Zusammenreißen oder nicht? Heulen in der Öffentlichkeit

"Jetzt bloß nicht heulen!" hat wohl jeder schon mal gedacht. Man wollte sich keine Blöße geben, sich nicht als verletzlich oder zu weich zeigen.

Inhalt
  1. Akzeptanz öffentlicher Tränen
  2. Wo am meisten vor Rührung geweint wird
  3. Wofür Weinen wichtig ist
  4. Folge unterdrückter Tränen
  5. Wie man in der Öffentlichkeit die Beherrschung behält
  6. Und wenn es doch passiert?
  7. Tränen ernst nehmen

Und trotzdem ist es den meisten schon passiert. Denn Tränen zu unterdrücken gelingt nicht immer. Manchmal sind wir einfach so überwältigt, dass es kein Halten gibt. Und oft ist schon der Gedanke an möglicherweise bevorstehende, ungewollte Tränen zum Heulen.

Doch ist es wirklich so schlimm, wenn wir mal vor anderen feuchte Augen bekommen oder vielleicht sogar Rotz und Wasser heulen? Die Systemische Familientherapeutin Marthe Kniep aus Jesteburg erklärt, wie andere übers öffentliche Weinen denken, wie Sie mit Rührung umgehen können und wann "Lass es raus!" die richtige Parole ist.

 

Akzeptanz öffentlicher Tränen

Fast neun von zehn Deutschen Männern und Frauen finden es in Ordnung, öffentlich vor Rührung die Tränen fließen zu lassen. Zumindest, wenn der Auslöser ein sportlich sehr bewegendes Erlebnis ist. Wirklich ins Rollen kommen die Tränen aber nur bei 15 Prozent der männlichen Studienteilnehmer im öffentlichen Umfeld. 13 Prozent dieser Spezies finden es jedoch vollkommen inakzeptabel, wenn sich Geschlechtsgenossen auf diese Weise ihren Gefühlen hingeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite, repräsentative Umfrage der Zeitschrift "Tina"*.

 
 

Wo am meisten vor Rührung geweint wird

Mehr geweint werden darf allerdings im privaten Umfeld: Hier finden es nur zwei Prozent der Frauen oder vier Prozent der Männer inakzeptabel, vor Rührung zu weinen. Im beruflichen Umfeld hingegen findet es fast jeder dritte Mann, aber auch jede fünfte Frau Tränen der Rührung gänzlich unangemessen. Beim heimischen Filmabend finden Tränen der Rührung die größte Akzeptanz, gefolgt von Ausbrüchen bei emotionalen Liedern und den feuchten Augen bei einem besonders schönem Geschenk.

 

Wofür Weinen wichtig ist

Der SInn von Tränen ist vielen Menschen gar nicht so richtig klar. Dabei kommt ihnen eine wichtige Aufgabe zu. Denn Tränen sind ein Beitrag unseres Körpers dazu, unsere Gefühle zu regulieren, in den Fluss zu bringen, auf diese Weise Druck beziehungsweise angestaute Emotionen abzubauen und den Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das Gilt für Freudentränen genauso wie für Tränen der Trauer. Und oft haben Menschen einen neuen und klaren Blick auf die betreffende Situation, wenn die Tränen mal rollen durften.

Unterdrücken oder stoppen wir den Impuls zu weinen, wird ein natürlicher Regulationsprozess in uns gestört. Es bleibt gewissermaßen Energie in uns stecken, die nun andere - meist weniger gute - Regulationswege sucht. Das macht sich häufig körperlich recht deutlich bemerkbar. Zum Beispiel als Klos im Hals, als Engegefühl im Hals- und Brustraum, Druckgefühl in Kopf und Augen oder auch weiter unten als Harndrang oder in Form von weichen Knien.

 

Folge unterdrückter Tränen

Behalten wir die Fassung trotz Weinimpuls, verzögert sich diese Regulation und die darin potenziell enthaltene Entwicklung. Bleiben diese tiefen Emotionen jedoch ohne weitere Beachtung, kann das ganz unterschiedliche Folgen haben.

Für unterdrückte Emotionen gilt grundsätzlich: Wer zu lange und zu oft unterdrückt, bekommt früher oder später die Quittung. Und die reicht von sogenannten psychosomatischen Symptomen wie Migräne und anderen Schmerzen oder Taubheitsgefühlen bis zu Magenproblemen oder sogar Tinnitus, um die Klassiker zu nennen. Wer dauerhaft Gefühle wegdrückt läuft sogar Gefahr, Depressionen, Burnout oder Suchtverhalten zu entwickeln. Manche Menschen werden auch einfach "nur" zum Ekel oder zur "angespannten Zicke". Allein das wäre schon ein Argument dafür, sich seinem angestauten Tränensee zzu widmen. Oder?

Wer also mal alles rauslässt, bekommt schneller wieder einen klaren Kopf. Es muss aber nicht immer alles sofort raus. Man kann sich auch nach Hause oder bei seinem Therapeuten ausweinen, wenn man vom Kollegen oder seiner Schwiegermutter tief gekränkt wurde. Hauptsache, man nimmt sich die Zeit.

Wer den Sinn von Tränen erkannt hat und das befreiende Gefühl kennt, das sich nach einem anständigen Heulkrampf einstellt, der wird öfter darauf zurückgreifen. Trotzdem gibt es Momente, in denen Tränen die Umwelt schwer irritieren oder einem selber zum Nachteil werden. Vor allem im Job ist es in den meisten Fällen tatsächlich ungünstig, in dieser Hinsicht die Kontrolle zu verlieren. Nicht mal wegen der Tränen. Wir sind schließlich alle nur Menschen. Sondern weil wir in diesen emotionalen Momenten zu Äußerungen neigen, die wir sonst für uns behalten würden. Deshalb ist es gut, sich zu wappnen, um einen Tränensee im Büro rechtzeitig zu umschiffen.

 

Wie man in der Öffentlichkeit die Beherrschung behält

Wenn es denn sein muss, dass Sie sich beherrschen wollen, können Sie folgendes probieren.

Zur Vorbereitung auf eine potenzielle Heulsituation...

  • achten Sie auf genug Schlaf und Essen. Ausgeschlafene und satte Menschen haben meist ein dickeres Fell.
  • entwickeln Sie ein Mantra und wiederholen Sie es regelmäßig. (Ich weiß, das ich gut bin. Er kann mir nichts!)
  • lassen Sie sich Mut zusprechen (Mann/Freundin anrufen und sich bestätigen lassen, dass sie einem zutrauen, die Situation zu bewältigen.)
  • halten Sie sich in der bevorstehenden Situation so kurz wie möglich auf und haben Sie einen (erfundenen) Folgetermin in der Tasche. (Oh. Schon so spät. Ich muss weg.)
  • positionieren Sie sich so, dass der Ausweg nicht zu weit weg ist. (Nahe an der Tür)
  • planen Sie, was das Beste sein wird, wenn die Tränen hochsteigen wollen.
  • bitten Sie eine Freundin kurz vor dem Zusammentreffen mit dem "Provokateur" gemeinsam mit ihr über diesen Menschen abzukotzen, damit möglichst viel Ärger schon vor dem Treffen raus ist. Dann tief durchatmen und los...
  • trinken Sie auf keinen Fall Alkohol. Er schwächt die Fähigkeit zur Beherrschung.

Schon beim Anflug eines "Weingefühls"...

  • holen Sie tief Luft.
  • sorgen Sie für Kontakt der Fußsohlen mit dem Boden. (Erdung)
  • trinken Sie einen Schluck Wasser. (Erst mal runterschlucken)
  • gehen Sie aus dem Raum ("Bin gleich wieder da!"), auch wenn alle wissen, dass Sie aufs Klo gehen und heulen werden. Immerhin machen Sie es dann allein!
  • Wechseln Sie das Thema. ("Mal kurz was anderes...!")
  • Stellen Sie sich den anderen in Unterhosen oder auf dem Klo vor.
 

Kontern gegen blöde Sprüche und Blicke

Sie können natürlich auch versuchen, ihrem Gegenüber einen Spruch reinzudrücken. Doch mit dem Kontern ist das so eine Sache. Denn wer richtig ins Mark getroffen wurde, ist meist auch sprachlos oder reagiert übertrieben feindselig. Falls Sie jedoch sehenden Auges in eine potenzielle Tränensituation laufen und nicht ohne Worte bleiben wollen, legen Sie sich was parat und üben Sie es vorher vor dem Spiegel mehrmals ein. Dann merken Sie schnell, ob es wirklich zu Ihnen und der Situation passt. Angeeignete Sprüche wirken sonst schnell hilflos. Hier ein paar Beispiele:

  • Denken Sie jetzt, was Sie wollen. (Sie liegen sowieso falsch.) Ich brauche jetzt mal eine Pause.
  • Ich kann auch nichts für Ihre unterentwickelte Emotionalität.
  • Mich lässt eben nicht alles kalt, was mir/anderen passiert.
  • Ich gehe eben weder zum Lachen noch zum Weinen in den Keller.
  • Hier ist wohl klar sichtbar, dass meine Grenze überschritten ist.
  • Ich gehe jetzt. Das (diesen Wahnsinn) halte ich nicht länger aus.

Überlegen Sie in diesem Zusammenhang immer, ob Sie sich wirklich in einem Umfeld befinden, in dem Sie noch länger bleiben wollen. Ob ein Ort gut ist, an dem Sie möglicherweise zusehends zur Heulboje mutieren. Wohl eher nicht!

 

Und wenn es doch passiert?

Passiert es trotz aller guten Vorsätze, dann lassen Sie es zu. Es hat dann eh keinen Zweck mehr. Sagen Sie sich oder dem gegenüber: "So. Jetzt kommen mir die Tränen. Das wollte ich nicht. Aber es ist jetzt so." Gnädig mit sich zu sein und das Unausweisliche vorwegzunehmen, nimmt Druck weg und vermittelt den Eindruck, dass es einen nicht total hilflos macht.

Manchmal hilft auch etwas wie: "Oh. Jetzt bin ich selber überrascht, wie nahe mir das geht. Ich brauch mal eben einen kleinen Moment, bevor ich weitermachen kann." Vielleicht helfen auch Einsichten wie: "Wenn ich jetzt nicht heule kriege ich Migräne. Da heule ich lieber vor anderen." Ohne zu viel preiszugeben kann man auch erklären: "Das hat nichts mit Ihnen/dir zu tun. Aber es hat gerade einen empfindlichen Punkt bei mir getroffen."

 

Tränen ernst nehmen

Ärgern Sie sich nicht so lange, wenn sich ein Gefühlsausbruch mit Tränen scheinbar nachteilig auf Ihre berufliche Situation ausgewirkt hat. Schauen Sie stattdessen, wo Sie noch mit alten Geschichten aufräumen müssen, damit man Sie nicht unnütz leicht zum Weinen bringen kann. Hören Sie in sich rein, was Ihre Tränen zum Ausdruck bringen wollten. Sie können auch heißen: Es ist genug. Ich bin hier falsch - oder mein Gegenüber. Ich muss was ändern in meinem Leben statt mich abhärten zu wollen.

Wir verlangen so oft von uns cool zu bleiben. Aber wozu und für welchen Preis? Manches ist eben zum Heulen! Da hilft keine Disziplin der Welt!

*Für die Studie in Zusammenarbeit von tina und YouGov 2.074 Deutsche befragt.

Kategorien: