Was spricht dafür, was dagegen?Grundeinkommen für alle: Die Rettung aus Hartz IV?

Wie sinnvoll wäre es, Hartz IV abzuschaffen und ein Grundeinkommen für alle in Deutschland einzuführen? Was dafür und was dagegen spricht, erfährst du hier. 
 

Inhalt
  1. Das Grundeinkommen: Modernes System der sozialen Absicherung
  2. Geld für alle: die Vorteile
  3. Längst nicht alle sind vom Grundeinkommen überzeugt
  4. Wie ließe sich ein Grundeinkommen finanzieren?
  5. So geht es denen, die das Grundeinkommen schon bekommen

Tschüss, Hartz IV: "Das Grundeinkommen wird kommen", ist sich Frank Thelen (43), Unternehmer und Star der TV-Show "Die Höhle der Löwen", sicher – und mit dieser Meinung steht er nicht alleine da. Doch die Idee, dass jeder Bürger unabhängig von Leistung oder auch eigenem Vermögen Geld vom Staat bekommt, wirft viele Fragen auf. Wir helfen beim Überblick.

 

Das Grundeinkommen: Modernes System der sozialen Absicherung

In einem Gastbeitrag auf "Xing.de" spricht sich Frank Thelen, Gründer und CEO von Freigeist Capital, für ein gerechtes, aber kein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Ein solches System solle "in Abhängigkeit von Lebensphase und Qualifikation entsprechende Gegenleistungen" fordern. Dazu schreibt Thelen: 
"Natürlich zuvorderst das Ausüben eines Berufes und jegliche Maßnahmen der Bildung und Weiterbildung. Die Erziehung von Kindern wäre gleichfalls eine anzuerkennende Aufgabe. Und auch sonst gibt es viele Bereiche, in denen man für die Gemeinschaft aktiv werden könnte: Einsatz für den Umweltschutz, Trainer in Sportvereinen, Vorlesen in Kindergärten, Unterstützung älterer Menschen, kreative Tätigkeiten oder die Vorbereitung der Gründung eines Unternehmens."

 

Geld für alle: die Vorteile

Die Befürworter des Grundeinkommens ziehen meistens einen direkten Vergleich zum Arbeitslosengeld II, also zu Hartz IV, das zum Großteil als menschenunwürdig wahrgenommen wird. Und das auf mehreren Ebenen: Abgesehen vom bürokratischen Aufwand bleibt den Empfängern meist kaum genug Geld zum Leben, der soziale Stempel ist enorm. Außerdem ist das Bestrafungssystem den meisten ein Dorn im Auge: Leistungskürzungen für jene, die sich nicht um einen Job bemühen, wird als Schikane empfunden. 
Würde nun jeder Bürger beispielsweise 1.000 Euro im Monat Grundeinkommen beziehen, wäre ein bodenständiges Leben gesichert und die Menschen könnten sich freier für einen Beruf ihrer Wahl entscheiden. So könnten einige auch Jobs ausüben, die bisher (zu) schlecht bezahlt sind.
Frank Thelen schreibt dazu: "Ein solches Grundeinkommenskonzept könnte helfen, unsere Gesellschaft auf vielen Ebenen nach vorn zu bringen, und großes kreatives und soziales Potenzial entfesseln. Außerdem würde es Menschen ohne Festanstellung endlich eine Perspektive, Motivation und Würde geben – anders, als dies zum Beispiel von vielen bei Hartz IV empfunden wird."

 

Längst nicht alle sind vom Grundeinkommen überzeugt

Das Grundeinkommen hat genauso viele Gegner wie es Anhänger hat. Die meisten Kritiker betonen, dass diese Form der sozialen Sicherung, die alle Menschen, egal ob arm oder reich, als gleich einstuft, zu individueller Ungerechtigkeit führt – und dass vor allem die sowieso schon Benachteiligten weiter benachteiligt werden. In einem Kommentar auf "NDR.de" schreibt Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge beispielsweise:
"Eine solche Gleichbehandlung aller Bürger/innen im Sinne der Nivellierung nach unten führt zwangsläufig zu individueller Ungerechtigkeit, weil sie gerade die Menschen in den schwierigsten Lebenslagen, etwa Schwerstbehinderte mit hohen Extrakosten, benachteiligt. Dasselbe gilt für Alleinstehende sowie Personen, deren Einkommen durch hohe Miet- beziehungsweise Mietnebenkosten gemindert wird. Bessergestellt wären hingegen Personen mit Wohneigentum oder einer geringen Miete sowie in Mehrpersonenhaushalten lebende BGE-Bezieher/innen (BGE = bedingungsloses Grundeinkommen) wegen geringerer Fixkosten."

 

Wie ließe sich ein Grundeinkommen finanzieren?

Die größte Streitfrage zwischen Befürwortern und Kritikern des Grundeinkommens ist – natürlich – die der Finanzierung. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" fragte Christoph Butterwegge schon 2017: "Bei 82 Millionen Menschen 1.000 Euro pro Kopf im Jahr - das wäre eine Billion Euro im Jahr. Wie soll man das finanzieren?"
Befürworter bringen immer wieder vorsichtige Lösungsvorschläge ein. Einer davon beinhaltet, die bisherigen sozialen Leistungen zu streichen oder anzupassen. Oder eine Robotersteuer einzuführen, die auch Frank Thelen vorschlägt. In einer Welt, in der Technik auf dem Vormarsch ist und Computer menschliche Arbeitskräfte zusehends ersetzen, ein großer Faktor: "Roboter, Serverfarmen und autonome Fahrzeug brauchen ja keinen Lohn, weswegen es nur fair wäre, wenn es einen entsprechenden Ausgleich für den Wegfall der damit verbundenen Steuern gäbe."
Das sieht auch Wirtschafts- und Politikwissenschaftlers Bernhard Neumärker so, der in der ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit" anmerkt: "Wir werden Roboterarbeiten mit Grundeinkommen besteuern müssen."
Trotz mehrere Ansätze hat sich bisher aber noch niemand getraut, ein wirkliches Konzept zum Grundeinkommen vorzulegen. 

 

So geht es denen, die das Grundeinkommen schon bekommen

Für viele Menschen ist das bedingungslose Grundeinkommen inmitten all der Diskussionen längst Realität. Finnland testet es seit Januar 2017 mit 2.000 Menschen – darunter eine deutsche Auswanderin – und auch in Deutschland gibt es einige Glückliche, die mit 1.000 Euro im Monat beschenkt werden. Das Projekt "Mein Grundeinkommen" sammelt via Crowdfunding Geld für das Grundeinkommen und immer, wenn 12.000 Euro zusammengekommen sind, wird ein Gewinner ausgelost, der das Geld über ein Jahr verteilt erhält
Das Hervorstechendste, wenn man sich die Gewinner und ihre Geschichten anschaut: Keiner von ihnen hat sich "auf die faule Haut gelegt" – wie Kritiker des Grundeinkommens so gerne aufzeigen –, sondern etwas mit dem Geld erreicht. Der "Bayrische Rundfunk" unterhielt sich mit Marlene Graßl (35), einer der Gewinnerinnen der Aktion. Sie hatte gerade ihren Job als Marketingexpertin gekündigt, als sie ausgelost wurde. Inzwischen ist sie selbstständige Mental-Trainerin und Feng-Shui-Beraterin. "Das, was das Grundeinkommen mit sich bringt, ist, dass dieser innere Antrieb noch mehr in Gang kommt. Dass man Dinge macht, weil man sie will", kann sie bestätigen.  

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