KolumneDarum erschüttert mich das 125-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts

Am 19. September 1893 führte Neuseeland als erstes Land der Welt das landesweite aktive Frauenwahlrecht ein. Heute wird mir mal wieder bewusst, wie viel Arbeit noch vor uns liegt​.

Vor genau 125 Jahren führte Neuseeland als erstes Land der Welt das landesweite Frauenwahlrecht ein. Wenn ich so an mein eigenes Alter (28) denke, kommen mir 125 Jahre zuerst einmal ganz schön viel vor. Aber mit Blick auf die Geschichte, sind 125 Jahre doch eigentlich nichts. 

 

Frauenwahlreicht in der Schweiz? 1971!

Richtig wachgerüttelt hat mich an diesem Tag jedoch vor allem die Entdeckung, wie spät das Frauenwahlrecht in anderen Ländern der Welt, insbesondere in weiteren europäischen Ländern, erst eingeführt wurde. Als ich heute Morgen erst einmal angefangen hatte, mich einzulesen – und aufzuregen –, konnte ich gar nicht mehr aufhören.

Ich wusste zwar schon, dass es von der ersten landesweiten Einführung des Frauenwahlrechts noch ein weiter Weg war und ist, aber ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, dass Frauen in Griechenland erst seit 1952 wählen dürfen. In der Schweiz dauerte es sogar noch 19 Jahre länger, bis Männer UND Frauen an die Wahlurnen treten durften. Das Kanton Appenzell-Innerrhoden führte das Frauenwahlrecht sogar erst 1990 endgültig ein. Deutschland war 1918 das zehnte Land weltweit, das auch für Frauen das Wahlrecht einführte.

 

Was ist los im Staate Liechtenstein?

Liechtenstein ist dagegen noch ein ganz anderes Kapitel. Erst im Jahr 1984 stimmten die dort wahlberechtigten Männer mit einer knappen Mehrheit von 51,9 Prozent dafür, dass auch Frauen das Wahlrecht haben. Das Gleichstellungsgesetz, das Frauen und Männer rechtlich gesehen in jeder Hinsicht gleichsetzt, folgte in Liechtenstein sogar erst 1999. Das war mir bis zu diesem Tag nicht bewusst.

Wenn ich dann lese, dass die Frauen, die sich gegen die Ungerechtigkeit in Liechtenstein zu wehren versuchten, mit den Worten „Die Frau schweige in der Gemeinde“ aus dem Neuen Testament abgebügelt wurden, wird mir ganz anders.

Das trifft für andere Länder sogar noch mehr zu. Frauen in Saudi-Arabien durften erst 2015 das erste Mal an einer Kommunalwahl teilnehmen. Zu dem Zeitpunkt habe ich in Deutschland schon mehrmals meine Stimme bei unterschiedlichen Wahlen abgegeben.

Wahlrecht ist nicht gleich Wahlrecht

Dazu kommt dann noch, dass die Einführung eines Frauenwahlrechts in vielen Ländern noch lange nicht bedeutete, dass wirklich alle Frauen wählen durften. In Großbritannien durften von 1918 bis 1928 nur Frauen wählen, die mindestens 30 Jahre alt und selbst Hausbesitzerin oder die Ehefrau eines Hausbesitzers waren. Ebenfalls zur Wahl berechtigt waren Frauen im Mindestalter, deren Besitz ihnen zumindest fünf Pfund Jahresrente einbrachte, oder Frauen, die eine universitäre Ausbildung abgeschlossen hatten.

In Südafrika hingegen wurde das Wahlrecht für schwarze Frauen erst 1994 eingeführt. 1994! Weiße Frauen dürfen dagegen seit 1930 wählen, indischstämmige Frauen seit 1984.

Warum wir jetzt nicht aufhören dürfen

Dieses wichtige 125-jährige Jubiläum der landesweiten Einführung des Frauenwahlrechts in Neuseeland ist außerdem ein guter Anstoß, darüber nachzudenken, das auch 2018 noch weiter gekämpft werden muss.

Noch heute gibt es Länder, in denen Frauen nicht beziehungsweise nur eingeschränkt wählen dürfen. Dazu gehören beispielsweise Bhutan, Brunei und der Libanon. In letzterem Staat dürfen Frauen bis heute nur zur Wahl gehen, wenn sie in der Lage sind, einen gewissen Bildungsgrad nachzuweisen. Männer müssen das nicht. Sie sind hingegen sogar zur Wahl verpflichtet.

Außerdem ist es mit einem Frauenwahlrecht ganz sicher nicht getan. Die Welt ist voll von Ungerechtigkeiten, an die man kaum zu denken wagt. Ein paar davon haben wir Anfang des Jahres zusammengetragen, als wir mit unserer Aktion StatusNo auf den Weltfrauentag reagierten.

Laut einer Untersuchung der Organisation Save the Children wird beispielsweise alle sieben Sekunden weltweit ein Mädchen unter 15 Jahren zwangsverheiratet (Stand: 2016).

In Saudi-Arabien dürfen Frauen zwar nun endlich wählen, doch das heißt noch nicht, dass sie auch darüber bestimmen dürfen, wen sie heiraten.

 

In Malta sind Abtreibungen illegal

Außerdem haben Frauen in einer erschreckend hohen Anzahl von Ländern nicht das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen und eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Zu diesen Ländern zählen auch europäische Staaten. In Malta ist eine Abtreibung, egal unter welchen Umständen, illegal. In Polen und Monaco darf eine Abtreibung nur durchgeführt werden, wenn die Gesundheit der Mutter ernsthaft in Gefahr ist, der Fötus eine schwere Behinderung aufweist oder die Schwangere vergewaltigt wurde. Irland kippte sein totales Abtreibungsverbot erst in diesem Jahr. 

Weitere Zahlen, die mir einen Schauer über den Rücken jagen, gibt es aber auch aus Deutschland. Nach Angaben des Bundeskriminalamts waren 2017 fast 82 Prozent der Opfer versuchter und vollendeter Gewalt in der Partnerschaft weiblich. 

Häusliche Gewalt gegen Frauen: Genau hinschauen!

In vielen Ländern der Welt ist zudem eine Vergewaltigung nicht strafbar, wenn die Frau von ihrem eigenen Ehemann zum Sex gezwungen wird. In Deutschland ist Vergewaltigung in der Ehe übrigens auch erst seit 1997 eine Straftat. Das entsprechende Gesetz trat am 1. Juli 1997 in Kraft – das ist gerade einmal 21 Jahre her.

Natürlich sind dies alles nur Beispiele für viele, viele weitere Probleme, die es noch zu lösen gilt. Alles aufzulisten, ist hier einfach nicht möglich. Wir haben auf jeden Fall noch einen weiten Weg vor uns.

Mir ist an diesem Tag einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass ich die Rechte, die mir glücklicherweise heute gegeben sind, auch nutze. Weiterhin immer wählen zu gehen, ist da ein wichtiger Schritt.

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