Bezahlung & GesundheitUngerechte Löhne führen zu Herzerkrankungen

Ungerechte Löhne gefährden die Gesundheit der Arbeitnehmer - das fand jetzt eine Studie heraus. Was kann man dagegen tun?

Ungerechte Löhne gefährden Gesundheit
Wer unfair bezahlt wird, riskiert seine Herzgesundheit zu ruinieren
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Inhalt
  1. Unfaires Gehalt verursacht Schlafprobleme und Herzkrankheiten
  2. Schnellere Alterung durch unfaire Löhne
  3. Wie kann man gegen ungerechten Lohn angehen?

Es ist in fast allen Unternehmen ein Thema - doch beinahe nirgendwo wird es tatsächlich thematisiert: ein unfaires Gehalt. In einer auf Wirtschaftswachstum fokussierten Gesellschaft fällt es Unternehmen zunehmend schwer, seinen Mitarbeitern ein angemessenes Gehalt zu zahlen. Priorität ist für die Firmenchefs vor allem die schwarze Zahl am Ende eines Jahres - am besten mit einem ordentlichen Profit im Vergleich zum Vorjahr.

Einsparen können die Vorgesetzen am besten an einer Stelle: den Arbeitnehmern. Zum einen bleiben häufig Posten unbesetzt, wenn ein Arbeitnehmer kündigt oder in Mutterschutz geht. Grund dafür ist ganz einfach: Die restlichen Mitarbeiter fangen den Verlust schon auf. So arbeiten viele Angestellte gleich für zwei Personen mit, ohne sich zu beschweren - schließlich wollen sie ihren Job nicht verlieren.

Doch was beim Arbeitgeber ankommt ist lediglich: Der Betrieb läuft auch mit weniger Angestellten - also stellen wir niemand Neues ein. Dieses falsche Signal, welche Arbeitnehmer in ihrer Angst um den Jobverlust senden, kann allerdings gesundheitliche Folgen für jeden Einzelnen nach sich ziehen.

Der erhöhte Stresspegel verursacht bei den Arbeitnehmern zahlreiche Beschwerden, von Kopfschmerzen und Sodbrennen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischen Erkältungen bis hin zu Denkblockaden, Gereiztheit, Schlafstörungen und sogar sexuellen Problemen sowie Depressionen.

Doch nicht nur das: Geleitet von ihren Ängsten, trauen sich nur wenige Arbeitnehmer, regelmäßig nach einer entsprechenden Gehaltserhöhung zu fragen. Sie arbeiten mehr, werden aber schlecht bezahlt - sie stecken in einem Teufelskreis der Ungerechtigkeit fest, der in deutschen Unternehmen Einzug hält. Rund 40 Prozent aller Arbeitgeber fühlen sich ungerecht entlohnt.

 

Unfaires Gehalt verursacht Schlafprobleme und Herzkrankheiten

Jetzt hat eine neue Studie des Insitute on Behavior and Inequality herausgefunden: Ungerechte Bezahlung ist schlecht für das Herz. In der Studie haben sich Bonner Ökonomen und Medizinsoziologen dem Thema der unfairen Bezahlung angenommen. In einer Mischung aus Verhaltensexperiment und Befragung fanden sie heraus, dass unfair empfundene Löhne der Gesundheit schaden: Betroffene haben ein erhöhtes Risiko, an Herzkrankheiten zu leiden und haben infolge des Stresses Schlafprobleme.

In der Experimentbeschreibung heißt es:

"Für das Laborexperiment hatten die Forscher 80 Studenten in zweiköpfige Teams aus „Chef“ und „Arbeiter“ aufgeteilt. Die Arbeiter mussten 25 Minuten lang eintönige Rechenaufgaben lösen, während sich die Chefs entspannen durften. Je mehr Zahlen die Arbeiter richtig addierten, desto mehr Geld erwirtschaftete das Team. Danach teilten die Chefs den Gewinn willkürlich zwischen beiden auf. In der Regel bedachten sie die Arbeiter mit einem geringeren Gewinnanteil, als von Außenstehenden als fair betrachtet wurde."

Die Ungerechtigkeit versetzte die Betroffenen in eine Stresssituation, wie die Wissenschaftler anhand ihrer Herzfrequenz messen konnten. Die Auswertung ergab: "Je stärker die Bezahlung von einer als fair erachteten Summe abwich, desto ausgeprägter war die körperliche Stresssymptomatik. Erlebte Unfairness wirkt sich demnach unmittelbar auf das autonome Nervensystem aus."

 

Schnellere Alterung durch unfaire Löhne

Doch nicht nur das Herz leidet an der ungerechten Bezahlung. "Die Größenordnung des negativen Gesundheitseffekts unfairer Entlohnung ist beträchtlich: Laut Studie entspricht er einer körperlichen Alterung um bis zu zehn Jahre."

Forscher Armin Falk zieht den Schluss: "Faire Bezahlung ist also nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Mitarbeitermotivation, sondern auch der Gesundheit. Dieser Aspekt wird in der politischen und öffentlichen Diskussion bislang vernachlässigt."

Die gesundheitliche Verschlechterung ist allerdings nicht der einzige Effekt einer ungerechten Bezahlung. Auch die Arbeitsmoral leidet häufig unter einem miesen Lohn: Wer sich ungerecht bezahlt fühlt, verfällt in eine Trotzphase und leistet nicht mehr so viel, wie viel er eigentlich könnte. Die Motivation der Arbeitnehmer wird durch unfaires Gehalt massiv gedämpft. Das Motto lautet dann: Wieso sich anstrengen, wenn es ohnehin nichts bringt?

 

Wie kann man gegen ungerechten Lohn angehen?

Wer ein faires Gehalt bekommen möchte, sollte es auch einfordern. Dabei hilft es, sich zunächst bei Kollegen in gleicher oder ähnlicher Position zu erkundigen, was sie verdienen. Was viele Arbeitnehmer immer noch nicht wissen: Auch wenn im Arbeitsvertrag die Klausel steht, die Arbeitnehmer dürften nicht offen über ihre Gehaltshöhe reden, ist dieser Paragraph juristisch ungültig. Dieses Urteil (Az.: 2 Sa 237/09) ist schon im Jahr 2010 gefallen.

Bei einem Gespräch mit dem Vorgesetzten sollten objektive Gründe für eine Gehaltserhöhung im Vordergrund stehen, wie etwa die täglichen Aufgaben oder Zusatzaufgaben. Auch ein Verweis auf Konkurrenzunternehmen, die ihre Arbeitnehmer besser bezahlen, kann helfen.

Sollte sich der Chef nicht einsichtig zeigen, hilft nur noch eins: Den Job wechseln. Denn (leider) ist ein angemessenes Gehalt ala "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nicht gesetzlich vorgeschrieben. Arbeitgeber dürfen in Deutschland ihre Arbeitnehmer ungerecht bezahlen.

Es muss ja nicht die Kündigung von heute auf morgen sein. Doch die reine Angst - etwa um den Arbeitsplatzverlust -  ist immer ein schlechter Ratgeber. Wer es also tatsächlich ernst meint und nicht weiter unfair bezahlt werden möchte, sollte immer ein offenes Auge für einen alternativen Arbeitgeber haben.

 

(ww7)

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