Miserable ArbeitsbedingungenRyanair-Flugbegleiterin packt aus: So hart sind die Arbeitsbedingungen bei der Billigfluglinie wirklich

Am Mittwoch ist das Kabinenpersonal von Ryanair in mehreren Ländern in den Streik getreten. Doch was steckt dahinter? Eine Flugbegleiterin packt aus. 

Inhalt
  1. Arbeiten bei Ryanair: Eine Flugbegleiterin packt aus 
  2. Der Nettoverdienst eines Flugbegleiters liegt zwischen 700 und 1300 Euro 
  3. Befristete Knebelverträge und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
  4. Getränke und Verpflegung im Flugzeug müssen sie selbst mitbringen

Zwei Tage wollen die Flugbegleiter und Piloten von Ryanair streiken. Mitten in der Ferienzeit musste Europas größter Billigflieger mehr als 400 Flüge streichen. Die Kunden sind verärgert, und das Ryanair-Management droht als Konsequenz des Streiks mit Kündigung seiner Mitarbeiter. Die meisten Flugbegleiter von Ryanair sind zwischen 18 und 30 Jahren und kommen laut der Gewerkschaft Ver.di aus wirtschaftlich schwachen Krisenländern in Süd- und Osteuropa. Eine Flugbegleiterin hat jetzt exklusiv im "Spiegel" über die katastrophalen Arbeitsbedingungen ausgepackt. 

 

Arbeiten bei Ryanair: Eine Flugbegleiterin packt aus 

"Wenn ihr für 20 Euro in den Urlaub fliegt, hat das seinen Preis. Und den zahlt bei Ryanair vor allem das Personal", schreibt die Flugbegleiterin, die anonym bleiben möchte im "Spiegel". "Ich komme aus einem europäischen Land, in dem es für junge Menschen nur wenig Perspektiven gibt. Dann las ich vor fünf Jahren, da war ich Anfang 20, das Jobangebot von Ryanair im Internet und war begeistert. Es schien der perfekte - und in meiner Situation einzige - Weg, um mein Ziel zu erreichen. Denn Ryanair stellt Flugbegleiter auch ohne Berufsausbildung und ohne besondere Fremdsprachenkenntnisse ein."

Nach einer kurzen Bewerbungsphase bekam sie die Zusage per E-Mail. Sie war überglücklich, doch dann entdeckte sie den ersten Haken: "Ich erhielt eine zweite E-Mail, in der eine Bankverbindung stand. Ich wurde aufgefordert, 3000 Euro zu überweisen, um ein sechswöchiges Training zu bezahlen, meine Ausbildung zur Stewardess. Ich kenne keine Airline, bei der man sein Flugbegleiter-Training selbst zahlen muss."

Ohne ihre Familie hätte sie sich die Ausbildung und damit verbundene Zukunftsperspektive nicht leisten können. "Viele meiner Kollegen kommen aus noch ärmeren Verhältnissen als ich. Ryanair hat ihnen die Möglichkeit gegeben, das Geld in Monatsraten abzuzahlen. Das bedeutet allerdings, dass viele schon mit mehreren Tausend Euro Schulden in den Beruf starteten, denn auch unsere Berufskleidung müssen wir selbst bezahlen."

Seit einigen Wochen hat sich das zum Glück geändert. Wer jetzt bei Ryanair ausgebildet wird, muss das nicht mehr selbst bezahlen, sondern erhält sogar ein geringes Gehalt. 

 

Der Nettoverdienst eines Flugbegleiters liegt zwischen 700 und 1300 Euro 

Die Flugbegleiterin berichtet von einer extrem harten Ausbildungszeit, die sie fast an ihre Belastungsgrenze gebracht hätte: "Ich fand das Training sehr hart. Von morgens um acht bis spätabends lernte ich alles über die Maschinen, Flugsicherheit und Gästebetreuung. Abends bekamen wir noch viele Lernmaterialien mit, die wir in der Nacht und am Wochenende lesen mussten. Nach etwa drei Wochen war ich an meiner Belastungsgrenze angekommen. Aber ich zog es durch, um mir meinen Traum zu erfüllen", erzählt sie weiter. 

Der Verdienst bei Ryanair liegt im Vergleich im unteren Durchschnitt. Laut "dpa" verdienen Flugbegleiter zwischen 30.000 und 63.400 Euro. "Ich habe einen irischen Arbeitsvertrag über eine Leiharbeitsfirma, so wie mehr als die Hälfte der in Deutschland arbeitenden Ryanair-Mitarbeiter. Das bedeutet: Obwohl ich in Deutschland arbeite und lebe, habe ich keine deutschen Rechte in der Arbeit. Und einen Nettoverdienst von 700 bis 1300 Euro. Es dauert Jahre, von diesem Geld die angehäuften Schulden zu begleichen, wenn man keine Unterstützung von seiner Familie hat. Und in den vergangenen fünf Jahren ist mein Gehalt nicht gestiegen."

 

Befristete Knebelverträge und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall

"Mein Leiharbeitsvertrag heißt auch: Ich bin nur befristet beschäftigt, bekomme kein Grundgehalt, sondern nur die Stunden werden bezahlt, die ich tatsächlich fliege - und ich erhalte Provisionen, wenn ich den Passagieren an Bord Essen und Getränke verkaufe. Alle Vorbereitungen, die vom Boden aus getroffen werden, und auch der Anfahrtsweg werden nicht bezahlt. Es kommt sehr häufig zu Verspätungen oder Flugausfällen, weil zum Beispiel das Personal falsch eingeteilt wurde. Diese Überstunden bekommen wir auch nicht vergütet."

Wenn die Flugbegleiter krank sind, bekommen sie keine Lohnfortzahlung. "Selbst wenn man ein Attest vorlegt, kommt es vor, dass man angerufen wird oder eine E-Mail erhält, in der man nach dem genauen Grund des Fehlens gefragt wird. Außerdem führt Ryanair offenbar eine Statistik, in der die Krankentage der einzelnen Mitarbeiter aufgelistet werden. Ich habe schon von Kollegen gehört, die wegen zu hoher Fehlzeiten ermahnt und denen sogar mit einer Kündigung gedroht wurde. Aus Angst gehen viele Beschäftigte deshalb krank zur Arbeit."

Außerdem ist ihr Verdienst unsicher: Innerhalb von 28 Tagen dürfen sie 100 Stunden fliegen. Nur diese Flugzeit wird pro Stunde vergütet, doch einen Anspruch auf die volle Arbeitszeit haben die Mitarbeiter nicht. 

 

Getränke und Verpflegung im Flugzeug müssen sie selbst mitbringen

"Im Flugzeug bekommen wir auch keine Verpflegung, sondern wir müssen für Essen und Getränke selbst zahlen oder uns etwas mitbringen. Auch bei der Kleidung gibt es strenge Vorgaben", berichtet die Flugbegleiterin weiter. "Die Frauen tragen beispielsweise eine Strumpfhose mit vorgegebener Den-Zahl, also einer bestimmten Stärke. Ich habe eine Kollegin, die aufgrund von Thrombosegefahr bei jedem Flug Stützstrümpfe tragen müsste. Dies wurde ihr von ihrem Vorgesetzten verboten, weil der Den-Wert über dem der Ryanair-Kleiderstandards liegt. Aus Angst, ihren Job zu verlieren, trägt sie nun die von Ryanair gewünschten Strumpfhosen - trotz des Gesundheitsrisikos."

Doch warum bleibt sie trotz der miserablen Arbeitsbedingungen bei Ryanair? "Weil ich etwas verändern will. Ich möchte helfen, das Unternehmen zu verbessern, für mich und für nachfolgende Generationen von Flugbegleiterinnen. Mittlerweile sind die Angestellten bei Ryanair gut vernetzt und organisiert. Ich wünsche mir sehr, dass die Streiks etwas bewirken. Trotz allem, was ich erlebt habe, bin ich dem Unternehmen nämlich auch dankbar. Ich bekam hier die Möglichkeit, meinen Traum zu verwirklichen."

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