InterviewKleine große Liebe: Annett Louisan über ihre neue Mutterrolle und das Erwachsenwerden

Nach einer kleinen Babypause ist Sängerin Annett Louisan mit neuer Musik zurück, sogar gleich mit einem Doppelalbum. Es trägt den Titel „Kleine Große Liebe“ und beinhaltet ganze 20 Songs. Wunderweib hat die fleißige Musikerin in Hamburg zum Interview getroffen.

Die Hamburgerin Annett Louisan (41) meldet sich mit ihrem neuen Album „Kleine Große Liebe“ aus der Babypause zurück. Nach der Geburt ihres ersten Kindes hat sich im Leben der Sängerin vieles verändert. Den Weg zurück zur Musik und ins Studio hat sie nach anfänglichen Schwierigkeiten trotzdem gefunden – zum Glück. Mit Wunderweib sprach die Musikerin über ihre „Kleine Große Liebe“, das Erwachsenwerden, Perfektionsdruck und ihre Macken.

Es ist bereits fünf Jahre her, dass du ein Studioalbum veröffentlich hast. Nun bist du gleich mit einem Doppelalbum zurück, wieso?

Es ist das erste Doppelalbum meiner Karriere. Die letzten fünf Jahre ist wirklich eine Menge passiert. Es ist fast ein Klischee, aber ich habe die 40 überschritten, bin Mutter geworden. Es war ein Lebensabschnitt, der intensiv war und ich habe das zuerst gar nicht gemerkt, aber ich habe eigentlich die ganze Zeit zwei Alben geschrieben. Die Lieder waren musikalisch so unterschiedlich, dass ich zu viele Kompromisse hätte machen müssen, um das alles auf eine Platte zu packen. Als dann die Idee vom Doppelalbum entstanden ist, war alles ganz einfach.

Wie stehst du zu deiner kleinen Schaffenspause?

Ich empfinde es als ein Privileg, dass ich mit meiner Musik alt werden kann. Das ist ja gerade in der Popmusik wirklich schwer, weil die Zeitfenster immer kleiner werden. Das ist so schade. Deshalb lohnt es sich eigentlich immer ein bisschen durchzuhalten, auch in Freundschaften und mit Menschen, weil nach diesem ersten Rausch kommt vielleicht erstmal eine große Langeweile. Aber manchmal braucht man auch die Langeweile, damit sich etwas entwickeln kann. Und ich glaube, so ist das auch in Karrieren. Ich habe manchmal ein bisschen Angst, dass wir so schnelllebig werden, dass wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, dass jemand auch so wachsen kann. So Künstlerkarrieren wie David Bowie, die man so begleitet bis zum Ende. Das wäre schade, wenn das nicht mehr möglich ist.

Was ist für dich am schwierigsten am Erwachsenwerden?

Schon allein das Wort Erwachsenwerden ist irgendwie schwierig. Das ist merkwürdig negativ behaftet, weil man sich immer so dagegen wert oder Angst davor hat. Aber es ist eigentlich auch was Schönes, weil es bedeutet ja auch irgendwie, dass man die Verantwortung für sich und auch für andere übernehmen kann. Für mich war es toll auch ein bisschen das Tempo rauszunehmen. Ich hatte eine sehr weit ausgedehnte Jugendzeit. Aber irgendwann hat es mir nicht mehr gutgetan und ich hatte ein echtes Bedürfnis nach Sinn und Zugehörigkeit – eigentlich der Klassiker. Dass man einfach anfängt, sich auch diese Familienfrage zu stellen. Und ich musste ein bisschen Platz in meinem Leben machen, damit das dann auch hinhaut.

Was ist deine kleine große Liebe?

Im Grunde fand ich den Gedanken schön die Liebe nicht so bewerten zu müssen, was man immer gerne macht und tut. Ich habe einfach ganz viel Liebe in meinem Leben, im Großen wie im Kleinen. Das Glück im Kleinen finden war für mich irgendwie ganz wichtig. Ich könnte sagen, dass meine kleine Liebe die Schneeglöckchen sind, die vor meinem Haus stehen, an denen ich mich in den letzten Wochen so erfreut habe. Weil es für mich so ein Gefühl von Kindheit ist und sie mich glücklich machen. Und die große Liebe, die liegt neben mir im Bett und strahlt mich an, das sind mein Mann und meine Tochter natürlich. Aber das Kleine findet sich im Großen.

Wie hast du dich durch deine Mutterrolle als Mensch verändert?

Sehr, das verändert eigentlich schon alles, jeden Bereich im Leben. Man hat sich immer noch, man nimmt sich überall mit hin, aber es kommen so neue Punkte dazu. Ich habe mich als Mutter nochmal komplett neu kennengelernt. Ich bin auch total überrascht von mir selbst, wie ich dann wirklich bin und dass ich dann doch auch viel mehr Probleme mit dem Loslassen habe. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich bin weicher geworden an einigen Stellen, aber auch stärker an anderen. Ich kann heute viel besser Nein sagen. Das habe ich auch durch meine Tochter gelernt, ganz automatisch.

Auch das Verhältnis zum Älterwerden an sich ist besser geworden. Noch vor ein paar Jahren hatte ich immer so Angst vor der 40. Das ist heute alles nicht mehr so schlimm. Und das ist ein richtig tolles Gefühl, dass man mit Würde seine Falten trägt und dass man sich freut und das alles auch mit Humor sehen kann.

Wie gehst du mit dem Perfektionsdruck als Künstlerin und Mutter in der Öffentlichkeit um?

Auch besser als früher denke ich zumindest. Es fängt ja jetzt gerade auch erst wieder an. Aber den Druck, dass das alles so erfolgreich bleiben muss, den hatte ich eigentlich nie so stark. Für mich war immer wichtig ernst genommen zu werden. Da kommt meine Selbstkritik ins Spiel und die ist manchmal hart. Aber auch da bin ich jetzt ein bisschen milder mit mir selbst.

Wie zeigst du dich auf Instagram?

Ich empfinde Instagram als sehr interessantes Netzwerk, um meinem Publikum zu begegnen und so auf eine schnelle direkte Art und Weise mit den Menschen zu kommunizieren. Das ist toll, das ist alles so inoffiziell, wirklich aus dem Privatleben heraus.

Ich bin aber immer noch etwas überfordert von der Tatsache, dass mir einfach die Zeit fehlt, ständig zu posten. Wann soll ich das denn machen so zwischen Tür und Angel? (lacht) Ich habe komischerweise dann doch immer das Gefühl, dass die Leute von denen ich wissen will, was die machen, die posten nichts und die andern, die binden dir das ständig auf die Nase. Doch wir sind alle Kinder unserer Zeit und es ist es total spannend. Ich ertapp mich auch dabei, dass ich stalke und mal gucke.

Hast du manchmal das Gefühl, dass dir alles über den Kopf wächst? Was tust du dann?

Ich finde es total schwierig, alles noch unter einen Hut zu kriegen. Heute weiß ich aber, dass ich wesentlich besser auf mich aufpassen muss. Ich muss darauf achten, dass ich genug schlafe und ich kann mir auch nicht mehr so viel erlauben. Das gebe ich auch ganz offen zu. Ich muss meine Zeit klar und gut einteilen und mir viel Ruhe gönnen und auch Entspannung ist wichtig. Den Luxus der Zeitverschwendung habe ich jetzt auch mit der Mutterrolle nicht mehr. Ich frag mich manchmal, was habe ich früher eigentlich mit der ganzen Zeit gemacht? War ich faul? Was habe ich nur den ganzen Tag gemacht? (Lacht) Das ist wirklich Wahnsinn.

Was sind deine Macken?

Ich habe Macken. Es ist nur manchmal schwierig die an sich selbst zu erkennen, oder auch schwierig sie zuzugeben. Ich habe den Hang recht haben zu wollen, da muss ich etwas aufpassen. Immer das letzte Wort zu haben, das ist manchmal vielleicht etwas schwierig. Ich bin vielleicht auch nicht die Ordentlichste. Ich bin der klassische Typ, der die Zahnpastatube nicht wieder zuschraubt. Macken sind auch wunderschön menschlich und manchmal findet sich darin auch die kleine und große Liebe! 

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