KindergesundheitSandwesten für Schüler: Kinderärzte zweifeln Nutzen an

Hamburger Schulen haben Sandwesten für unruhige Schüler getestet. Jetzt warnen Kinderärzte vor dem Einsatz des vermeintlichen Beruhigungsmittels.

Inhalt
  1. "Sandwesten sind nicht vertretbar"
  2. "Sandwesten lösen die Probleme nicht"
  3. Kinderarzt rät: Kleinere Klassen und mehr Bewegung

Sind Kinder im Unterricht unruhig, sollen ihnen schwere Sandwesten - jeweils zwischen 1,2 und 6 Kilogramm schwer - helfen. In 13 von 56 Hamburger Schulen mit dem Schwerpunkt Inklusion werden sie bereits eingesetzt. Die Schüler finden, die Sandwesten hätten eine beruhigende Wirkung auf sie, die Lehrer schwärmen von konzentrierteren Kindern (siehe auch hier: Schulkinder tragen Sandwesten zur Beruhigung).

 

"Sandwesten sind nicht vertretbar"

Wissenschaftliche Studien, die diese Wirksamkeit tatsächlich belegen, gibt es bislang aber nicht. Die Hamburger Schulbehörde hält sich mit einem Fazit deswegen zurück.

Jetzt hat sich der Sprecher des Verbands der Kinderärzte (BVKJ), Dr. Josef Kahl, zu Wort gemeldet. "Als Kinder- und Jugendärzte halten wir es nicht für vertretbar, unruhigen, konzentrationsschwachen Kindern eine Sandweste anzuziehen und sie damit als Störenfriede oder gar als ADHS-Patienten zu stigmatisieren", lautet Kahls Urteil. Zudem seien Lehrer nicht dafür ausgebildet zu beurteilen, wann der Einsatz einer Sandweste notwendig ist: "Nur ein erfahrener Kinder- und Jugendarzt oder eine -ärztin ist zu einer differenzierten Diagnose in der Lage."

 

"Sandwesten lösen die Probleme nicht"

Denn der Einsatz von Sandwesten soll in erster Linie nur bei kleinen ADHS-Patienten erfolgen. Diese Differenzierung sei für Nicht-Mediziner allerdings schwierig, wie Kahl beschreibt: "Etwa 3 bis 5 Prozent eines Jahrgangs sind ADHS-Patienten, die eine Therapie brauchen. Die vielen anderen Kinder, die sich nicht konzentrieren können, die unruhig sind und den Unterricht stören, haben meist einfach nicht gelernt, sich den Erfordernissen des Schulunterrichts anzupassen, zum Beispiel eine gewisse Zeit still zu sitzen und ruhig zu arbeiten. (...) Unruhige Kinder als krank "auszusortieren" und ihnen die Sandweste überzuziehen löst diese Probleme nicht."

 

Kinderarzt rät: Kleinere Klassen und mehr Bewegung

Stattdessen empfiehlt Kahl das Gegenteil: mehr Bewegung für Schüler! "Sinnvoller wäre es hier, besser auf die Kinder einzugehen und sie zu fördern, kleinere Klassen einzurichten und mehr Bewegung in den Unterricht zu integrieren."

Ohnehin seien die Sandwesten auch bei ADHS-Kindern kein Ersatz für eine persönliche Therapie.

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(ww7)

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