Moderiese in der KritikH&M: Harte Vorwürfe wegen unfairer Arbeitsbedingungen und Flex-Verträgen

Der internationale Modegigant H&M sieht sich aktuell mit harten Vorwürfen konfrontiert. Mitarbeiter kritisieren die unfairen Arbeitsbedingungen des Konzerns.

Inhalt
  1. H&M-Mitarbeiter bestätigen "Arbeit auf Abruf"-Modell
  2. Betriebsräte im Visier von H&M?
  3. Was H&M zu den Vorwürfen sagt

Einer der Hauptvorwürfe gegen H&M: Wie eine Umfrage unter Betriebsräten ergab, arbeiten 41 Prozent der Mitarbeiter in den von ihnen betreuten Filialen auf Abruf. Das bedeutet konkret, dass sie beispielsweise einen Vertrag über 15 Stunden erhalten, die sie mindestens arbeiten müssen. Je nach Bedarf soll der Leiter des jeweiligen Geschäfts aber ziemlich spontan entscheiden können, wer wann wie viele zusätzliche Stunden übernimmt. Das hat zur Folge, dass das Gehalt der Mitarbeiter mit solchen Flex-Verträgen sehr stark schwanken kann.

Die Zeit hat H&M mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Die Antwort des Konzerns lautet, dass es keine Arbeit auf Abruf gibt. Arbeitgeber und Mitarbeiter haben jederzeit die Möglichkeit, sich über den Arbeitsvertrag hinaus "gemeinsam auf einen anderen Arbeitsumfang oder eine andere Arbeitszeit (zu) verständigen." 

 

H&M-Mitarbeiter bestätigen "Arbeit auf Abruf"-Modell

Wie jedoch zwei langjährige Mitarbeiter anonym gegenüber der Zeit aussagen, ist das Arbeiten auf Abruf im Prinzip doch gängige Praxis.

So erklärt zum Beispiel Christian, ein Visual Merchandiser, dessen Name für den Artikel geändert wurde, dass seine Kollegen im Verkauf nur 20-Stunden-Verträge bekommen. Es wird jedoch erwartet, dass sie bis zu 30 Stunden in der Woche arbeiten und flexibel einspringen können. Wer nicht spontan verfügbar ist, muss damit rechnen, nicht für seine 20 vollen Stunden eingeteilt zu werden und auch bei den Überstunden nicht bedacht zu werden. Damit kann das Gehalt natürlich knapp ausfallen.

Christian erzählt von einer Kollegin, die am Ende des Monats nicht einmal mehr genug Geld hatte, um sich Essen zu kaufen. Er selbst ist übrigens gerade dabei, sich beruflich weiterzuentwickeln.

H&M: Harte Vorwürfe wegen unfairen Arbeitsbedingungen und Flex-Verträgen
Mitarbeiter werfen H&M unfaire Arbeitsbedingungen und "Arbeit auf Abruf"-Modell vor. 
Foto: iStock

Auch Rainer (Name ebenfalls geändert) berichtet von solchen Arbeitsbedingungen. Er ist ebenfalls bereits seit einigen Jahren bei H&M und Mitglied des Betriebsrats. Er hat sich unter anderem dafür eingesetzt, dass in seiner Filiale nur Verträge mit mindestens 15 Wochenstunden herausgegeben werden. So haben Mitarbeiter etwas mehr Sicherheit. Außerdem wird der Dienstplan einen Monat im Voraus erstellt. In anderen Filialen geschieht dies wohl nur eine Woche im Voraus.

Besonders Mütter leiden unter dieser Regelung, da sie nicht so flexibel sind wie beispielsweise studentische Aushilfen. Sie fallen bei der Verteilung der Stunden außerdem häufig hinten über, weil ihr Stundenlohn höher ist. 

Nach Angaben von Rainer schafft es H&M seine Mitarbeiter kleinzuhalten. Wer auf das Geld angewiesen ist, kritisiert die Praxis nicht, um bei der Stundenverteilung nicht vergessen zu werden. Dennoch sagt der Betriebsrat: "Die Fluktuation bei H&M ist hoch. Wer einen besseren Job findet, der geht."

 

Betriebsräte im Visier von H&M?

Wie Rainer erklärt, werden ganz besonders auch Betriebsräte benachteiligt. Außerdem würde man ihnen kriminelles Vorgehen vorwerfen sowie Gerüchte über sie in die Welt setzen. Es soll nach Angaben des H&M-Mitarbeiters auch schon zu einer Zwangsversetzung gekommen sein, nachdem ein Mitarbeiter versucht hatte, in seiner Filiale einen Betriebsrat zu gründen. 

Für Aufsehen sorgt aktuell auch der Fall von H&M-Betriebsrat Nico Lickel. Vor dem Arbeitsgericht Bonn versucht der Modekonzern gerade, das Recht zu erwirken, Lickel kündigen zu dürfen. Der Vorwurf: Er habe unerlaubt Urlaub genommen und soll bei seinen Arbeitszeiten betrogen haben. Lickel streitet dies allerdings ab und behauptet, man wolle ihn bei H&M loswerden.

Der Fall ist aktuell noch nicht entschieden. Geplant ist jetzt, sich außergerichtlich auf einen Vergleich zu einigen. 

 

Was H&M zu den Vorwürfen sagt

Die Zeit hat H&M vor dem Hintergrund dieser Vorwürfe zu einer Stellungnahme gebeten.

Gleich zu Beginn heißt es dort: "Zu den Werten, denen H&M sich verpflichtet fühlt, gehört der respektvolle Umgang auf Augenhöhe mit den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen. Dies gilt für alle Bereiche der Beschäftigung – von gerechter Entlohnung, ausgewogenen Arbeitszeiten und Gewerkschaftsfreiheit bis hin zur Chancengleichheit bei der Weiterentwicklung innerhalb des Unternehmens."

Arbeit auf Abruf gibt es nach Angaben von H&M nicht. Es wird darauf hingewiesen, dass einige Tarifverträge eine wöchentliche Mindestanzahl an Stunden vorsehen. Laut Vertrag ist es aber in den meisten Fällen möglich, diese einvernehmlich zu ändern. Dabei betont H&M, dass dies insbesondere auf Wunsch der Mitarbeiter geschieht.

Weiter heißt es: "Arbeitszeiten werden im Rahmen der Personaleinsatzplanung im Voraus festgelegt. Grundsätzlich erfolgt die Festlegung der Lage der Arbeitszeit mindestens vier Tage im Voraus, in der Regel zwei bis vier Wochen vor Arbeitseinsatz. Somit lässt sich ein Monatseinkommen planen."

Zu dem Vorwurf, dass H&M versuchen würde, Betriebsräte zu verunglimpfen und aus dem Unternehmen zu drängen, steht in der Stellungnahme unter anderem: "Es widerspricht den Werten von H&M, Gerüchte zu verbreiten, kriminelles Verhalten zu unterstellen oder Betriebsräte zu benachteiligen."

Die vollständige Antwort des Modekonzerns kann auf zeit.de nachgelesen werden.

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