Grausames Schicksal

Valérie Bacot kommt frei: Das Horror-Martyrium – 25 Jahre ertrug sie ihren Vergewaltiger

Valérie Bacot stand in Frankreich wegen Mordes vor Gericht. Wegen Mordes an einem Mann, der sie ein halbes Jahrhundert lang geschlagen, vergewaltigt und gedemütigt hat: ihr Stiefvater und Ehemann. Das Urteil gegen sie ist spektakulär. 

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Das Schicksal der Französin Valérie Bacot (40) ist so schrecklich und grausam, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie das alles überlebt haben soll. Die vierfache Mutter stand vor Gericht. Sie war angeklagt, den Mann getötet zu haben, der sie 25 Jahre lang geschlagen, vergewaltigt und gedemütigt hat. Den Exfreund ihrer Mutter. Den Vater ihrer Kinder. Ihren Ehemann.
Obwohl sie die Tat nie geleugnet hat, forderten hunderttausende Menschen einen Freispruch für Valérie Bacot. Das jetzt gesprochene Urteil gegen sie ist spektakulär. 

Valérie Bacot beim Prozessauftakt in Frankreich: Ihre Kinder begleiteten sie ins Gericht. Foto: JEFF PACHOUD/AFP via Getty Images

Der Fall Valérie Bacot: Alle haben es gewusst

Valérie Bacots Leidensweg beginnt, als sie 12 Jahre alt ist. Damals fängt der Partner ihrer Mutter an, sie zu vergewaltigen. Daniel Polette ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre älter als sein Opfer. Er kommt 1995 wegen des Missbrauchs sogar ins Gefängnis: Ein Verwandter von Valérie hatte Daniel angezeigt. Als er zweieinhalb Jahre später entlassen wird, nimmt Valéries Mutter ihn zurück – und der Missbrauch beginnt von vorn. Mit 17 wird Valérie von Daniel schwanger. Die Mutter schmeißt sie aus dem Haus. Zu groß ist die Angst, einen Skandal im Dorf heraufzubeschwören. Die Familie lebt in La Clayette, einer französischen Gemeinde mit 1.636 Einwohnern im Département Saône-et-Loire. 
Schwanger, ohne Geld und ohne Halt tut Valérie Bacot in ihrer Verzweiflung etwas, das ihr Schicksal besiegelt: Sie heiratet ihren Vergewaltiger. Daniel zeugt drei weiterer Kinder mit seinem Opfer, missbraucht Valérie körperlich wie psychisch über Jahrzehnte. Schließlich zwingt er sie sogar zur Prostitution, um Geld mit ihr zu verdienen: In ihrem eigenen Auto verkauft er sie an Lkw-Fahrer. Alle Versuche, Daniel zu verlassen, scheitern. 

Heute ist sich Valérie Bacot sicher: Jeder in La Clayette kannte ihre dramatische Situation. Alle schauten weg. Ihre Autobiografie, die vor Kurzem erschien, trägt ganz bewusst den Titel „Tout le monde savait“, also „Jeder wusste es“.  

„Ich musste es beenden.“

Zum Prozessauftakt vor dem Schwurgericht von Chalon-sur-Saône (Ostfrankreich) muss Valérie Bacot von ihrem Horror-Martyrium berichten. Die Zeit an Daniels Seite nennt sie eine „extreme Hölle“. Die Richterin will wissen, ob Valérie Liebe für ihren Peiniger empfunden habe. „Ich habe immer getan, was er mir gesagt hat“, antwortet das Opfer. 

Valérie Bacot steht wegen Mordes vor Gericht. An einem Sonntag im März 2016 soll sie Daniel Polette mit einem Schuss in den Nacken getötet haben. Die Pistole gehörte ihrem Mann. Er hatte Valérie oft damit bedroht. Zwei ihrer Kinder halfen, die Leiche des Mannes zu vergraben. 2019 erhielten beide dafür Bewährungsstrafen von jeweils sechs Monaten. 

Valérie Bacot leugnet die Tat nicht. Im Gegenteil schreibt sie in ihrem Buch: „Ich musste es beenden.“ Vor Gericht sagt die Französin aus, dass sie vor allem ihre jetzt 14-jährige Tochter schützen wollte. Sie sollte nicht auch von Daniel vergewaltigt werden. 

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Hunderttausende fordern Freispruch

Die Staatsanwaltschaft sah einen klaren Vorsatz in Valéries Tat. Deswegen die Anklage wegen Mordes. Wäre Valérie Bacot schuldig gesprochen worden, hätte ihr eine lebenslange Haftstrafe gedroht. 

Der Fall wühlte die französische Gesellschaft auf und schlug auch in Europa hohe Wellen. Hunderttausende Menschen plädierten dafür, Valérie Bacot freizusprechen. Aus dem ganz konkreten Grund, dass sie 25 Jahre Horror-Martyrium überleben musste. Die Online-Petition mit dem Titel „Freiheit für Valérie Bacot!“ zählte kurz vor dem Urteil knapp 720.00 Unterschriften (Stand 28. Juni). Der öffentliche Aufruf endete mit den Worten:

„Selbst wenn [Valérie Bacot] einen Mord begangen hat, indem sie ihren Peiniger getötet hat, und in Anbetracht der fünfundzwanzig Jahre des Leidens, die sie in der allgemeinen Gleichgültigkeit ertragen hat, ist es ihre Freiheit, die wir fordern.“

Die Anwältinnen Tomasini (l.) und Bonaggiunta (r., beide blond) stellen sich den Fragen der Presse. Foto: JEFF PACHOUD/AFP via Getty Images

Bacots Anwältinnen Nathalie Tomasini und Janine Bonaggiunta forderten ebenfalls einen Freispruch. Tomasini sagte über ihre Mandantin, sie sei „zerstört“
Die beiden Juristinnen sind keine Unbekannten, wenn es um Opfer von häuslicher Gewalt geht, die zu Tätern werden. Die beiden haben in der Vergangenheit schon Jacqueline Sauvage verteidigt. Die Französin hatte 2012 ihren gewalttätigen Ehemann nach Jahrzehnten des Missbrauchs und der Gewalt erschossen und war dafür zunächst zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. 2016 begnadigte sie der damalige französische Präsident François Hollande.  

Gnade erhofften sich auch die zahllosen Unterstützer von Valérie Bacot. 

Valérie Bacot: Symbolisches Urteil

Und wirklich: Am 25. Juni fiel ein gnädiges Urteil gegen Valérie Bacot. Das Schwurgericht verurteilte die Frnzösin zwar zu vier Jahren Gefängnis, setzte drei davon allerdings zur Bewährung aus. Weil Bacot schon ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht hat und sich diese anrechnen lassen kann, kam sie noch am selben Abend frei.

Valérie Bacot, die durch 25 Jahre Horror-Martyrium zu einem Mord getrieben worden war, fiel bei der Urteilsverkündung im Gerichtssaal vor Erleichterung in Ohnmacht.

Foto: iStock / cyano66

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