SexismusWarum ich Dr. Oetkers' "Love Cake" boykottiere

Inhalt
  1. Dr. Oetker hat nichts verstanden
  2. Shitstorm für Dr. Oetker: sexistischer Love Cake
  3. So verteidigt Dr. Oetker die sexistische Werbung
  4. Dr. Oetkers Love Cake-Verteidigung ebenfalls sexistisch
  5. Boykott von Dr. Oetkers' Love Cake

Die schweizerische Love Cake-Kampagne von Dr. Oetker gleicht einer Zeitreise in die Gründerjahre des Unternehmens. Schlimmer kann ein Statement im Jahr 2018 nicht ausfallen. Ein Kommentar.

Man könnte meinen, die Zeiten sind vorbei, in denen Frauen in die Küche gehörten.

Man könnte meinen, dass der Feminismus spätestens nach der MeToo-Debatte einen Aufschwung erlebt hat und er sich in den Köpfen von immer mehr Menschen etabliert hat.

Man könnte auch meinen, dass Personen und Unternehmen, die eine gewisse Popularität genießen, diese zum Vorteil derer nutzen, die unterdrückt werden - auf welche Art auch immer.

 

Dr. Oetker hat nichts verstanden

Leider beweist zur Zeit der Mega-Konzern Dr. Oetker, dass dies noch lange nicht der Fall ist. Der Schweizer Ableger des deutschen Unternehmens, welches im Jahr 1891 gegründet wurde, hat sich zusammen mit der Werbeagentur erdmannpeisker eine - "WM-kompatible" Werbekampagne einfallen lassen. Leider ist sie nicht WM-kompatibel, sondern zutiefst sexistisch.

Auf dem Plakat  zu sehen ist eine Frau, die einen Kuchen in Fußballform präsentiert - so weit, so gut. Was die Werbung katastrophal sexistisch werden lässt, ist die Aufschrift: "Back deinen Mann glücklich - auch wenn er eine zweite Liebe hat." An diesem Slogan ist so viel verkehrt, dass es einem Menschen, der auch nur rudimentär mit Gehirnzellen ausgestattet ist, schwerfällt, ihn nicht kritisch zu hinterfragen.

Doch dröseln wir es dennoch mal auseinander, was dieses Love Cake-Plakat vermittelt (Auswahl!):

  1. Frauen werden aufgefordert, für ihre Männer zu backen.
  2. Frauen sind dafür verantwortlich, ihren Mann glücklich zu machen (und ihre Bedürfnisse hinten anzustellen).
  3. Für Frauen ist dieser Fußball-Kuchen nicht gedacht - schließlich sollen sie ihn nicht für den die Tochter, Schwester oder Freundin backen, sondern bitte ausdrücklich für den Mann.
  4. Während der Mann die Fußball-WM auf der Wohnzimmercouch oder mit Freunden in der Bar verfolgt, soll seine Frau in der Küche bleiben, um ihm eine Freude zu bereiten - schließlich interessieren sich Frauen grundsätzlich nicht für Fußball (?!?!)
  5. Frauen sollen "eine zweite Liebe" des Mannes akzeptieren - ein durchaus mehrdeutiges Statement...
 

Shitstorm für Dr. Oetker: sexistischer Love Cake

Auf Twitter ließ harsche Kritik an der grauenvollen Kampagne nicht lange auf sich warten. Der brandaktuelle Love Cake-Slogan des Jahres 2018 wird verglichen mit den Werbespots aus den 1950er Jahren:

Die 1950er Jahre sind lange her, deswegen hier zur Erinnerung ein Werbespot - ebenfalls von Dr. Oetker - aus dem Jahr 1954:

 

So verteidigt Dr. Oetker die sexistische Werbung

Natürlich lässt kein riesiger Konzern einen Shitstorm unbeantwortet. So verteidigt auch die Dr. Oetker AG  seine Love Cake-Werbung wie folgt auf seiner Homepage:

"Diese Kampagne (...) wurde von Dr. Oetker und der Agentur erdmannpeisker von einem Team fast ausschliesslich aus modernen Frauen und teilweise auch Teilzeit arbeitenden Müttern entwickelt.

Wir haben das Fussball Motiv offensichtlich nicht auf diese Weise interpretiert, sondern verstehen es auch mit einer gewissen Ironie.

Es ist ein Fakt, dass gerade zur WM bei vielen Männern ein echter Fussball-Hype ausbricht. Im Zuge der Kampagne wollten wir mit dem Fussball Motiv eine souveräne Frau zeigen, die trotz des "fussballverrückten" Verhaltens über den Dingen steht und ihrem Mann mit einem Kuchen eine kleine Freude bereiten will.

Wir sehen aber, dass man das Motiv durchaus anders lesen kann. Es liegt uns fern mit dieser Kampagne ein altes Frauenbild zu unterstützen und falls sich jemand dadurch angegriffen fühlt, entschuldigen wir uns in aller Form."

 

Dr. Oetkers Love Cake-Verteidigung ebenfalls sexistisch

Der einzig akzeptable Aspekt in dieser Verteidigung, ist die Entschuldigung des Konzerns (in seinen letzten zwei Sätzen). Schauen wir uns den Rest des Statements von Dr. Oetker einmal genauer an, stellen wir fest, dass Dr. Oetker die ganze Kritik an seiner Love Cake-Werbung gar nicht verstanden hat.

"Diese Kampagne wurde (...) von einem Team fast ausschliesslich aus modernen Frauen und teilweise auch Teilzeit arbeitenden Müttern entwickelt."

  • Sowohl "moderne Frauen" als auch "Teilzeit arbeitende Mütter" bildeten bei der Erstellung der Kampagne ein Team. Ist eine "teilzeitarbeitende Mutter" also keine "moderne Frau"? Schließen sich diese Frauenkategorien, in denen das Unternehmen Frauen einteilt, etwa aus? Müssen laut Dr. Oetker "moderne" Frauen Vollzeit arbeiten und kinderlos sein?
  • Oder stellt das Love Cake-Plakat eine "moderne Frau ala Dr. Oetker" dar, die in der Küche für ihren Mann Kuchen bäckt und ihn glücklich macht?

"eine souveräne Frau zeigen, die trotz des fussballverrückten Verhaltens über den Dingen steht und ihrem Mann mit einem Kuchen eine kleine Freude bereiten will."

  • Dr. Oetkers Definition von "über den Dingen stehen" würde mich brennend interessieren! Steht eine Frau nur dann "über" etwas, wenn sie bäckt? Würde Dr. Oetker auch einem Mann raten, bei einem Zwist mit dem Kollegen, einfach zu backen? Backen als Lösung für alle Absurditäten der Welt?
  • Was ist eigentlich mit den Frauen, die während der Fußball-Weltmeisterschaft so ein "fußballverrücktes Verhalten" an den Tag bringen? Wer backt ihnen einen Fußball-Kuchen? Oder existieren in dem Paralleluniversum, in dem sich Dr. Oetker die Love Cake-Kampagne überlegt hat, gar keine Frauen, die Fußball mögen oder gar Fußball-Fans sind?
  • Wenn wir uns in die abstruse Vorstellung des WM-Alltags ala Dr. Oetker hineinversetzen und davon ausgehen, dass der klischeehafte fußballverrückte Mann Bier trinkt, fern sieht und während der Weltmeisterschaft nur für den Fußball lebt: Wäre es dann nicht die Aufgabe des Mannes, für die Frau einen Entschuldigungs-Kuchen zu backen, weil er die Wohnung mit Bierdosen zumüllt, nicht im Haushalt hilft und seine Frau wegen seiner "zweiten Liebe" links liegenlässt?!

Fazit: Die Rechtfertigung der Love Cake-Kampagne ist Dr. Oetker Schweiz ebenfalls misslungen. Es dient immerhin als grandioses Beispiel dafür, wie man sich noch tiefer in die Sch*** graben kann. Natürlich gilt heute mehr denn je, dass schlechte Publicity besser ist als gar keine Publicity. Und vermutlich werden erst wegen des Shitstorms tausende Menschen auf den sexistischen Love Cake aufmerksam, weswegen ich gehadert habe, ob ein weiterer kritischer Kommentar zu diesem Thema nicht gerade das ist, was sich der globale Konzern wünscht: gratis Werbung.

 

Boykott von Dr. Oetkers' Love Cake

Doch das Thema ist viel zu wichtig, um es zu ignorieren. Sexistische Werbung hat im Jahr 2018 nichts mehr verloren - und schon gar nicht in vermeidlich aufgeklärten Ländern wie denen der Europäischen Union. Die einzige Möglichkeit, wie wir dieser Form des Sexismus entgegensteuern können, ist bewusstes Hinsehen und konsequenter Boykott jener Produkte, die sexistisch beworben werden.

Ansehen, kritisieren und konsequent handeln - je mehr Menschen diese 3 Schritte tun, desto eher verschwindet sexistische Werbung aus unserem Alltag.

Dass ein Unternehmen auch im 21. Jahrhundert ins sexistische Fettnäpfchen greift, kommt immer wieder vor. So hat Nestlé zum Weltfrauentag mit seinem "Alles was Mädels brauchen"-Post deutlich danebengegriffen (wunderweib berichtete). Auch Lidl hat mit rosafarbenen Schlafanzügen für Mädchen, deren Papi ihr Held ist, tief in die Klischee-Kiste gegriffen (HIER Näheres dazu).

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