Ehrliches InterviewTransgender-Musikerin Amy Conley: "Mein altes Ich und mein neues Ich sind keine zwei Persönlichkeiten"

Die Gitarristin Amy Conley kam als Junge zur Welt und lebt inzwischen glücklich als Frau. Im Interview mit uns spricht sie offen und ehrlich über ihren Alltag als eine transgender Frau.

Inhalt
  1. Amys Outing: Schritt für Schritt zum Glück
  2. Vom Mann zur Frau: Der Körper verändert sich – und die Persönlichkeit? 
  3. Eltern, Großeltern, Freunde – was sagen andere zu Amys neuem Leben?
  4. Angstthema Transgender: Das Amy ihren Mitmenschen ans Herz

Wer Amy Conley an der Gitarre sieht, sieht zunächst vor allem eins: Ein cooles Mädchen Mitte 20, das zwischen den drei Jungs in seiner Band Eleveta für den nötigen Glamour sorgt. Dabei bestand Eleveta bis vor Kurzem offiziell noch aus vier Männern und nicht aus drei Männern und einer Frau. Amy ist transgender und hat erst vor knapp einem Jahr den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Von ihrem mutigen Weg erzählte sie uns in einem emotionalen Interview. 

 

Amys Outing: Schritt für Schritt zum Glück

Amy Conley (24) kam 1994 zur Welt, sie ist halb Amerikanerin, halb Deutsche, macht eine Ausbildung zur Mediengestalterin und ist Gitarristin der Band Eleveta. Das Besondere an ihr: Amy lebt gerade ihr zweites Leben – und zwar das als Frau. Denn die talentierte Musikerin kam als Junge zur Welt. Als Junge, der sie nicht sein wollte. Lange erzählte sie niemandem davon, dass sie sich im falschen Körper geboren fühlt. Bis sie es eines Tages doch tat. 

Vorher-Nachher
Foto: privat

"Einerseits fühle ich mich schon immer so, aber andererseits wusste ich erst mit 14, 15 Jahren, dass ich wirklich als Frau leben will. Ich habe es jahrelang vor mir hergeschoben, es anderen zu erzählen. Bis ich an den Punkt kam, an dem ich mich nicht mehr verstecken konnte oder wollte", erzählt Amy im Interview mit uns. Den Vornamen, den ihre Eltern ihr bei der Geburt gaben, hat sie komplett abgelegt, deswegen kommt er in diesem Artikel nicht vor.  
Ihr Outing treibt einem die Tränen in die Augen – vor Glück! Denn Amy lebt seit September 2015 in einer glücklichen Beziehung mit ihrer Freundin, die wunderschön auf das Geständnis ihres damaligen festen Freundes reagierte. "Ich musste erst ein sehr starkes Vertrauensverhältnis aufbauen, bevor ich mich das getraut habe. Sie war die erste, der ich es erzählt habe", erinnert sich Amy an den Tag vor circa einem Jahr, als sie ihrer Freundin sagte, dass sie als Frau leben möchte. "Sie war überrascht, weil ich eine so perfekte Fassade aufgebaut hatte. Aber sie konnte es dann auch sehr schnell nachvollziehen und ist seitdem nichts anderes als unterstützend."

 

Vom Mann zur Frau: Der Körper verändert sich – und die Persönlichkeit? 

"Seit acht Monaten nehme ich jetzt Hormone und möchte irgendwann auch mein Geschlecht angleichen lassen", verrät Amy über ihre Pläne, ihren Körper auch traditionell weiblicher zu gestalten. Diese Hormone nimmt Amy natürlich nicht einfach so, sondern nach Absprache mit ihren Ärzten. Auch eine Psychotherapie hat sie im Zuge des geschlechtangleichenden Prozesses angefangen.
Mit dem Rest ihres Körpers ist sie "rundum zufrieden", bis auf ein Detail: "Struggle hab ich nur mit meiner Stimme – die ist immer noch sehr Tagesform abhängig und grundsätzlich morgens etwas grummeliger. Die höhere Tonlage ist komplett antrainiert, da helfen auch die Hormone nicht." In diesem Punkt haben es Transmänner – also Männer die als Frau geboren wurden und deswegen Hormone nehmen – besser als Transfrauen: Durch zunahme von Testosteron wird ihre Stimme automatisch tiefer; durch Zunahme von Östrogenen, wird die Stimme jedoch nicht höher. 
Trotzdem ist Amy froh, dass sie Hormone nimmt. "Die Hormone helfen und verändern unglaublich viel. Die Fettverteilung verändert sich, richtiges Brustgewebe entsteht. Die Haut wird dünner und dadurch weicher. Meine Augen sind größer geworden, meine Füße dafür ein winziges Stück kleiner – das ist crazy", berichtet sie. "Die Muskeln schwinden, dafür wird man emotionaler. Ich weine jetzt bei jedem Disney-Film, kann aber nicht mehr so schwere Sachen tragen wie früher."
Trotz der Hormone und der neuen Rolle, in der Amy nun lebt, findet im Leben einer transgender Person nicht zwingend eine komplette Persönlichkeitsveränderung statt. Ganz im Gegenteil: Amy war und ist einfach immer Amy. "Ich hab mich nicht großartig verändert, was meine Persönlichkeit angeht. Mein altes Ich und mein neues Ich sind keine zwei Persönlichkeiten", betont die junge Frau.
Etwas hat sich durch ihr Outing dann aber doch verändert: "Ich habe jetzt viel mehr Zugang zu meinen Gefühlen. Die Welt fühlt sich nicht mehr stumpf an, sondern farbenfroh und lebendig", sagt Amy mit einem Lächeln auf den Lippen.

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Eltern, Großeltern, Freunde – was sagen andere zu Amys neuem Leben?

Amy sieht sich selbst als Glückspilz: Sämtliche Menschen in ihrem Umfeld haben verständnisvoll auf ihr Outing als Transgender reagiert. "Ich hatte enorme Angst meine Eltern zu verlieren. Diese Angst war aber unbegründet", lacht die Transfrau. "Ich hatte es zuerst meinem jüngeren Bruder erzählt, der es dann – ohne, dass ich davon wusste – meinem Vater erzählt hat. So konnte mein Papa zwei, drei Monate darüber nachdenken, bevor er dann auf mich zugekommen ist. Er hat das alles total positiv aufgefasst – vielleicht auch, weil er es im Vorfeld schon für sich durchdenken konnte. Meine Mutter war total entspannt, obwohl ich das gar nicht erwartet hatte." 
Nur ihre Großeltern tun sich ein wenig schwerer mit ihrer Enkeltochter. Doch Amy kann damit leben: "Meine Großeltern sagen immer noch 'er' und nennen mich bei meinem Geburtsnamen. Ich korrigiere sie zwar jedes Mal, nehme ihnen das aber nicht übel – sie sind aus einer anderen Generation. Das Umgewöhnen wird halt umso schwerer, je älter man ist. Aber sie respektieren mich und geben sich Mühe."
Benni, Niels und Phil, Amys Jungs von Eleveta, reagierten ebenfalls vollkommen gelassen – und dass, obwohl sie quasi unter Zeitdruck von Amys neuem Leben erfahren haben. "Ich habe es ihnen eine Woche, bevor wir ein neues Musikvideo gedreht haben, erzählt – ich musste das tun, weil ich in diesem Video nicht mehr als Junge auftreten wollte", gesteht Amy grinsend. Herausgekommen dabei ist der coole Clip zu 'Teenage Dirtbag':    

Einen Tag zuvor hatten Benni, Niels und Phil Amy offiziell als Frau in ihrer Band willkommen geheißen – ein richtig cooler Schritt der Musiker, die in dieser Konstellation seit 2016 zusammen spielen. 

 

Angstthema Transgender: Das Amy ihren Mitmenschen ans Herz

Ungewöhnliche Lebensentwürfe sind immer ein schwieriges Thema, das weiß auch Amy Conley. Sie erwartet nicht von jedem vollstes Verständnis – aber Respekt sei auf jeden Fall eine gute Basis, sagt die Gitarristin. Und ein wenig Neugier schadet auch nicht:
"Von Menschen, mit denen ich mehr zu tun habe, wünsche ich mir eigentlich immer, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen", meint Amy. "Ich glaube es ist wichtig, dass die Leute verstehen, dass wir ganz normale Menschen sind. Es geht nicht darum, eine Rolle zu spielen. Oft wird das Transgender-Leben ja auch mit Drag Queens verglichen, aber das stimmt einfach nicht – als ob wir das alles nur tun, weil wir Spaß daran haben. Bei Transgender-Menschen steht oft ein krasser Leidensdruck dahinter. Dieses typische Bild von 'Ich bin im falschen Körper geboren' stimmt schon irgendwo. Und daran ist nichts lustiges."
Sie selbst hat nur Gutes erlebt in Zusammenhang mit ihrem Transgender-Outing und kann deswegen voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Und wie schon gesagt: Ein anderer Mensch ist Amy als Frau nicht. "Es hat sich nicht so viel verändert im Grunde: Ich habe immer noch denselben Beruf, dieselbe Band und meine Freundin."
 

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