TrauerhilfeKinder beim Trauern unterstützen

Als mein erster Opa starb war ich sieben Jahre alt.

Inhalt
  1. Was brauchen Kinder beim Trauern?
  2. Die Bedeutung eigener Erfahrungen würdigen
  3. Über den Tod sprechen
  4. Das Alter berücksichtigen
  5. Kindliche Reaktionen verstehen
  6. Kindliche Sicht und Ängste einbeziehen
  7. Eigene Gefühle beachten und zeigen
  8. Jenseitsvorstellungen bewegen
  9. In Abschiednahme einbeziehen
  10. Kreativität aktivieren
  11. Trauergruppen unterstützen
  12. Stabile Begleiter sein/finden
  13. Fachliche Hilfe

Wie viele Eltern auch heute noch glauben, dachten meine damals, es sei besser, wenn wir Kinder nicht mit zur Beerdigung kommen. Doch mir hat offenbar etwas wie Abschiednehmen gefehlt. Deshalb bin ich in den Wochen danach noch oft mit meinem Kinderfahrrad an sein Grab gefahren und hab ihm selbstgebastelte Kreuze und Bilder als Grabschmuck gebracht.

 

Was brauchen Kinder beim Trauern?

Heute wissen wir schon viel mehr darüber, warum es für Kinder wichtig ist, in den Trauerprozess einbezogen zu werden. Trotzdem tut sich unsere Gesellschaft schwer damit, einen gesunden Weg des Verabschiedens und Trauerns zu beschreiten. Einen, der den Kreislauf des Lebens annimmt und das Sterben als natürlichen Teil des Ganzen sieht. Zumindest dann, wenn Oma und Opa schon alt geworden sind. Wenn Kinder sterben, stehen Menschen vor noch einer ganz anderen Herausforderung, so eine Situation zu bewältigen. Doch dann brauchen Sie den Beistand Erwachsener noch auf etwas andere Weise.

In jedem Fall ist es so, dass eine altersgerechte Einbeziehung in das Abschiednehmen auch für Jüngere wichtig ist. Denn Kinder fangen erst damit an, den Lauf der Dinge und die Endlichkeit des Lebens zu erfassen und zu begreifen. Wie bei anderen Themen auch, haben sie Fragen dazu und Phantasien, Ängste – nur oft keine offenen Ansprechpartner.

Kaum jemand hat wirklich Übung darin, über den Tod zu sprechen. Doch jedem steht früher oder später bevor, anderen im Trauerfall zur Seite zu stehen. Es kostet anfangs Überwindung. Oft ist man unsicher. Doch wer ein paar Dinge dabei beherzigt und auf sein Gefühl vertraut, wird es schaffen. Wir haben für Sie einige wichtige Tipps zusammengefasst:  

 
 

Die Bedeutung eigener Erfahrungen würdigen

Wie wir mit (bevorstehenden) Sterbefällen umgehen, wird oft von unseren eigenen Erfahrungen geprägt. Denn wir merken uns gerade in solchen existenziellen Situationen sehr gut, was tröstlich, tragend, helfend war. Und auch: Was wir nie wieder erleben möchten. Überlegen Sie mal, was Sie bisher erlebt haben! Wie hat Sie das beeinflusst, wenn Sie mit anderen Menschen und vor allem mit Kindern über das Lebensende und den Tod sprechen? Genau diese ganz persönliche Prägung ist es, wegen der es kein Patentrezept für Trauerbegleitung im nahen Umfeld gibt. Es wird immer ein individueller Weg sein, dem Thema zu begegnen.

 

Über den Tod sprechen

Für Kinder ist es wichtig, dass sie im Trauerfall alle Informationen bekommen, die sie brauchen. Und weil es bei Kindern oft noch wenig Erfahrung dazu gibt, sind sie darauf angewiesen, dass Erwachsene von sich aus behutsam aber klar verständlich ansprechen, was geschehen ist und was jetzt auf das Kind zukommt."Opas Herz hat aufgehört zu schlagen. Deshalb ist er gestorben. Auch der Arzt kann ihn jetzt nicht wieder lebendig machen. Das kann keiner." In dieser Art ist es verständlich für ein Kind, was mit Opa passiert ist. Irreführend und beängstigend hingegen sind Verklausulierungen wie "Opa ist friedlich eingeschlafen." Sonst bekommen Kinder Angst vor dem Einschlafen oder hören nicht auf zu warten, dass Opa doch noch aufwacht.

Achten Sie auf Ihre eigenen Grenzen, um weder sich noch das Kind zu überfordern. Aber erklären Sie dennoch so, dass es möglichst viel von dem erfährt, was im Krankenhaus, dem Hospiz oder der Beerdigung und danach auf es zukommt. Denn auf Situationen vorbereitet zu sein, schafft Sicherheit. Und die ist in einer Zeit ganz wichtig, in der sich viel verändert und die manchmal kaum auszuhalten ist.

 

Das Alter berücksichtigen

Im Gespräch über die bevorstehende Situation muss natürlich das Alter des Kindes berücksichtigt werden, das mit dem Verlust umgehen muss. Kleine Kinder haben dabei kaum eine Vorstellung vom Tod und reagieren oft mit eher sachlichen klingenden Fragen wie: Und was passiert dann mit dem Körper, wenn der eingebuddelt wird? Oder: Wer kriegt dann sein Haus? Dass ist normal und kein Zeichen dafür, dass es dem Kind egal ist, was passiert.

Deshalb sollte man kein Kind ermahnen, dass vermeintlich „nicht traurig genug“ auf die Nachricht des Todes reagiert. Je älter das Kind ist, desto angebrachter ist eine eher erwachsene Sprache über alles, was es jetzt bewegt. Auch der Austausch über die Gefühle innerhalb der Familie. Wichtig ist: Kein Kind, das Fragen hat, ist zu klein für Antworten.

Wem diese Aufgabe bevorsteht, der kann heute auf einfühlsame Bücher zum Thema für alle Altersgruppen zurückgreifen.

Kinder trauern anders als Erwachsene
Um Kinder in ihrer Trauer zu unterstützen ist es wichtig, ihr Alter zu berücksichtigen. Foto: czarny_bez / iStock
 

Kindliche Reaktionen verstehen

Dass das Leben von Angehörigen zu Ende gehen kann und dies normalerweise von traurigen oder wütenden Gefühlen begleitet wird, beginnen Kinder erst etwa ab drei, vier Jahren zu verstehen. Bei Kindern dieses Alters sind schon deutliche Gefühlsreaktionen mit Tränen und Verzweiflung zu erwarten.

Doch manche Reaktionen der Trauerverarbeitung sind auch nicht ganz so deutlich: Einnässen, schlechte Träume, auffälliges Verhalten (Rückzug, Aggression) in Kita oder Schule und Leistungsabfall sind normale Reaktionen auf das zu Verarbeitende. Aber auch psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen können auftreten. Hierfür ist besonders wichtig, dass Erwachsene verständnisvoll reagieren und Schule oder Kita dafür sensibilisieren, was das Kind gerade zu bewältigen hat.

Normal ist auch, wenn Kinder ihre Trauer nicht ständig zeigen. Sie kommt oft in Schüben oder Wellen. Für Erwachsene etwas irritierend ist es dann, wenn Kinder nach einem traurigen Moment oder einer Phase plötzlich wieder auf Spaß und Spiel umschalten. Doch dies ist wichtig zu Regulation der Gefühle und schafft Distanz zum traurigen Gefühl. Wenn dies gelingt, ist das für die Bewältigung des Alltags sehr hilfreich. Lassen Sie das Kind wissen, dass all dies normal ist, dass es vielen Menschen so geht, wenn sie einen Verstorbenen vermissen.

 

Kindliche Sicht und Ängste einbeziehen

Wer mit Kindern über Sterben und Tod sprechen möchte, und unsicher ist, wie er das anstellen soll, kann auch erst mal fragen: „Was weißt du schon darüber?“ Oder: „Ich bin unsicher: Soll ich es eher kurz erklären oder möchtest du es ganz ausführlich hören?“ Hilfreich ist auch das Angebot: „Du kannst mir immer sagen, wenn es dir zu viel ist oder ich etwas unverständlich erklärt habe.“

Entscheidend ist, dass unrealistische und vielleicht beängstigende Vorstellungen des Kindes vor den bevorstehenden Ereignissen weitgehend aus dem Weg geräumt werden. Denn so hart die Realität klingen mag, so beängstigend kann es doch sein, nicht zu wissen, wie sie wirklich aussehen wird. Weil Kinder nicht in jedem Alter über ihre Ängste sprechen, darf deshalb manche Info auch ungefragt von den Erwachsenen mitgeteilt werden. Hier ist einfühlsame Sachlichkeit gefragt.

 

Eigene Gefühle beachten und zeigen

So sehr man Kinder Trauer ersparen möchte, sollten wir nicht versuchen sie „wegzureden“. Wenn ein Kind traurig ist, ist es traurig. Genau das gilt es zu würdigen. Zum Beispiel so: „Oh. Du bist gerade richtig traurig. Ich bin es auch noch sehr oft.“ Vielleicht auch: „Manchmal kann ich mich gar nicht richtig auf meine Arbeit konzentrieren. Kennst du das auch?“ Das hilft dem Kind, seine eigene Reaktion als normal einzuordnen. Oder: „Kann es sein, dass du gerade traurig bist, weil du an deine Oma denkst?“

Die tröstend gemeinte Aussage, dass es Oma oder Opa „im Himmel gut geht und er dort keine Schmerzen mehr hat“, ist zwar auch gut zu wissen. Aber das ändert für den Moment nichts an der Trauer des Kindes, die Raum kriegen muss, damit der Schmerz eines Tages nicht mehr so oft präsent ist.

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Jenseitsvorstellungen bewegen

Manche Kinder können viel mit dem Bild des „Kreislauf des Lebens“ anfangen, andere mit religiösen Vorstellungen und wieder andere mit allen wissenschaftlichen Fakten rund um die Vergänglichkeit des Lebens. Hier gilt: Was dem Kind hilft, ist richtig.

Für manche Eltern ist es eine Erleichterung, wenn ihr Glaube eine Vorstellung von dem bereit hält, was der Tod mit sich bringt. Wer an etwas glaubt wie den Himmel, kann das aus seiner Sicht erklären: „Ich stelle es mir so vor…“ Oder: „Ich glaube daran, dass…“

Ob man im Himmel weiterlebt, reinkarniert oder was auch immer - wenn das Kind diese Vorstellung annehmen kann und als hilfreich empfindet, ist das wunderbar. Das Kind entscheidet, was ob es daran glauben möchte. Es kann aber auch sein, dass ein Kind seine eigene Vorstellung davon entwickelt, was nach dem Tod kommt. Wo Seele und Körper verbleiben. Solange es dem Kind damit gut geht, sollte niemand versuchen, ihm etwas anderes einzureden.

 

In Abschiednahme einbeziehen

Kinder brauchen Teilhabe, um etwas zu begreifen. Um zu verstehen, wie es jetzt ist. So ist es auch beim Abschiednehmen. Deshalb wissen wir heute, dass es für die Verarbeitung des (bevorstehenden) Verlustes sehr wichtig ist, die Kinder einzubeziehen. Sie mitmachen zu lassen. Auch bei den Vorbereitungen zur Beerdigung und der Beisetzung selber. Sonst fühlen sie sich ausgeschlossen, allein, alles bleibt abstrakt und damit unwirklich.

Wer unsicher ist, was dem Kind zugemutete werden kann, sollte nachfragen. „Ich habe dir ja erzählt, wie es ablaufen wird. Willst du bei allem dabei sein? Oder gibt es etwas, wo du doch lieber zu Hause/bei deinem Freund/Onkel… sein möchtest/draußen warten willst? Du kannst es auch in dem Moment sagen…“ Denn hierfür haben viele Kinder eine gute Selbsteinschätzung. Werden die Kinder einbezogen, soweit sie das wollen, können sie hinterher oft wieder besser an den Alltag anknüpfen.

 

Kreativität aktivieren

Bei der Verarbeitung hilft auch jede Form der Kreativität, durch die die inneren Prozesse einen äußeren Ausdruck finden. Ob es in der Vorbereitung der Dekoration für die Beerdigung ist, eine Grabbeigabe in den Sarg gelegt wird oder ein Brief oder Gedicht die Gefühle des Kindes zum Ausdruck bringt. Oder das Kind ein Bild davon malt, wie es dort aussieht, wo der Verstorbene jetzt ist. Alles, was die Trauer ausdrückt und in den Fluss bringt, ist hilfreich für die Bewältigung.

 

Trauergruppen unterstützen

In speziellen Trauergruppen, die auch für Kinder angeboten werden, gibt es viele Anregungen für den kreativen Umgang mit den inneren Prozessen rund um die Abschiednahme. Und Raum für Gespräche darüber, wie es jedem gerade geht. Das heißt jedoch nicht, dass hier nur geweint und geklagt wird. In den Gruppen für Kinder wird nämlich auch thematisiert, dass jedes Kind sein Leben weiterleben darf, dass es fröhlich sein darf, auch wenn die Eltern vielleicht gerade selber in ihrer Trauer stecken oder sehr beschäftigt mit dem Nachlass der/des Verstorbenen sind.

 

Stabile Begleiter sein/finden

Dem Kind Geborgenheit zu schenken ist jetzt das A und O. Sicherheit und Geborgenheit lassen einen vieles überstehen. Dass das Kind mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen gesehen wird ist außerdem wichtig, aber nicht immer leicht, wenn die Eltern selber in tiefer Trauer sind. Dann sind sie so sehr mit sich oder den anderen Hinterblieben beschäftigt, dass die Kinder ungewollt zu kurz kommen.

In solchen Phasen kann es eine willkommene Unterstützung und Abwechslung sein, wenn das Kind ab und zu mit Menschen zusammen sein kann, die fröhliche und unbelastete Aktivitäten vorschlagen und etwas „Normalität“ bieten. Hin und wieder weg vom Ort der Trauer und ab ins Leben mit Patentante, Freund der Familie oder einer befreundeten Familie lässt etwas frische Luft an die Gefühlswelt. Den meisten Kindern tut das nach dem Verlust eines geliebten Menschen wirklich gut.

 

Fachliche Hilfe

Die oben genannten Reaktionen auf einen Verlust gehören zur Trauerbewältigung. Sie sind normal und eher deren Fehlen bedenklich. Lassen sie jedoch über Monate nicht nach oder verschlimmern sich, ist es wichtig, sich fachliche Hilfe zu holen. Am besten mit der ganzen Familie. Denn manchmal merken nicht alle, dass das Kind mit der Situation noch viele Wochen beschäftigt ist, vielleicht damit überfordert ist oder von Ängsten geplagt wird oder mit der Trauer der Eltern.

Außenstehende Menschen mit dem Wissen um Trauer, ihre Phasen und Möglichkeiten der Bewältigung sind jetzt wichtige Ansprechpartner. Manches schafft man eben nicht allein, wenn es für einen zu schwer wiegt. Den Schmerz kann zwar keiner nehmen. Doch zusammen mit der Familie kann ein Weg gefunden werden, wie der Verlust seinen Platz findet, an dem er gesehen wird und sich dennoch wieder dem Leben zugewandt werden kann. Ein Weg, den jede Familie anders beschreitet.

Autorin: Marthe Kniep, Diplom-Pädagogin und Systemische Familientherapeutin

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