Die fatalen Folgen der KinderarmutHartz IV Kindern droht Mangelernährung: Gesunde Ernährung bei aktuellem Regelsatz unmöglich

Für Kinder in Hartz IV-Familien sind für die Ernährung täglich weniger als drei Euro angesetzt. Ernährungswissenschaftler sind der Meinung, dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung davon nicht möglich ist, und warnen vor den fatalen Folgen für die Kinder. 

Inhalt
  1. 2,5 Millionen Kinder & Jugendliche leben von Hartz IV
  2. Entwicklungsstörungen beeinträchtigen das Gehirn
  3. Kinder werden vom Gesetzgeber falsch behandelt

2,77 Euro ist der Betrag, den eine Mutter, die Hartz IV bezieht, täglich für die Verpflegung ihres Kindes zur Verfügung hat. So manche Mutter in Deutschland zahlt so viel für einen gesunden Snack aus dem Bioladen. Mit diesen 2,77 Euro soll ein Kind nährstoffreich, vollwertig und gesund ernährt werden. Ernährungswissenschaftler der Fachgesellschaft Society of Nutrition and Food Science (SNFS) mit Sitz an der Universität Hohenheim in Stuttgart, sagen jetzt, das sei unmöglich! 

Laut der Experten seien mindesten vier Euro pro Tag nötig, um eine gesunde Ernährung für ein Kind unter sechs Jahren gewährleisten zu können. Doch weil genau dieses Geld in armen Familien fehlt, droht vielen Kindern eine Mangelernährung. In einem so reichen Land wie Deutschland scheint das kaum vorstellbar, doch für Millionen Kinder könnte genau das jetzt bittere Realität werden. 

 

2,5 Millionen Kinder & Jugendliche leben von Hartz IV

In Deutschland leben zurzeit ca. 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, die Hartz IV beziehen, weitere 1,8 Millionen sind laut einer neuen Studie von Armut bedroht. Sie alle bekommen vom Staat weniger als drei Euro für Lebensmittel gestellt. Satt werden die Kinder zwar davon, aber eine abwechslungsreiche und vor allem ausgewogene Ernährung ist von dem Regelsatz unmöglich. Um sich altersgerecht entwickeln zu können, sollten Obst und Gemüse sowie Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Eier auf dem Speiseplan stehen, die durch sättigende Beilagen wie Kartoffeln, Reis und Nudeln ergänzt werden. Für Familien, die von Hartz IV leben, ist es schwer, diesen Ernährungsplan auch wirklich in die Tat umzusetzen. 

"Es gibt zahlreiche Untersuchungen dazu, dass die Qualität eines Lebensmittels, also die Menge an enthaltenen Mikronährstoffen, mit sinkendem Preis abnimmt, während der Energiegehalt zunimmt", erklärt Professor Hans Konrad Biesalski, Ernährungswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Die Sättigungsbeilagen werden also zur Hauptmahlzeit, statt eisenhaltigen Rindfleisch gibt es fettiges Schweinefleisch oder Fast Food.

Die Kinder werden zwar satt, aber sie bekommen nicht die wichtigen Nährstoffe, die sie für Wachstum und Entwicklung brauchen. "Es kommt zu dem, was wir als ‘double burden‘ bezeichnen", so Biesalski. "Übergewicht bei unzureichender Versorgung mit Mikronährstoffen." Kinder aus armen Verhältnissen leiden dreimal häufiger an Übergewicht als Kinder aus einkommensstarken Familien.

 

Entwicklungsstörungen beeinträchtigen das Gehirn

Einer internationalen Studie zufolge sollen Kinder die aus reichen Industrieländern kommen und dort in Armut leben, häufiger unter Entwicklungsstörungen des Gehirns leiden, als arme Kinder aus Entwicklungsländern. Die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt nicht nur die schulische Leistung des Kindes, sondern auch sein Erwachsenwerden und kann die ganze berufliche Zukunft negativ beeinträchtigen. Und wer einmal in diesen Teufelskreis der Armut geraten ist, für den ist es schwierig, dort wieder herauszukommen. Laut der aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung leben in Deutschland rund 21 Prozent der Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder immer wiederkehrend in Armut. 

Doch nicht nur bei der Ernährung auch an der Bildung wird gespart. 1,40 Euro pro Monat für Bildung rechnet der Staat beispielsweise für ein zehnjähriges Kind, dessen Familie Arbeitslosengeld bezieht. Arme Kinder haben so kaum Zugang zu Freizeit- und Bildungsangeboten. "Das Kind tut sich dann schwer, soziale Schlüsselqualifikationen zu erlangen", erklärt Kinderarzt Dr. Stefan Schwarz im Interview mit der huffingtonpost.de. "Außerdem fördert es die soziale Ausgrenzung und kann damit sogar psychische Schäden verursachen. Das wiederum führt dazu, dass sich das Kind weniger zutraut und dadurch womöglich nie sein volles Potenzial ausschöpfen kann. 

 

Kinder werden vom Gesetzgeber falsch behandelt

"Bislang werden Kinder vom Gesetzgeber wie ‘kleine Erwachsene’ behandelt", heißt es in der Studie der Bertelsmann-Stiftung. "Es braucht neue sozial- und familienpolitische Instrumente, die Armut entgegenwirken und Kinder gezielt unterstützen." Das sieht Kinderarzt Dr. Schwarz genauso: "Meiner Meinung nach muss in der Politik ein Umdenken stattfinden. Kinder aus finanzschwachen Familien müssen dieselben Möglichkeiten haben, wie Kinder aus einem reichen Elternhaus."

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