselben Fragen, die sie bereits beantwortet hat. Dann hört sie Ivys Unterleib ab. Sie drückt gegen ihren Bauch, presst die Wölbung hin und her. Etwas, vielleicht ein Knie oder eine Faust oder ein Ellbogen, bewegt sich in Ivys Bauch. Die Ärztin presst wieder gegen die Wölbung, diesmal oben, und knetet das Fleisch mit dem Handballen.

»Das oben liegende Baby scheint sich nicht zu bewegen«, sagt sie. »Und ich kann keinen Herzschlag hören.«

»Das sage ich Ihnen doch die ganze Zeit!« Ivy schreit fast. »Ich habe es Ihnen doch gesagt. Warum hört mir denn niemand zu?«

»Versuchen Sie, ruhig zu bleiben«, sagt die Ärztin. »Das andere Baby reagiert gut.«

»Ist mein Baby tot?«, sagt Ivy. »Bitte sagen Sie es mir. Ist mein Baby tot?«

Die Hebamme legt Ivy eine Hand auf die Stirn.

»Ich weiß es nicht«, sagt die Ärztin unbeteiligt.

Dafür hasse ich sie.

Sie schaltet einen Monitor an, greift zu einer Tube Gel und sagt zu Ivy: »Es könnte jetzt ein wenig kalt werden.« Das kennen wir schon: der Monitor, der weiße Lichtbogen, das Bild zweier Babys, die sich im Schoß ihrer Mutter aneinanderkuscheln. Ivy wendet den Blick vom Bildschirm ab und sieht an die Decke. Die Ärztin drückt auf die Wölbung, bis sich das Monitorbild verschiebt und es so aussieht, als würden sich beide Babys bewegen.

Eine kleine Faust ballt sich, öffnet und schließt sich wieder, und ich stelle fest, dass ich dasselbe in meiner Jackentasche tue. Ein kleiner weißer Fleck im Zentrum des Ultraschallbildes pocht schnell. Ich sehe die Ärztin an, aber ihr Gesichtsausdruck verrät nichts. Sie bewegt die Sonde, drückt wieder und wieder auf Ivys Bauch, und ich erkenne rote Streifen auf ihrer Haut. Die Ärztin macht eine weitere Untersuchung, für die sie diesmal eine Vaginalsonde benutzt. Dann stellt sie den Monitor ab.

»Es tut mir leid«, sagt sie.

Ivy zieht die Hand weg und rollt sich auf die Seite. Ihr Rücken bebt in Krämpfen, und sie weint, als werde sie von physischen Schmerzen gequält. Unter Tränen wiederholt sie unentwegt dieselben Wörter: »Mein Baby, mein Baby, mein Baby.«

Die Ärztin und die Hebamme lassen uns allein. Ich sehe hilflos zu, suche in Gedanken nach tröstlichen Worten, aber was könnte ich schon sagen, das nicht oberflächlich oder unehrlich oder beschissen banal klänge? Ivy schluchzt so sehr, dass ich sie aus Angst um das verbleibende Baby am liebsten bitten möchte, sich zusammenzureißen.

Meine Gesichtszüge sind mir vor Trauer völlig entgleist, und ich spüre, wie mir ebenfalls die Tränen kommen, ihnen jedoch freien Lauf zu lassen, schiene mir eine Zumutung angesichts Ivys unmittelbarem Schmerz. Also weine ich nicht und sage nichts. Ich streichle Ivys Rücken und küsse ihr Haar, und als ihr Weinen verstummt, bin ich so erleichtert wie beschämt darüber.

Um drei Uhr morgens kehrt die Hebamme zurück. Sie misst Ivys Blutdruck und untersucht ihren Gebärmutterhals, wobei Ivy stumm und teilnahmslos daliegt. Die Hebamme erklärt uns, dass man zur Sicherheit des überlebenden Zwillings die Wehen einleiten müsse. Sie fragt, ob Ivy versteht, und Ivy nickt. Die Hebamme sagt, dass wir in der Klinik bleiben oder für eine letzte Nacht heimfahren könnten.

Was wollen Sie tun?, fragt sie, und Ivy schüttelt den Kopf und schlingt die Arme um den Bauch. Die Hebamme sagt, es sei vielleicht keine schlechte Idee, nach Hause zu fahren, etwas zu schlafen und noch ein paar Stunden »zu viert« zu haben.

»Was möchtest du?«, frage ich Ivy.

Sie sieht mich ausdruckslos an, setzt sich auf und klettert vom Bett. Sie geht zur Tür, und ich nehme unsere Kliniktasche und folge ihr…

Die ganze Geschichte von Ivy und Fisher kannst du in diesem Buch lesen:

Zwei für immer

von Andy Jones
Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00664-7

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