Ein persönlicher Nachruf von Christina DörrAvicii ist tot - mit ihm meine Jugend (ein Nachruf)

Avicii ist tot - die Schlagzeile flimmert vergangene Woche über meinen Facebook-Feed zwischen Rezeptvideos, GIFs und den Urlaubsgrüßen der Leute aus meiner Kontaktliste. Ich sage bewusst nicht „Freunde“ - so wie Facebook sie nennt - denn wenn wir mal ehrlich sind, haben wir mit vielen nicht mehr gemeinsam als einen Account in dem sozialen Medium.

Avicii ist tot - mit ihm meine Jugend (ein Nachruf)
Foto: Getty Images

Avicii ist tot - mit ihm meine Jugend. Warum? Weil mich die Todesmeldung des Star DJs nicht mehr loslässt und ich deshalb meine Gedanken zu Papier bringen musste, um sie aus dem Kopf zu kriegen. Julia Engelmann hätte dazu wahrscheinlich ge-poetry-slammt, aber so kreativ bin ich nicht. Ist es nicht irre, was allein der Name eines Künstlers in unserem Gehirn an Reaktionen anschieben kann? Ich lese gerade noch die News und schon schießt mir „Wake me up“ in den Kopf und eine ziemlich konfuse Partynacht mit Schulfreundinnen in der italienischen Schweiz. Wie aus dem Stegreif könnte ich plötzlich sogar fast detailgenau sagen, was jede von ihnen an diesem Abend für ein Kleid trug!

Ohja, wir haben sie durchlebt: die Höhen und Tiefen der Abitur- und Studienzeit. Wo man manchmal wirklich einfach nur gerne die Augen geschlossen hätte um aufzuwachen, wenn man weiser und älter ist. Musik bedeutet so viel mehr als das Streicheln unserer Ohrmuscheln. Musik ist Emotion und daraus entsteht eine Erinnerung. Diese sind bei mir so klar wie sonst kaum, wenn sich die Klänge der musikalischen Werke Aviciis wie von selbst in meinem Kopf abspielen. Auch klar ist, dass ich in den meisten Momenten, wo ich sie hörte aber auch nicht wirklich nüchtern war. Was aber da war: die Emotion!

Während sich vor meinem inneren Auge noch die Partynacht von damals abspielt lese ich weiter und bleibe an Aviciis Todesalter hängen. Er wurde nur 28 Jahre alt. So alt wie ich heute bin. Ich bin erschüttert und beeindruckt zugleich. 28 ist kein Alter zum Ableben, auch wenn die Besten bekanntlich jung sterben. Kesha empfiehlt „the most of the night“ zu machen, weil man eventuell jung sterben könnte. Wer nimmt das schon wirklich ernst? Aber: Wenn man mit so großen Schritten auf die 30 zugeht und einem das so richtig bewusst wird, wenn man liest wie jemand im selben Alter verstorben ist, fühlt sich das nur so semi-gut an. Ist es nicht verrückt, dass mein Abiturjahrgang bald 10 Jahre zurückliegt? Wo ist die Zeit hin und was ist seither passiert? Ich bin beeindruckt, wie schnell das jetzt ging! Wollten die einen nicht schon verheiratet sein und Kinder haben, wohingegen die anderen, denen man zugetraut hätte den heimischen Hof zu übernehmen plötzlich die Welt bereisen? Nichts ist so gekommen wie es sollte und das ist gut so.

Die Menschen haben sich entwickelt, Beziehungen gingen zu Bruch, Freundschaften haben sich verändert, jeder ging seinen Weg. Und jetzt sind wir hier: mitten im Leben! Und dann reißt es einen Menschen heraus, der unsere Jugend maßgeblich beeinflusste. Für einige mag das absurd klingen, aber die Meldung über Aviciis Tod ruft bei mir mehr Erinnerungen wach, als Fotoalben es je könnten. Mit ihm geht nicht nur ein unglaublich talentierter Musiker. Mit ihm geht meine Jugend - im übertragenen Sinn.

In meinem Alter stehen viele vor einem absoluten Wendepunkt im Leben. Auch wenn ich jetzt an einem Punkt angekommen bin, an dem ich gerne aufgewacht wäre, wenn ich früher mit geschlossenen Augen „when it´s all over“ gesummt hatte - stelle ich mir die Frage: bin ich bereit für diesen neuen Lebensabschnitt? Wenn es morgen vorbei wäre, hätte ich Frieden mit allem geschlossen, was war?

Das Leben passiert einfach und fragt nicht nach unserer Meinung. Es stellt uns neue Aufgaben, die wir zu meistern haben und die uns manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen. Mich hat der Tod Aviciis dazu bewogen, mir meine aktuelle Situation nochmal genauer anzusehen und mich bereit zu machen für den nächsten Schritt ins „ErwachsenSein“. Und dieser beinhaltet: Abschließen. Avicii ist tot - und mit ihm meine Jugend. Heute ist das völlig okay, denn wir leben in der Gegenwart. Zumindest finden alle immer diese Sprüchetafeln in Instagram oder Facebook dazu ganz toll und bekunden das mit einem Like oder Share. Aber tun wir das wirklich? Leben wir den Moment?

Mein Appell wäre: Ungeklärte Angelegenheiten klären! Alten Freunden sagen, dass sie immer einen Platz in eurem Herzen haben! Neuen Freunden bekunden, wie dankbar wir über die Begegnung sind und den Moment mit den Liebsten in vollen Zügen genießen. Wir wissen nicht was kommt, aber um es in den Worten der Swedish House Mafia zu sagen: „Don´t you worry, don´t you worry, child. See heaven´s got a plan for you!“ Auch für dich, Tim - RIP.

Dieser Artikel ist ein Gast-Beitrag von Christina Sie teilt ihre Gedanken als Nutellacinderella auf Instagram, Facebook und YouTube 😊💕

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