SupermärkteLebensmittel: Steckt hinter "neuen Rezepturen" immer ein schlechteres Produkt?

Verändert ein Hersteller die Rezeptur eines Produkts, wirbt er sie mit Worten wie "verbessert" oder "neu" an. Die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) hat veränderte Produkte untersucht - und Erschreckendes festgestellt.

Inhalt
  1. Rezeptur-Änderung: Billige Füllstoffe statt Qualität
  2. "Gravierende Verschlechterung" der Produkte
  3. Marken-Placebo-Effekt beim Verbraucher

Masse statt Klasse - und das für wenig Geld. Das scheint das Ziel großer Lebensmittelhersteller zu sein. Wollen sie Schokocreme produzieren, entsteht sie nicht etwa aus viel Kakao, sondern aus Kokosfett, Puderzucker, viel Lebensmittelfarbe und künstlichen Aromen - mit einer Prise Kakao. Schließlich sind diese Zutaten für die Industrie weitaus günstiger, als echter Kakao. Teure gegen billige Zutaten austauschen nennen Profis "Downgrading" - die Hersteller sprechen dagegen von "Optimierung" oder "Feinjustierung".

 

Rezeptur-Änderung: Billige Füllstoffe statt Qualität

Zuletzt waren Nutella-Fans verärgert: Ferrero veränderte vor einigen Monaten die Rezeptur. Konditoren testeten sie in der WDR-Sendung Markt die neue und die alte Nuss-Nougat-Creme. Das Ergebnis: Nutella mit neuer Rezeptur ist heller und flüssiger. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe zeigt, woran es liegt: Der Anteil an günstigem Milchpulver hat sich von 7,5 Prozent auf 8,7 Prozent erhöht. Dafür ist weniger von dem teuren Kakao im Glas - was die hellere Farbe erklärt.

Die Pressestelle von Ferrero äußerte sich dazu:
"Es war an der zeit, vorhandene marginale Rezepturunterschiede auszugleichen. Wir verstehen, dass bei einer so beliebten Marke wie Nutella selbst kleinste Veränderungen breit diskutiert werden. Entscheidend sind am Ende immer Qualität und Geschmackserlebnis."

 

"Gravierende Verschlechterung" der Produkte

Doch gerade am Geschmack und der Qualität hapert es. Zwar bemerken die Konditoren im Test geschmacklich kaum einen Unterschied zwischen der alten und der neuen Nutella-Sorte. Doch wahre Fans der Nuss-Nougat-Creme ärgert die heimliche Veränderung des Rezepts. Eingefleischte Nutella-Esser schmecken sehr wohl einen Unterschied heraus.

Doch Nutella ist mit der Rezept-Änderung nicht allein auf dem Markt. Dieses "Downgrading" der Rezeptur betreiben zahlreiche große Markenhersteller, wie die VZHH herausgefunden hat. Verbraucherschützer haben die Produkte mit ihren Vorgängerprodukten verglichen. Das Ergebnis: "Die Produkte, die wir kontrolliert haben (...) da sprechen wir von einer Produktverschlechterung. Wertgebende Zutaten werden eingespart, stattdessen z.B. Aroma genommen. Das ist ein weites Feld - aber unter dem Strich bezahlt der Verbraucher die Zeche", erklärt ein Verbraucherschützer in der WDR-Sendung Markt.

Folgende Produkte zeigten nach einer veränderten Rezeptur ebenfalls eine "geringfügige bis gravierende Verschlechterung" auf:

  • Krüger Cappuccino Fein & Cremig: rund 5 Prozent mehr Zucker; dafür 3 Prozent weniger löslicher Bohnenkaffee
  • Weight Watchers Mini Frikadellen: 75 Prozent Fleisch (statt 80 Prozent vorher); dafür mehr Wasser enthalten
  • Rewe Bio Honig-Dinkel: enthält ein Drittel weniger Honig - der Name ist aber gleich geblieben
  • Mondolez Milka-Nussini-Riegel: Enthält nun 41 Prozent weniger Haselnüsse; stattdessen mehr Haselnussaroma
  • Kellog's Tresor: nur noch 2 Prozent Haselnüsse und keine Mandeln mehr enthalten; weniger Schokolade
  • Tip Milchreis mit Kirschen in Sauce (Eigenmarke von real): mehr Wasser als Reis enthalten; weniger Reis, mehr Zucker
  • Meßmer Brennnessel-Teemischung: nur noch 51 Prozent Brennnesseln statt 62 Prozent
  • Provamel Mandeldrink: 1,5 Prozent weniger Mandeln; stattdessen Zusatzstoff E 418 hinzugefügt
  • Kölln Müsli Schoko-Kirsch: weniger Schokolade und weniger Kakao in der vorhandenen Schokolade
  • Dr. Oetker Vitalis Früchtemüsli: weniger Vollkorn (Anteil pro Packung von 52 Prozent auf 47,5 Prozent gesenkt); dafür mehr gezuckerte Früchte und mehr Zucker enthalten; Füllmenge verändert: 100 Gramm weniger Inhalt, also 20 Prozent Preiserhöhung)
  • Rama Margarine: 10 Prozent weniger Rapsöl; dafür mehr Wasser
  • Unilever Knorr Hütten-Schmaus Schinken: Glukosesirup statt Milchzucker enthalten
  • Homann Milder Eiersalat: In der neuen Version sind 8 Prozent weniger Eier enthalten; dafür mehr Zusatzstoffe (E 211 und E 202)
 

Marken-Placebo-Effekt beim Verbraucher

So ein Downgrading bewährt sich vor allem bei Markenprodukten, wie Experten verraten. Dann kommt nämlich ein sogenannter Marken-Placebo-Effekt ins Spiel: Kunden vertrauen blind auf den guten Ruf einer großen Marke. Zudem schmecken Markenprodukte den Verbrauchern besser, wenn sie wissen, dass es sich um eine bekannte Marke handelt.

Das traurige Fazit: Verbraucher haben kaum eine Chance zu erkennen, wann eine neue Rezeptur ein schlechteres Produkt mit sich bringt. Denn ein direkter Vergleich zwischen dem alten und neuen Produkt ist nicht möglich. Verbraucherschützer appellieren an Hersteller, Downgrading künftig zu unterlassen. Ob die Hersteller diesen Rat beherzigen, ist eher unwahrscheinlich. Schließlich wollen die Hersteller auf diese Weise ihre Rohstoffkosten senken.

Wer als Verbraucher auf Nummer sicher gehen will, dass ein Produkt gut ist, dem bleibt nur eins übrig: Es selbst herstellen. Das ist zwar teurer und aufwendiger - aber immerhin weiß man dann, was darin enthalten ist...

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