Kampf ums LebenKinderherzchirurg René Prêtre: Er rettet Kinder mit Herz-Operationen

In der Mitte schlägt das Herz – von der Verantwortung für ein kleines Leben! Kinderherzchirurg René Prêtre über seine Arbeit zwischen Leben und Tod.

Leben retten durch Herz-Operationen – wie anspruchsvoll und schwierig das sein kann, berichtet jetzt René Prêtre, ein Kinderherzchirurg aus der Schweiz in einem autobiografischen Buch.
Leben retten durch Herz-Operationen – wie anspruchsvoll und schwierig das sein kann, berichtet jetzt René Prêtre, ein Kinderherzchirurg aus der Schweiz in einem autobiografischen Buch.
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Inhalt
  1. René Prêtre: Wie ein Herzchirurg das Leben von Kindern rettet
  2. Ein Drahtseilakt zwischen Leben und Tod
  3. Quälendes Warten: Wenn alle Herzen stillstehen
  4. "Jedes gerettete Leben eines Kindes ist alle Opfer wert!"

 

René Prêtre: Wie ein Herzchirurg das Leben von Kindern rettet

Es gibt für Eltern kaum eine schlimmere Nachricht als die, dass ihr Kind so schwer krank ist, das sein Leben bedroht ist. Eltern, die von einem Arzt hören: „Ihr Kind wird sterben, wenn wir nicht operieren“ sind zutiefst erschüttert und meist auch voller Angst um ihr Kind. 

Mit solch kranken Kindern, die um ihr Leben fürchten, und Eltern, die sich nichts mehr wünschen, als dass ihr Kind wieder gesund wird, hat der Schweizer Kinderherzchirurg Prof. Dr. med. René Prêtre, Klinikdirektor der Herzgefäßchirurgie in Lausanne (CHUV) und Leiter der Kinderherzchirurgie in Genf (HUG), jeden Tag zu tun. Sein Job: Das Leben von Kindern retten, indem er ihre Herzen repariert.

 

Ein Drahtseilakt zwischen Leben und Tod

Die Herzen von Kindern sind so klein wie Pflaumen oder Zitronen. Sie zu operieren ist eine filigrane Meisterleistung auf einem hauchdünnen Grat zwischen Leben und Tod.

René Prêtre flickt gefährliche Risse in winzig kleinen Herzen, schließt Löcher zwischen Herzkammern, ersetzt kranke Herzen durch gesunde Herzen - immer fürchtend, dass sein Werk nicht reicht, um das Herz am Leben zu erhalten.

Wie unendlich hart dieser Job sein kann, welch Glücksrausch einer erfolgreichen OP folgt und welch tiefe Verzweiflung ihn nach dem Tod eines Kindes trotz Operation quält, das beschreibt René Prêtre jetzt in seinem Buch „In der Mitte schlägt das Herz – Von der großen Verantwortung für ein kleines Leben.

„In der Mitte schlägt das Herz – von der Verantwortung für ein kleines Leben“: In seinem Buch berichtet Kinderherzchirurg René Prêtre von seinem täglichen Kampf um das Leben von Kindern mit kranken Herzen.
„In der Mitte schlägt das Herz – von der Verantwortung für ein kleines Leben“: In seinem Buch berichtet Kinderherzchirurg René Prêtre von seinem täglichen Kampf um das Leben von Kindern mit kranken Herzen.
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Quälendes Warten: Wenn alle Herzen stillstehen

Welche große Verantwortung während jeder Operation auf den Schultern der Chirurgen lastet, wird klar, wenn René Prêtre von der Operation eines kleinen Mädchens kurz nach seiner Geburt berichtet:

„Diese Operation bereitete uns, abgesehen davon, dass sie bei einem Neugeborenen durchgeführt werden musste, keine größeren Sorgen. Für Katjas Eltern sieht das anders aus. Für sie ist es ein einzigartiges Wesen, für das sie alles tun würden. Sie hätten sich statt seiner auf den OP-Tisch gelegt, hätten ihr Herz mit seinem getauscht, wenn das möglich gewesen wäre.“

Darum ruft René Prêtre nach jeder Operation sofort und als allererstes die Eltern an, um sie vom qualvollen Warten zu erlösen, in dem sie ausharren müssen, während René Prêtre das Herz ihres Kindes anhält, um es operieren zu können. Nur eine Herz-Lungen-Maschinen hält den kleinen Körper währenddessen am Leben, lässt das Blut weiter durch die Organe fließen.

„Ich weiß, dass die Herzen der Eltern im übertragenen Sinne stillstehen, dass sie in der Schwebe hängen, auf diesen Anruf warten, um weiterschlagen zu können.“ Was René Prêtre dann sagt, im besten Falle: „Wir haben die Operation beendet. Alles ist gut gegangen.“ Und was er dann meist zu hören bekommt: „Danke, Herr Doktor. Wir werden ihnen unser Leben lang dankbar sein.René Prêtre schreibt: „Das ist der Satz, den ich gegen Ende solcher Anrufe am häufigsten gehört habe – manchmal zwischen zwei Schluchzern der Erleichterung.“

Tausenden Kindern haben René Prêtre und seine wechselnden Teams im Laufe der Jahrzehnte schon das Leben gerettet.

Doch manchmal, sehr selten, geht auch etwas schief bei einer Herzoperation. Es kann passieren, dass ein Kind nicht überlebt, dass Komplikationen während oder nach der OP dazu führen, dass ein Kind nach dem Eingriff behindert ist – oder dass ein Herz ganz aufhört zu schlagen – wie bei diesem kleinen Mädchen, das gerade vier Jahre alt war. Es war mit einem halben Herzen zur Welt gekommen.

René Prêtre erinnert sich: „Ihre Haut war zwar stets ein wenig bläulich gewesen, aber davon abgesehen, war sie stets das blühende Leben. […] Und das, obwohl sie nur mit einem halben Herzen zur Welt gekommen war und bereits kurz nach ihrer Geburt eine heikle Operation über sich hatte ergehen lassen müssen. Um die Fehlbildung von Kindern zu korrigieren, die mit einem „halben Herzen“ geboren werden, sind drei Eingriffe notwendig: zwei in den ersten Lebensmonaten und der letzte ein wenig später, nach dem zweiten Lebensjahr. Das damit verbundene Risiko ist ungleich verteilt: sehr groß bei der ersten Operation, mittel bei der zweiten und relativ gering bei der dritten. Ein wenig unerwartet ist heute, während des letzten Eingriffs, dem am wenigsten gefährlichen, irgendetwas schiefgegangen. […] Das Mädchen wachte nicht mehr auf. […] Ein Scan bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: Ein Hirnödem hatte sich gebildet.  Einige Stunden später mussten wir der Tatsache ins Auge sehen, dass ihr Gehirn durch die fortschreitende Schwellung, gegen die wir machtlos waren, nicht mehr durchblutet wurde. Und inzwischen haben wir den Hirntod festgestellt. Das kleine Mädchen ist tot.“

 

"Jedes gerettete Leben eines Kindes ist alle Opfer wert!"

Für René Prêtre und seine Kollegen sind solche Momente ebenso qualvoll wie für die Eltern. Ihr Schmerz nimmt sie mit, überspült sie und lässt sie nachts nicht schlafen.

Und doch wagt René Prêtre sich immer wieder an das Herz, um Leben zu retten, die ohne chirurgische Hilfe verloren wären.

René Prêtre schreibt: „Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich fünfundzwanzig Jahre Herzchirurgie mit jeweils ungefähr dreihundert Operationen pro Jahr auf dem Buckel. […] Ich bin in meinem Berufsleben nicht von frustrierenden Sackgassen, schmerzhaften Niederlagen und brutalen Schocks verschont geblieben. Und damit ging einher, das alles in Frage zu stellen, den Mut zu verlieren und in Versuchung zu geraten, aufzuhören. Doch ein einziger Fall, in dem wir das Leben eines Kindes retten können, genügt, um sich von diesen Zweifeln zu befreien und mit den Opfern zu versöhnen, die man für diese besitzergreifende und übermächtige Arbeit erbringen musste.“

***

Mehr über die Arbeit von René Prêtre als Kinderherzchirurg gibt es in seinem Buch "In der Mitte schlägt das Herz" zu lesen und auf der Internetseite seiner Stiftung „Le Petit Coeur“, mit der er Herzoperationen in Ländern wie Mosambik und Kambodscha ermöglicht.

 

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