Gender-UngerechtigkeitGender-Pricing: Produkte und Dienstleistungen für Frauen teurer als für Männer

Produkte und Dienstleistungen sind für Frauen häufig teurer als für Männer, wie eine neue Studie belegt. Der Aufpreis heißt Pink Tax (Pink Steuer).

Inhalt
  1. Keine Gleichbehandlung bei Preisgestaltung
  2. Knapp 60 Prozent aller Dienstleistungen für Frauen teurer
  3. Gezieltes Marketing mit Gender-Pricing
  4. Auch Männer werden diskriminiert
  5. Verstößt Preisgestaltung nach Geschlecht gegen das Gesetz?
  6. Verbraucherschützer fordern Abschaffung der Pink Tax
  7. Was können Frauen gegen Gender-Pricing tun?
  8. Gender-Pricing weltweit verbreitet

Wie fair ist es, dass der gleiche Rasierer in rosa teurer ist als in blau? Wo ist die Gerechtigkeit hin, wenn ein Deo mit "männlichem" Duft weniger kostet, als mit "weiblicher" Duftnote? Und warum kostet so manches "Mädchen-Spielzeug" mehr, als "Jungen-Spielzeug"?

Wieso muss eine Frau für ihren Kurzhaarschnitt beim Friseur mehr bezahlen, als ein Mann für seinen Kurzhaarschnitt - bei dem gleichen Friseur? Und wieso ist die KfZ-Rechnung für Frauen häufig höher, als die für Männer? Und warum müssen Frauen für die Reinigung einer Bluse mehr bezahlen, als Männer für ihr Hemd?

 

Keine Gleichbehandlung bei Preisgestaltung

Allein diese Fragen stellen zu müssen, ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gender-Kultur. Doch es führt kein Weg daran vorbei, wenn man sich die erste deutschlandweite Studie zur "Preisdifferenzierung nach Geschlecht" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes anschaut.

In der Studie, durchgeführt vom IF! Institut für sozioökonomische Forschung der 2HM & Associates GmbH im Frühjahr 2017, wurden jene 381 Dienstleistungen (u.a. Friseure, Textilreiniger, Schuster, Änderungsschneidereien, Kosmetiker) und 1.682 Produkte miteinander verglichen, die identische Eigenschaften aufweisen, aber gezielt Frauen oder Männer ansprechen (z.B. durch die Bezeichnung wie etwa Damen- oder Herren-Shirt oder auf Preislisten "für Frauen" oder "für Männer"; die Benennung wie z.B. "Prinzessinnen-Sternenzauber" und "Käpt'n Sharky"; Farbgebung der Produkte oder Verpackungen wie z.B. rosa oder blau; Design des Produkts - etwa Muster, Fotos oder Motive - wie z.B. Blumen oder Autos; Platzierung des Produkts z.B. gezielt in der Frauen- bzw. Männerabteilung; Inhaltsstoffe des Produkts wie z.B. blumige vs. holzige Düfte in Kosmetika).

 

Knapp 60 Prozent aller Dienstleistungen für Frauen teurer

Das Ergebnis sieht vor allem für die Dienstleistungen verheerend aus. Während unter den Produkten "nur" 62 (ca. 3,7 Prozent) einen Preisunterschied (um durchschnittlich 5 Euro!) aufzeigen (das sind immer noch 62 zu viel!), sind es bei den Dienstleistungen knapp 60 Prozent! Genauer: Bei sechs von zehn identischen (!) Dienstleistungen wird von Frauen mehr Geld verlangt als von Männern.

Die Juristin und Professorin Dr. Maria Wersig, der Fachhochschule Dortmund, hat zusammen mit ihrem sechsköpfigen Team dieses sogenannte "Gender Pricing" (dt. Geschlechts-Preissetzung), auch Pink-Tax (Pink-Steuer) oder Woman Tax (Frauen Steuer) genannt, analysiert. Demnach

  • zahlen Frauen für einen vergleichbaren (!) Kurzhaarschnitt durchschnittlich 12,50 Euro mehr als Männer (bei 89 Prozent aller Friseure!).
  • zahlen Frauen für eine vergleichbare (!) Blusenreinigung durchschnittlich 1,80 Euro mehr als Männer (bei 32 Prozent aller Reinigungbetriebe).
  • zahlen Frauen für die untersuchten Dienstleistungen insgesamt durchschnittlich 13,80 Euro mehr als Männer.
  • zahlen Frauen für Parfüms durchschnittlich 19 Euro (!) mehr als Männer (bei 246 geprüften Parfüms).
  • zahlen Frauen bei einigen gleichwertigen Produkten und Dienstleistungen bis zu 200 Prozent (!) mehr als Männer.
Tabelle Gender-Pricing
In der Discothek werden der Untersuchung zufolge Frauen und Männer am häufigsten gleich behandelt - zumindest, was die Preise angeht
Foto: antidiskriminierungsstelle.de / Studie
 

Gezieltes Marketing mit Gender-Pricing

Doch warum ist das so? Betroffene Dienstleister und Produzenten verweisen zum einen auf die "Bereitschaft von Frauen, mehr zu bezahlen." Doch gerade das ist, laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, in Deutschland verboten: "Ein Verstoß gegen das AGG liegt zum Beispiel vor, wenn sich Preise für Dienstleistungen nach dem Geschlecht unterscheiden, nur um höhere Preisbereitschaften von Frauen oder Männern besser auszuschöpfen. Ebenso ist es nicht zulässig, allein vom Geschlecht einer Person auf den zu erwartenden Aufwand einer Dienstleistung (z.B. Frisieren) zu schließen." Gender-Pricing sei gezieltes Marketing der Dienstleister und Hersteller, sagte auch ein Sprecher des Bundesjustiz- und Verbraucherschutzministeriums gegenüber SPIEGEL Online. Mit anderen Worten: Es wird Gender-Marketing in Deutschland betrieben.

Zum anderen argumentieren die Befürworter des Gender-Pricing mit dem "Arbeitsaufwand", welcher bei der Produktion von "Frauenprodukten" der Dienstleistung entstehe. So plane ein Friseur für den Kurzhaarschnitt einer Frau mehr Zeit ein, als bei dem Mann. Dieser Zeitaufwand müsse vergütet werden. Das Gegenargument: Dienstleister dürfen sich nicht von vorne herein von dem Vorurteil leiten lassen, bei einer Frau würde ein vergleichbarer Haarschnitt mehr Zeit kosten (für die Beratung? Welcher Aufwand?), als bei einem Mann.

In der aktuellen Studie werden drei Differenzierungs- bzw. Diskriminierungsgrade aufgezeigt:

  1. Grad: "Anbieter versuchen bei Verbraucher_innen individuell den Preis zu realisieren, der der maximalen Zahlungsbereitschaft entspricht." (z.B. Rasierer, Shampoos)
  2. Grad: "Verbraucher_innen ordnen sich einer vordefinierten Leistung zu, die sich im Preis von anderen Angeboten der jeweiligen Anbieter unterscheidet." (z.B. Reinigungsunternehmen)
  3. Grad: "Verbraucher_innen werden von Anbietern in vordefinierte Gruppen eingeteilt, die unterschiedliche Preise für gleiche oder sehr ähnliche Leistungen zu zahlen haben." (z.B. Friseure)
 

Auch Männer werden diskriminiert

Gender-Pricing benachteiligt zwar in erster Linie Frauen. Doch auch Männer werden bei einigen Produkten und Dienstleistern preislich diskriminiert (allerdings nicht so stark wie Frauen). So zahlen Männer z.B. für das Waxing im Kosmetikstudio mehr als Frauen. Bei 1,4 Prozent der untersuchten Produkte mussten Männer mehr bezahlen.

Um das Gender-Pricing in Deutschland abzuschaffen, appelliert die Antidiskriminierungsstelle an die betroffenen Branchen. Die Verbände sollen Selbstverpflichtungen der Dienstleister einführen, wie es in Österreich schon der Fall ist: "Dort hat die Friseur-Innung gemeinsam mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft ein Muster zu geschlechtsneutralen Preislisten erarbeitet – ein gutes Beispiel", weiß Lüders. Zwar halten sich nicht alle Dienstleister daran - schließlich haben sie keine Sanktionen zu fürchten. Dennoch haben viele Betriebe ihre Preisgestaltung nicht mehr nach Geschlecht sortiert, sondern nach Leistung.

 

Verstößt Preisgestaltung nach Geschlecht gegen das Gesetz?

Doch kann man gegen diese Diskriminierung von Frauen nicht gesetzlich vorgehen? "Wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss, dann verstößt das im Grundsatz gegen das Diskriminierungsverbot", sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders. "Wir empfehlen aber insbesondere dem Reinigungs- und dem Frisiergewerbe, Dienstleistungen eher nach der konkreten Art der Leistung und nicht pauschal nach dem Geschlecht anzubieten."

Laut dem Grundgesetz (Artikel 3, Absatz 2) sind "Männer und Frauen gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

Auch nach europäischen Richtlinien ist eine Gleichbehandlung der Geschlechter vorgeschrieben (Richtlinie 2004/113/EG).

 

Verbraucherschützer fordern Abschaffung der Pink Tax

Studienleiterin Maria Wersig weist auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Deutschland hin, wonach Menschen nicht wegen ihres Geschlechts benachteiligt werden dürfen. Höhere Preise für gleiche Leistungen und Produkte zahlen zu müssen, ist eine eindeutige Benachteiligung (zumal Frauen in Deutschland ohnehin für gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten).

Auch die Verbraucherzentrale Hamburg mahnt: "Pink Tax abschaffen! Wir fordern Hersteller und Einzelhändler auf, die Preisdiskriminierung von Frauen zu unterlassen. Denn Frauen werden mit diesen Tricks doppelt benachteiligt, weil sie darüber hinaus meist noch weniger Geld verdienen als Männer."

 

Was können Frauen gegen Gender-Pricing tun?

Bis - wenn überhaupt - eine gesetzliche Regelung das Gender-Pricing in Deutschland verbietet, rät die Antidiskriminierungsstelle des Bundes den Frauen folgendes, zur Umgehung eines Geschlechter-Aufpreises:

 

Gender-Pricing weltweit verbreitet

Die Preisgestaltung nach Geschlecht ist dabei nicht nur Deutschland und Österreich vorbehalten. Auch in den USA wird für einen baugleichen Fahrradhelm schon mal 13 Dollar mehr verlangt wenn er rosa ist, als für das blaue Pendant.

Auch bei Kinderspielzeug, dessen Design sich an Mädchen richtet, wird bis zu 7 Prozent mehr Geld verlangt, als für das "jungenhafte" Design. Gleiches gilt für Kleidungsstücke, die für Frauen durchschnittlich 8 Prozent teurer sind als für Männer - auch dann, wenn es sich um den gleichen Stoff und einen ähnlichen Schnitt handelt.

In zwei amerikanischen Bundesstaaten - New York und Kalifornien - ist Gender-Taxing inzwischen gesetzlich verboten. In Frankreich und Großbritannien wird ein Verbot des Gender-Pricing immerhin schon auf politischer Ebene diskutiert.

Deutschland hat noch einen langen Weg vor sich, was die Gleichberechtigung von Frauen und Männern angeht.

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(ww7)

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