Irrer Baby-TrendBabykino: Warum wollen immer mehr Eltern ihr Baby schon vor dessen Geburt herumzeigen?

3D-Modelle des Fötus in Hartplastik, Ultraschallvideos aus allen Richtungen, Posts von Ultraschallbildern in sozialen Netzwerken, auf denen deutlich das Geschlecht zu erkennen ist. Geht das nicht irgendwie zu weit? Was sagt es über uns aus, dass wir unser Innerstes in der Schwangerschaft so exponiert nach außen stellen wollen?

Babykino: Warum wollen immer mehr Eltern ihr Baby schon vor dessen Geburt herumzeigen?
Foto: simarik / iStock

Es löst ein mulmiges Gefühl in mir aus, wenn ich sehe, was der Markt für werdende Eltern so hergibt. Als ob es nicht schon aufregend genug ist, dem errechneten Geburtstermin entgegenzufiebern und bis auf medizinisch notwenige Untersuchungen einfach mal die Natur machen zu lassen. Nein. Heute können Eltern schon vor der Geburt eine ganze Menge direkt aus dem Mutterleib zur Schau stellen.

Ultraschallbilder sind wir gewohnt und sie haben im Rahmen der Vorsorge ja auch eine wichtige Funktion. Doch damit geben sich heute nicht mehr alle zufrieden. Deshalb gibt es seit einiger Zeit schon alles von dreidimensionalen Videos vom Ungeborenen bis zu originalgetreuen Nachbildungen aus Hartplastik vom Kopf oder auch gleich vom ganzen Körper des Ungeborenen. Irgendwie eine skurrile Preview-Show.

Sicher ist es jedem selbst überlassen, was sein Herz erfreut. Aber nimmt diese vorgezogene Begutachtung nicht etwas vorweg, was naturgemäß normalerweise erst nach der Geburt passiert? Staunen, zeigen, bewundern lassen – vor der Geburt. Was macht das mit Eltern und Kind?

Der aktuelle Trend geht für viele dahin, alles Machbare auch zu tun. Auch pränatal. Aber was ist das für ein Hype, wenn Schwangern außerhalb der Vorsorgeuntersuchung ein Ultraschallgerät mit „Bediener“ ausleihen und auf Babykino zu Hause bestehen? Weil wir es uns leisten können und das auch gern unter Beweis stellen? Weil wir es als besonders gründlich deklarieren, anstatt als übertrieben? Sicher gibt es auch eine Gegenbewegung dazu. Aber die sind nun mal oft leiser als die Konsummaschine. So kommen ständig neue aberwitzige Kaufmöglichkeiten auf werdende Eltern zu.

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Als besonders befremdlich erschien mir vor einiger Zeit unter den Innovationen für Schwangere eine Entdeckung an einem Messestand: Dort wurden die eingangs erwähnten Nachbildungen der Gesichter von Föten angeboten, deren Form aus Ultraschalldaten erzeugt wird. Technisch fand ich es sehr interessant zu sehen, was alles möglich ist. Aber darüber hinaus sahen die Teile einfach unheimlich aus. Wie Bruchstücke von Masken, weil der Ultraschall natürlich nicht immer das ganze Gesicht des Kindes erfasst. Und natürlich unfertig, weil das Baby ja noch in der Entwicklung ist. Ich musste unweigerlich an Frühgeburten denken, aber auch ans Phantom der Oper. Und nicht zuletzt an die Frage, wo man das dann hinstellt. Auf den Kaminsims oder Nachttisch? Auf den „Baby-Schrein“, für die Pullerparty? Oder als Geschenk für Oma? Das Gesicht möchte ich sehen. Neumodischer Schnickschnack würden ältere Hamburger sagen. Da schließe ich mich an.

Auf so vielen Gebieten besinnen wir uns auf den Trend "zurück zur Natur". Doch wo wir im Rahmen von Schwangerschaft und Elternschaft etwas Neuartiges und Exklusives angeboten bekommen, sind wir zu allerhand Unsinn bereit.

Genügt es nicht, wenn wir das Kind zeigen, wenn es auf der Welt ist? Vorher haben doch alle genug damit zu tun, sich an die neue Rolle zu gewöhnen, alle Veränderungen zu integrieren und sich einzustimmen. So viel geht in unserer Psyche vor, wenn wir uns auf ein Kind einstellen. Jede unnötige Vorschau funkt da in etwas rein, das eigentlich so intim ist, wie sonst wenig auf der Welt. Exklusiver geht es doch nicht! Warum kann es nicht einmal so bleiben!?

Außerdem gibt es auch noch die fehlende Einwilligung der Kinder. Wie werden die das mit 15 Jahren finden, wenn eine Fötus-Plastik von ihnen das Haus ziert, die aussieht wie ein Alien? Das verletzt zumindest die Privatsphäre des Kindes.

Vielleicht mag es den ein oder anderen werdenden Vater mit hoher technischer Affinität faszinieren, wenn er seinen Nachwuchs schon ein paar Wochen vor der Geburt als Modell anschauen kann. Doch das ist eine Annäherung von außen durch technische Momentaufnahmen, deren mutmaßliche Wirkung auf Körper und Seele der Familie wir zumindest hinterfragen sollten.

Diese Babynamen bedeuten Glück (Artikel geht unter dem Video weiter): 

 

Was bringt es mir, meinem Partner und dem Kind, wenn ich alles Mögliche von ihm schon präsentiere, bevor es überhaupt - hoffentlich lebend - die Welt erblickt? Kann ich meine Vorfreude nicht auch anders ausdrücken? Es ist doch auch etwas Kostbares, wenn wir ohne viel Brimborium innerlich Kontakt zum Ungeborenen aufnehmen und uns dann überraschen lassen, was für ein Persönchen unser neues Familienmitglied wird.

Denn eins ist doch eh klar: Es wird ohnehin das wunderschönste Kind auf der Welt. Das wissen wir alle schon vorher! Alles andere erscheint da doch als Schmuck am Nachthemd! Oder nicht!?  

Autorin: Marthe Kniep

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