Wunderweib-InterviewHebamme verrät: Das sind die größten Herausforderungen in Corona-Zeiten!

Im Lockdown ist auch ihre Arbeit eine ganz andere: Wie eine Hebamme mit den Veränderungen durch Corona umgeht.

Inhalt
  1. Hebamme Judith Wyss-Kaufmann über ihren Alltag in Corona-Zeiten
  2. Die Arbeit der Hebammen ist zeitintensiver geworden
  3. Bei der Geburt müssen Schwangere auch eine Maske tragen
  4. Hebamme: Schwangere haben "Angst nicht zu wissen, was kommt"
  5. Judith Wyss-Kaufmann: Hebammen nehmen einen anderen Stellenwert ein als vorher

Ein Kind zu bekommen, ist etwas sehr Aufregendes. Doch wie sieht es aus, wenn das Baby mitten im Corona-Lockdown zur Welt kommt? Betroffen von dieser Situation sind viele Frauen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge kamen im Corona-Jahr 2020 zwischen Januar und September 580342 Kinder in Deutschland auf die Welt.

 

Hebamme Judith Wyss-Kaufmann über ihren Alltag in Corona-Zeiten

Vorbereitungskurse, die Geburt und auch das Wochenbett stellen für Frauen in Corona-Zeiten eine ganz neue Herausforderung da. Doch nicht nur für Schwangere hat sich einiges verändert, auch Hebammen machen einen ganz anderen Job, als sie ihn vor der Krise kannten. Im Wunderweib-Interview berichtet Judith Wyss-Kaufmann von ihren Erfahrungen der vergangenen Monate.

Judith Wyss-Kaufmann arbeitet als Hebamme in der Schweiz.
Judith Wyss-Kaufmann arbeitet als freiberufliche Hebamme in der Schweiz. Foto: Judith Wyss-Kaufmann

Die Schweizerin ist als freiberufliche Hebamme tätig und hat ihren Beruf, den sie als Herzarbeit bezeichnet, noch einmal völlig neu kennengelernt. "Das letzte Jahr war sehr intensiv. Ich habe tatsächlich noch nie so viel gearbeitet wie im Lockdown", berichtet sie. Ohne Vorwarnung seien die Maßnahmen im vergangenen Frühjahr auf ihre Kollegen und Kolleginnen eingeprasselt.

 

Die Arbeit der Hebammen ist zeitintensiver geworden

Ihre Arbeit, erzählt Wyss-Kaufmann, sei viel arbeitsintensiver und zeitaufwendiger geworden. Das beginne schon bei den Hausbesuchen. Während sie vorher einfach nur ihre Tasche habe packen und zu den Frauen fahren musste, ist jetzt viel mehr Vorbereitung notwendig - ganz besonders, wenn die Schwangere Symptome zeigt.

"Wenn beide Parteien gesund sind, reicht der Mundschutz und die 1,5 Meter Abstand". Doch habe die Frau Husten, Schnupfen oder Ähnliches, müsse sie neben dem Mundschutz auch einen Schutzmantel und Schutzbrille tragen. Alleine für das Anziehen der Kleidung brauche sie schon 20 Minuten. Der Besuch darf darüber hinaus nach den Vorgaben der Schweizer Regierung nur 15 Minuten dauern.

Hebammen-Mangel: Kreißsäle sind oft unterbesetzt

Vorgaben wie diese seien schwer umzusetzen, verrät die Hebamme. Um die Maßnahmen so gut es geht zu befolgen, muss deswegen alles, was möglich ist, über Telefon oder Mail abgeklärt werden. "Beim Hausbesuch gibt es dann nur die körperlichen Kontrollen und die visuellen Kontrollen. Dann gehe ich wieder raus", berichtet sie.

 

Bei der Geburt müssen Schwangere auch eine Maske tragen

Was dabei ganz besonders wichtig ist: Judith Wyss-Kaufmann muss sich darauf verlassen, dass die Frauen, die sie besucht, sich ebenfalls an die geltenden Maßnahmen halten. Ihrer Erfahrung nach seien Schwangere aber besonders daruaf bedacht, sich nicht anzustecken, da es ihnen wichtig sei, gesund zu bleiben. Eine sichere Möglichkeit, um sich auf die Geburt vorzubereiten, bieten in der Corona-Pandemie auch Online-Kurse, wie sie unter anderem von Fränzi Bieri angeboten werden.

 

Diese Dinge benötigt Judith Wyss-Kaufmann für ihre Hausbesuche.
Diese Dinge benötigt Judith Wyss-Kaufmann für ihre Hausbesuche. Foto: Judith Wyss-Kaufmann

Ähnlich streng wie bei den Hausbesuchen wird auch bei den Geburten auf die Hygienemaßnahmen geachtet. Hebammen müssen Handschuhe, Maske und Schutzmäntel tragen - und auch die Schwangere sollte eine Maske tragen. Ein zusätzlicher Kraftakt für die werdende Mutter, für die die Atmung ein entscheidender Bestandteil zur Entspannung darstellt. Und dann ist da noch die Frage, ob der Mann während der Geburt anwesend sein darf. Inzwischen dürfen die Väter sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz wieder dabei sein - eine wichtige Ausnahme von den strengen Regeln, findet Judith Wyss-Kaufmann.

 

Hebamme: Schwangere haben "Angst nicht zu wissen, was kommt"

Auf den direkten Kontakt mit den Schwangeren zu verzichten, erschwere ihre Arbeit deutlich, erklärt die Hebamme. Das habe ihr unter anderem ein Beispiel einer Mutter gezeigt, die keine Hausbesuche wollte, da ihr Mann Risikopatient sei. "Ich hatte noch nie so viel Aufwand für eine Wochenbettbetreuung wie diese, obwohl ich gar nicht vor Ort war. Auch für mich gab es Unsicherheiten, da ich mich nicht mit meinem Blick, mit meinem Tasten und mit meiner Wahrnehmung vor Ort vergewissern konnte, ob alles wirklich okay ist. Ich musste mich absolut auf die Beschreibungen der Frau verlassen", so Wyss.

Geburtsvorbereitung: 5 Tipps von der Hebamme

Durch Corona falle das Sehen, Spüren und Fühlen weg, was ein wichtiger Teil ihres Berufes sei - vor allem, da die Unsicherheit im Lockdown bei ihren Kundinnen groß sei. "Es ist die Angst nicht zu wissen, was kommt", berichtet sie. Doch die notwendige Distanz ist nicht das einzige Problem.

 

Judith Wyss-Kaufmann: Hebammen nehmen einen anderen Stellenwert ein als vorher

Um ihren Job ausüben zu können, sind Hebammen auf Schutzausrüstungen in Form von Masken, Handschuhen und Schutzmänteln angewiesen - die sorgen allerdings für Extrakosten. Anders als zu Beginn der Pandemie werden Hebammen mittlerweile durch den Bund unterstützt, doch das reiche bei Weitem nicht aus. Von der Schweizer Regierung gibt es fünf Schutzmäntel pro Hebamme, alles darüber hinaus Notwendige müssen sie selbst besorgen. "Man erwartet von uns, dass wir unsere Arbeit machen, aber wir haben nicht die Voraussetzungen dafür", kritisiert die Schweizerin.

Neben den Masken muss Judith Wyss-Kaufmann bei einigen Hausbesuchen auch einen Schutzanzug tragen.
Neben den Masken muss Judith Wyss-Kaufmann bei einigen Hausbesuchen auch einen Schutzanzug tragen. Foto: Judith Wyss-Kaufmann

Doch die Corona-Pandemie hat für die Hebammen nicht nur negative Seiten. Judith Wyss-Kaufmann beobachtet, dass sich die Sichtweise auf ihren Beruf seit dem Lockdown verändert hat. "Wir nehmen einen anderen Stellenwert ein als vorher." Vor allem im Gesundheitswesen werde ihr Beruf nun als wichtig angesehen, berichtet Wyss-Kaufmann. Und dann sind da noch die Frauen, die in Zeiten großer Ungewissheit Sicherheit suchen - und bei den Hebammen finden.

Zum Weiterlesen:

Kategorien: