InterviewNicole Jäger: "9 von 10 Frauen haben Cellulite - die Zehnte lügt"

Nicole Jäger ist Autorin, Comedian und vor allem: Eine ganz normale Frau. Mit uns spricht sie über Frauenprobleme, Zweifel und wie wir uns zu mehr Selbstliebe verhelfen können. 

Passend zur Weihnachtszeit bringt Nicole Jäger am 15. Dezember ihr zweites Buch "Nicht direkt perfekt" heraus. Mit dem gleichnamigen Comedy-Programm steht sie ab Ende 2017 auch wieder auf der Bühne. Nach ihrem Debüt „Die Fettlöserin“ und dem dazugehörigen Comedy-Programm „Ich darf das, ich bin selber dick“, widmet sie ihr zweites Werk dem großen Thema Weiblichkeit. 

 

"Was macht man als Frau eigentlich alles mit, um sich begehrenswert zu fühlen?!"

Frau Jäger, Sie starten das Buch mit einer berührenden Szene, in der Sie von einem Date abgewiesen werden, das aufgrund Ihrer Figur keinen Sex mit Ihnen will. Im Buch schlucken Sie den Frust herunter – würden Sie es heute anders machen?

"Ich glaube, ich würde gar nicht erst in die Situation kommen. Weil ich von vornherein denken würde: Es ist in Ordnung, wenn man nicht auf mich steht. Mein Gott, ich steh auch nicht auf jeden Männertyp! Heute würde ich sagen, auch wenn es schmerzhaft wäre: Okay, dann bist du nicht der Richtige für mich und ich bin nicht die Richtige für dich und würde gehen.

Aber die Erfahrung war trotzdem wichtig, deswegen fängt das Buch auch so an, um festzustellen: Was macht man als Frau eigentlich für ne Scheiße mit?!  Nur um sich begehrenswert zu fühlen. Man redet sich ein, man sei eben nicht gut genug, in meinem Fall weil ich eben zu dick war, und dass es deswegen okay wäre, wenn man alles mit sich machen lässt."

 

"Nichts hält einen davon ab, das Leben zu führen, das man sich wünscht."

Ein Kapitel handelt davon, was Sie gerne mit Anfang 20 gewusst hätten. Wie haben Sie gelernt, sich selbst zu mögen?

"Das habe ich mir glaube ich sehr hart erarbeitet. Mein Selbstwert- und Körpergefühl habe ich mir erheult, erkämpft, erfickt und das meine ich auch so. Ich hab es auf die harte Tour gelernt, mein Gott, ich hab 340 Kilo gewogen.

Ich habe schlimme Erlebnisse gehabt, über die ich schreibe, weil sie wichtig sind. Um festzustellen, dass es eine Lüge ist, dass man für irgendwas zu dick oder zu klein ist. Dieses Frausein und sich wohlfühlen ist eine ganzheitliche Sache. Wenn man übergewichtig ist oder eine schiefe Nase hat, dann ist das eben so: Nichts hält einen davon ab, das Leben zu führen, das man sich wünscht und auch führen darf."

Nicole Jäger kämpft in ihrem neuen Buch für mehr Selbstliebe.
Nicole Jäger kämpft in ihrem neuen Buch für mehr Selbstliebe.
Foto: Stephan Pick

Darüber schreiben Sie ja auch im Buch, das insgesamt sehr persönlich ist – ist es komplett autobiografisch?

"Ja! Ich schreibe prinzipiell nur von Dingen, von denen ich auch Ahnung habe. Ich glaube, dass Authentizität und Ehrlichkeit wichtig sind. Ich schreibe ja über sehr persönliche und sehr verletzende, intime Momente, weil ich sagen will: Es geht uns allen so! Wir haben alle dieselben Probleme und solche Momente passieren eben. Es ist alles echt."

 

"Ich spreche über Schlechtes, um Gutes zu erreichen"

Wie gehen Sie denn generell heute mit negativer Kritik um? Prallt das alles an Ihnen ab?

"Es prallt überhaupt nicht an mir ab. Und das muss es auch nicht. Ich spreche darüber, Mensch zu sein, Frau zu sein, in meinem Fall eine sehr emotionale Frau zu sein, da gehört dann aber eben auch dazu, dass ich verletzlich bin. Ich bin nicht kugelsicher. 

Ich kriege ordentlich Backenfutter. Und das ist hart. Dann sitze auch ich manchmal auf meiner Bettkante und denke, warum mache ich das eigentlich?  Die Antwort ist: Weil es eben immer noch so ist, dass Frauen sich so fühlen, wie ich mich fühle. Dass man sich nicht raustraut, dass man keinen Sex hat, dass man sich irgendwie nicht in schöne Klamotten traut.  

 

"Männer werden nicht dazu erzogen, sich selbst zu hassen"

Ich hab vor kurzem eine Diskussion mit zwei Männern über das Thema Body Positivity geführt. Die haben das Thema schlichtweg nicht verstanden. Ist das wirklich ein reines Frauenproblem?

"Hab ich am Anfang gedacht – mit dem neuen Buch kommen aber viele Männer auf mich zu und sagen, es ginge ihnen genauso. Aber: Es ist ein deutlich stärkeres Frauenproblem. Männer werden nicht dazu erzogen, sich selber zu hassen. Frauen hingegen sind damit konfrontiert, dass Weiblichkeit gefühlt nur über Aussehen definiert wird. Wobei Männlichkeit noch aus ganz vielen anderen Bereichen, wie Job, Werte, Bartwuchs, was weiß ich, besteht."

"Wer am schnellsten abnehmen kann, ist die bessere Frau. Als wäre das Einzige, über das ich mich definiere, mein BMI."

"Was wir tun, steht ständig damit zusammen, wer wir optisch sind. Wir haben das Gefühl, uns immer optimieren zu müssen! Wir wollen immer besser oder wie jemand anders aussehen.

Männer verstehen diesen Druck häufig nicht. Ich finde das aber auch ganz befreiend, dass es eben auch diese andere Sichtweise gibt und denke, wir müssten das einfach ein bisschen lockerer angehen. Wie Männer, die denken, „Okay, ich sehe nicht aus wie das Männer-Cover-Model, mit Axt, Steak und Sixpack – sondern ich bin halt wie ich bin.“ Diese Lockerheit wünsche ich uns Frauen auch."

 

"Butter bei die Fische: Wir sind alle nicht perfekt."

Wie glauben Sie, könnten Frauen sich gegenseitig helfen?

"Indem wir aufhören, so scheiße miteinander umzugehen. Der größte Feind einer Frau ist eine andere Frau. Es sind nicht die Männer. Nichts ist so vernichtend, wie ein herabsetzender Blick einer Frau.

Butter bei die Fische: Wir sind alle nicht perfekt. Wir haben alle Cellulite und wenn nicht, dann bekommen wir sie noch. Wir haben alle zu große, zu kleine oder Brüste, die hängen.

Wir tun aber so, als wäre dem nicht so. Ich finde, wir sollten und müssen ehrlicher zueinander sein. Nach außen propagieren wir alles, was gut an uns ist, aber zuhause vor dem Spiegel fühlen wir uns scheiße. Können wir das nicht umdrehen? Dass es ganz normal wird, auch darüber zu sprechen, dass man eben nicht perfekt ist."

"Die schönsten Frauen sind die, die zufrieden sind"

Vergleichen wir uns zu viel?

"Frauen sollten solidarischer sein. Wir vergleichen uns immer mit der Nächstbesseren. Wir kommen dabei aber nie bei uns an. Wir versuchen zu sein, wie alle anderen, aber alle anderen wollen auch wieder wie alle anderen sein

Niemand ist zufrieden. Dann hungern wir, schmieren uns Cremes auf den Körper und glauben nicht mehr an unser Körpergefühl, sind elf Jahre alt und haben die erste Essstörung, finden uns hässlich. Das ist so schlimm! Und dann verbringen wir 80 Jahre damit, uns nicht gut zu fühlen.  Dabei glaube ich nach wie vor, dass die schönsten Frauen die sind, die zufrieden sind. Da gehört übrigens manchmal auch eine Pizza zu."

Wie sieht das denn in der Weihnachtszeit aus, verzichten Sie da viel?

"Es ist Weihnachten! Wenn man anfängt, bei jedem Keks ein schlechtes Gewissen zu haben, dann hat man ein Problem – ich weiß wovon ich spreche, ich bin essgestört. Darüber sollte man nicht nachdenken. Die Aufgabe eines Kekses ist es, sich im Mund anzufühlen wie bei Opa damals. Die Aufgabe von Essen ist es, toll zu sein. Solange von einer Eskalation zur nächsten ein wenig Zeit vergeht, kann man Fünfe auch mal gerade sein lassen."

Was ist Ihr Lieblingsgericht zu Weihnachten?

"Ich bin der klassiche Roastbeef-Kartoffel-Klöße-Soße-Typ. Und Rotkohl natürlich!"

Vielen Dank für das Interview!

In ihrem Buch  „Nicht direkt perfekt“  berichtet Nicole Jäger erfrischend ehrlich über „Beziehungen, Siebel-Achtel-Hosen, Diät-Shakes, die nach Ochsenschwanzsuppe schmecken, das eigen Spiegelbild – und über das permanente Gefühl, nicht perfekt zu sein“. Erscheint am 15.12.2017 im rowohlt-Polaris-Verlag. Die Tourtermine findest du hier.

 

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