Nicole Nau (54) tanzt TangoIch werde auf der Bühne mit jedem Jahr besser

Ich werde auf der Bühne mit jedem Jahr besser
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Die Kulisse ist rabenschwarz. Nur ein Scheinwerfer leuchtet die Bühne aus. Nicole Nau (54) schmiegt sich eng an ihren Partner Luis (55) und wiegt sich virtuos im Takt des Bandoneons, mal feurig und leidenschaftlich, mal innig und sinnlich.

Sie trägt ein glutrotes Kleid. Schwarze Schuhe. Das dunkelblonde Haar zum Knoten gebunden. Fesselnde Tangostimmung, bei der die Zuschauer den Atem anhalten. Ob in Argentinien oder auf einer Bühne irgendwo in der Welt: Nicole Nau fasziniert und berührt. Die Zuschauer spüren, dass sie liebt, was sie tut, nicht nur mit den Beinen, sondern auch mit dem Herzen tanzt. Die Argentinier bemerken das schon Ende der 80er-Jahre, als die gelernte Werbegrafikerin nach einem Tangokurs in Düsseldorf ihre Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt und in Buenos Aires einen Kurs besucht. „Keine meiner Schülerinnen hat so viel Ausdruckskraft wie du“, schwärmt ihr Lehrer. Nicole saugt das Lob auf, hört auf ihr Herz und wagt einen Riesenschritt: Sie gibt ihr sicheres Leben in der Heimat auf und steht schon wenige Wochen später in einer großen argentinischen Tangoshow auf der Bühne. Und Nicole arbeitet hart. Bis zur Erschöpfung probt sie mit ihren Partnern auf dem Parkett, perfektioniert jede Geste und jeden Schritt und tanz sich in immer größer werdende Shows und auf immer prominentere Bühnen.

„Sie tanzt, was wir täglich fühlen“, schwärmen die Zuschauer in Buenos Aires und eine große Tageszeitung titelt:

 

„Keine von uns kann es besser!“

2000 probt sie mit dem argentinischen Tangostar Luis Pereyra, der als der beste Tänzer Argentiniens gilt, und findet ihre große Liebe. „Ich mag an ihm die Leidenschaft, mit der er durchs Leben geht. Er macht wie ich alles mit ganzem Herzen“, schwärmt Nicole. Luis ist geschieden, hat einen erwachsenen Sohn. Sie werden ein Paar, 2011 heiraten sie. Seitdem tanzt sie nur noch mit ihrem Mann. Gemeinsam wohnen sie in einem Haus am Stadtrand von Buenos Aires. Dort lieben sie die Ruhe, das Grün, ihre zwei Hunde und zwei Katzen. Und ihr Leben ist spannend geblieben. Ein halbes Jahr leben sie in Buenos Aires, bereiten ihre aufwendigen Bühnenshows vor, reisen zu Auftritten im ganzen Land. Das andere halbe Jahr sind sie weltweit auf Tournee, meist mit einer eigenen Show, mindestens vier Monate davon in Deutschland (www.vida.show/de). „Dann muss ich Heimatluft schnuppern“, so Nicole. Sie besucht gute Freunde, geht auf Galas und in Talkshows, freut sich auf deutsches Essen, wie Gummibärchen und ein Kotelett, und natürlich die Sprache. Um sich auch wirklich heimisch fühlen zu können, hat sie neuerdings in Wuppertal eine kleine Wohnung. „Ich genieße es, nach so vielenJahren wieder einen festen Fuß in Deutschland zu haben. Es ist doch häufig so, dass man im Alter wieder Heimat spüren will.“ Im Alter? Bedrückt sie als Tänzerin die Fünf bei der Altersangabe? Nicole schüttelt den Kopf. „Überhaupt nicht. Aber es ist natürlich so, dass ich Dinge heute weicher, vielleicht auch wehmütiger sehe“, sagt sie und erzählt gern von ihrer Jugend in Düsseldorf.

„Das Vergangene wird lebendiger, die Wahrnehmung differenzierter. Das macht in diesem Lebensabschnitt das Glück aus!“ Und was macht es auf der Bühne aus? Nicole lacht charmant. „Ich werde mit jedem Tag besser. Das ist ein wunderbares Gefühl für eine Künstlerin. Früher, mit Anfang vierzig, habe ich mir schon Gedanken über das Alter gemacht und hatte auch Zukunftsängste. Fragen wie ‚Bin ich als Künstlerin dann noch gefragt?‘ und ‚Wie lange halte ich das Tempo noch durch?‘ haben mich manches Mal beschäftigt. Natürlich habe ich wie viele Frauen in diesem Lebensabschnitt überlegt, wie lange ich noch mithalten kann. Heute ist das längst vorbei. Ich fühle mich absolut sicher, bin reif und ausdrucksstark. Ich habe eben Erfahrung, die mir niemand nehmen kann, und brauche damit keinen Wettbewerb zu scheuen.

 

Das macht mich innerlich zufrieden

In ihrer aktuellen Show steht sie mit drei weiteren Paaren auf der Bühne, alles junge Leute, Mitte zwanzig. Konkurrenz? Nicole schüttelt wieder den Kopf. „Ach was. Zwischen uns liegen dreißig Jahre. Das lässt sich doch gar nicht vergleichen.“ Doch das Leben zwischen Tourneestress, zwei Kulturen, Zeitverschiebung und ein Alltag aus dem Koffer zehren zunehmend an ihr. „Ich bin heute schneller müde als früher“, gibt sie zu. „Aber ich bin auch organisierter, erfahrener, Dinge gehen mir leichter und schneller von der Hand. Das ist ein kleiner Ausgleich.“

Infokasten Starke Frauen

Über Falten mag sie nicht diskutieren. Auch nicht, warum sie immer zehn Jahre jünger geschätzt wird. „Das sind bei mir die Gene“, lacht sie und winkt belustigt ab. „Ich habe gar keine Zeit, mir Gedanken um ein paar Altersspuren zu machen. Es ist doch gar nicht wichtig. “Nicole liebt auch mit Mitte fünfzig das Tempo und wirbelt über die Bühne und durchs Leben. Das Alter kann sie nicht stoppen. „Solange ich laufen kann, will ich tanzen. Tango ist alles: Leidenschaft, Verführung, Hingabe. Man entdeckt sich mit jedem Schritt neu“, sagt sie leise und ergänzt: „Es gibt keinen Grund, jemals darauf zu verzichten.“

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