LesekompetenzIGLU-Studie 2016: Deutsche Grundschüler lesen schlecht

Inhalt
  1. Was ist IGLU?
  2. Lesekompetenz: Wie läuft die IGLU ab?
  3. Deutsche Schüler können nur schlecht lesen
  4. Was bedeutet das IGLU-Ergebnis für die Schüler?
  5. IGLU: Hat die deutsche Bildungspolitik versagt?
  6. Mädchen und Jungen im Lese-Vergleich
  7. Länder im IGLU-Vergleich

Grundschüler in Deutschland können nicht gut lesen, wie die Ergebnisse der IGL-Untersuchung 2016 im internationalen Vergleich belegen.

 

Was ist IGLU?

Mit der Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU bzw. PIRLS - engl. Progress in International Reading Literacy Study) wird alle fünf Jahre das Leseverständnis von Schülern der 4. Klasse getestet. Ziel ist es, zu erfahren, welchen Einfluss neue Medien, Ganztagsschulen, soziokulturelle Hintergründe der Schüler, Förderangebote und das Leseselbstkonzept der Kinder (also wie sie ihre Lesekompetenz selbst einschätzen) auf die Schüler ausüben.

Die Studie wurde ins Leben gerufen vom internationalen Verband für Bildungsforschung IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) mit Sitz in Amsterdam (Niederlande). In Deutschland wird die Studie vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund durchgeführt.

Ziel der Studie ist es, die Effektivität der Bildungssysteme von teilnehmenden Ländern zu vergleichen. Durch die Wiederholung der Studie alle fünf Jahre sollen die jeweiligen langfristigen Entwicklungen dokumentiert werden.

 

Lesekompetenz: Wie läuft die IGLU ab?

Damit die Studie repräsentativ ist, werden aus allen 16 deutschen Bundesländern 4.277 Viertklässler aus 208 Grund- und Förderschulen stichprobenartig ausgewählt (Zufallsprinzip). Diese Kinder nehmen an der IGLU teil, bei der ihre Lesekompetenz auf folgende Fähigkeiten geprüft wird:

  • Verständnis von literarischen und informativen Texten (z.B. den Inhalt reflektieren und interpretieren)
  • Verstehensleistung / Nutzung der Textinformationen (z.B. Schlussfolgerungen aus dem Inhalt ziehen)
  • Intention hinter dem Lesen

Praktisch sieht das so aus: Die Kinder bekommen ein Heft mit einem informativen und einem literarischen Text. Anschließend sollen sie Fragen zu den Texten beantworten (teilweise im Multiple Choice-Verfahren, teils müssen die Kinder die Antworten selbst formulieren). Die Gesamtdauer des Tests beträgt (inkl. Pausen) rund 204 Minuten.

Unabhängig davon bekommen rund 3.000 Eltern, ca. 200 Deutsch-Lehrer und etwa 190 Schulleiter einen Fragebogen, den sie ausfüllen müssen. Darin werden die schulischen und familiären Situationen von den an der IGLU teilnehmenden Schülern festgehalten. So können später die Leistungsergebnisse im Zusammenhang mit den sozialen und schulischen Rahmenbedingungen analysiert werden (u.a. Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsstatus, Unterrichtsgestaltung).

Diese Texte haben die Kinder bei der IGLU gelesen (u.a.):

Literarischer Text:

  • Marie und das rote Huhn (von Prue Anderson)

Sachtext / informativer Text:

  • Die grüne Meeresschildkröte und die Reise ihres Lebens (aus Die Reisen der Schildkröte von Gary Miller)
 

Deutsche Schüler können nur schlecht lesen

Schon zum vierten Mal nahm Deutschland an der IGL-Untersuchung teil. In den Jahren 2001, 2006 und 2011 schnitten unsere Grundschüler allerdings besser ab. Damals lag Deutschland im internationalen Vergleich jeweils im oberen Drittel der Besten-Liste.

Für die Viertklässler in Deutschland im Jahr 2016 sieht das Ergebnis der IGLU jedoch ernüchternd aus: Im Vergleich mit anderen Ländern liegt Deutschland im unteren Drittel der Besten-Liste und sogar unter dem EU-Durchschnitt - nämlich auf Platz 26 (von insgesamt 47 teilnehmenden Ländern). Dabei richtet sich die Besten-Liste nach der erreichten Punktzahl, die die jeweiligen Schüler des Landes erreicht haben. Zum Vergleich: Deutsche Viertklässler erreichten 537 Punkte. Die Russische Föderation liegt mit 581 Punkten auf Platz eins, Marokko mit 358 Punkten auf dem letzten Platz.

Betrachtet man die Untersuchungsergebnisse deutscher Schüler genauer, so wird deutlich, dass ihre Leistungen zweigeteilt sind: Zum einen stieg die Anzahl der Schüler, die besonders lesestark sind (von 8,6 Prozent - im Jahr 2001 - auf 11,8 Prozent). Gleichzeitig stieg allerdings auch die Anzahl der Schüler mit starken Leistungsschwächen (von 16,9 Prozent - 2001 - auf 18,9 Prozent).

Im Durchschnitt betrachtet, haben sich die Leistungen deutscher Viertklässler allerdings kaum verändert. 2001 erzielte Deutschland 539 Punkte; 2016 immerhin noch 537 Punkte.

Vergleicht man ihre Leistung allerdings mit der Leistung der Kinder in anderen Ländern, sind die Deutschen zurückgefallen. Lag Deutschland im Jahr 2001 noch auf Platz 5, liegen wir heute nur auf Platz 26. Oder anders gesagt: Viele Länder haben sich enorm verbessert und deutsche Schüler in der Lesekompetenz überholt.

 

Was bedeutet das IGLU-Ergebnis für die Schüler?

Die IGLU wird gezielt mit Viertklässlern durchgeführt, da die Schüler am Übergang zur weiterführenden Schule stehen. Spätestens dort benötigen Schüler die Lesekompetenz, um sich Wissen anzueignen. In (fast) allen Fächern - von Geschichte und Mathematik (Textaufgaben) über Biologie und Physik bis hin zu Politik und selbstverständlich Deutsch - müssen Schüler Texte lesen und sie verstehen. "Es ist davon auszugehen, dass sie mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern in der Sekundarstufe I konfrontiert sein werden", heißt es im Studien-Bericht.

"In Deutschland geben 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, nie oder fast nie außerhalb der Schule zum Vergnügen zu lesen", heißt es im Bericht der IGLU 2016. Zudem gehören 40 Prozent der Schüler zu den "Weniglesern" (täglich weniger als 30 Minuten) und nur 10 Prozent der Schüler zu den "Viellesern" (täglich 2 Stunden oder mehr).

 

IGLU: Hat die deutsche Bildungspolitik versagt?

"Deutschland ist es in den vergangenen 15 Jahren im Bereich der Grundschule nicht gelungen, den Anspruch auf Chancengleichheit im Bildungssystem zu realisieren. (...) Sowohl zwischen als auch innerhalb der Bundesländer bestehen deutliche Unterschiede hinsichtlich der Chancen auf schulische Bildungsteilhabe und Bildungserfolg", heißt es im IGLU-Bericht. Demnach hinken Kinder aus "ungünstigen sozialen Lagen" etwa ein Schuljahr hinter Kindern aus "günstigen sozialen Lagen."

Die Kluft zwischen den Kindern der jeweiligen Familien wird sogar immer größer: "Bedenklich ist der konstant hohe Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler und den Schullaufbahnpräferenzen. Auch unter Kontrolle der Lesekompetenz und der kognitiven Fähigkeiten haben Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern eine deutlich höhere Chance auf eine Gymnasialpräferenz als Kinder aus bildungsfernen Familien."

 

Mädchen und Jungen im Lese-Vergleich

"In Deutschland erreichen Mädchen (mit 543) leicht bessere Ergebnisse als Jungen (mit 532 Punkten) und haben einen Vorsprung von 11 Punkten auf der Gesamtskala Lesen. (...) Ein vertiefender Blick zeigt, dass es insbesondere beim literarischen Lesen im Mittel deutliche Vorteile der Mädchen in den Leseleistungen gibt, während dies beim informierenden Lesen nur minimal der Fall ist. Mädchen haben auch im Leseselbstkonzept, der Lesemotivation und dem Leseverhalten positivere Werte als Jungen." Dass Mädchen etwas besser abschneiden als Jungen, ist allerdings nicht neu: Auch in den vorangehenden IGL-Untersuchungen von 2001, 2006 und 2011 schnitten Mädchen besser ab.

Doch warum ist das so? "Ein Erklärungsansatz verweist auf ein geringeres schulisches Engagement von Jungen", schlussfolgern die Forscher. "Dieser Erklärungsansatz wird auch durch die Daten der IGLU-Erhebung von 2001 gestützt, in der eine Vielzahl motivationaler und emotionaler Merkmale von Schülerinnen und Schülern erhoben wurde." Kurz gesagt: So war es schon immer.

 

Länder im IGLU-Vergleich

So schnitten alle teilnehmenden Länder in der IGLU ab:

  1. Russische Föderation
  2. Singapur
  3. Hongkong
  4. Irland
  5. Finnland
  6. Polen
  7. Nordirland
  8. Norwegen
  9. Taiwan
  10. England
  11. Lettland
  12. Schweden
  13. Ungarn
  14. Bulgarien
  15. USA
  16. Litauen
  17. Italien
  18. Dänemark
  19. Macau
  20. Niederlande
  21. Australien
  22. Tschechien
  23. Kanada
  24. Slowenien
  25. Österreich
  26. Deutschland
  27. Kasachstan
  28. Slowakei
  29. Israel
  30. Portugal
  31. Spanien
  32. Belgien (flämische Gemeinde)
  33. Neuseeland
  34. Frankreich
  35. Belgien (französische Gemeinde)
  36. Chile
  37. Georgien
  38. Trinidad & Tobago
  39. Aserbaidschan
  40. Malta
  41. Vereinigte Arabische Emirate
  42. Bahrain
  43. Katar
  44. Saudi-Arabien
  45. Iran
  46. Oman
  47. Marokko

Es zeichnet sich eine staatenübergreifende Problematik ab: "Insgesamt deuten die Daten auf einen ungünstigen internationalen Trend im Leseverhalten hin. In fast allen Staaten und Regionen ist der Anteil der Kinder, die fast täglich zum Vergnügen lesen, seit 2001 beziehungsweise 2006 beträchtlich gesunken, in einigen Staaten und Regionen sogar um 10 Prozentpunkte", heißt es im aktuellen IGLU-Bericht. Und weiter: "Im Vergleich zur Nutzung anderer Medien (wie Radio, Handy/Smartphone, Fernsehen und Musikhören) kommt das Lesen von Büchern deutlich seltener vor und wird nur von 5 Prozent der Kinder als Lieblingstätigkeit in der Freizeit genannt."

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(ww7)

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