Laurie Pennys Buch "Bitch Doktrin"Wenn Männer schwanger werden könnten

Wenn Männer schwanger werden könnten, sähe die Welt ganz anders aus - davon ist die Feministin und Buchautorin Laurie Penny überzeugt. Ein Buchausschnitt.

Wenn Männer schwanger werden könnten
Was, wenn Männer schwanger werden könnten? Laurie Penny skizziert in ihrem Buch "Bitch Doktrin" ein mögliches Szenario
Foto: iStock

Was wäre, wenn Männer schwanger werden könnten? Mit dieser Frage ist nicht die biologische Möglichkeit des Schwangerwerdens gemeint. Die Frage zielt viel mehr auf das gesamtgesellschaftliche Konstrukt der Mutterrolle ab - und wie es sich plötzlich verändern würde, wären es die Männer, die gebären würden.

 

Verschlechterte Lebensverhältnisse nach der Geburt

Zahlreiche Frauen - vor allem in westlichen Ländern - entscheiden sich gegen Kinder. Diejenigen, die Kinder bekommen, haben es - auch in "fortgeschrittenen" Ländern wie Deutschland und den USA - mit zahlreichen Stolpersteinen zu tun. Von löchrigen KITA-Konzepten über die Probleme einer Vollzeitstelle für Mütter, bis hin zu mangelhafter finanzieller Unterstützung Alleinerziehender, erwartet Frauen nach einer Geburt die qualitative Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse.

Um dieses Thema kommt keine Frau in gebärfähigem Alter herum. Und schon gar keine feministische Autorin.

Laurie Penny ist für die Emanzipation der Frauen unseres Jahrzehnts, was Alice Schwarzer für ihre Generation in den 1970er Jahren war: die führende Stimme des Feminismus. In ihrem kürzlich auf deutsch erschienenen Buch "Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht" schreibt die 31-Jährige über die immer noch klaffende Schlucht zwischen Frauen und Männern sowie die versteckte Diskriminierung der Frauen - und zieht Parallelen zu den großen bestehenden Machtkämpfen in der politischen Welt.

Auch das Thema Schwangerschaft und die postnatalen Lebensumstände von Frauen machen einen Teil von Pennys Buch aus.

Ausschnitt: "Wenn Männer schwanger werden könnten":

Überlegen wir, was geschehen würde, wenn Männer schwanger werden könnten.

Wenn Männer schwanger werden könnten, wäre Abtreibung kostenfrei und uneingeschränkt in jeder Kleinstadt und jeder Großstadt auf Erden zu haben. Kein Mann müsste sich für seine Entscheidung, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden, rechtfertigen. Es würde völlig ausreichen, wenn er sagte: »Ich will dieses Kind nicht bekommen.«

 

Geburt und Kinderbetreuung als Arbeit anerkannt und entlohnt

Wenn Männer schwanger werden könnten, würden Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung selbstverständlich als Arbeit anerkannt und als solche entlohnt. Die gesamte wirtschaftliche Basis des globalen Kapitalismus würde über Nacht auf den Kopf gestellt. Nach der unblutigen Revolution würde der Ausdruck »Work-Life-Balance« aus dem Wortschatz verschwinden, ebenso wie der Spruch: »Ich hab’s nicht so mit Kondomen, Baby.«

Wenn Männer schwanger werden könnten, würden linke, libertäre und andere politische Freiheitsbewegungen einstige »Pro-Life-Aktivisten« als »Zwangsgeburt-Extremisten« schmähen.

Wenn Männer schwanger werden könnten, gälten sie nicht als Brutapparat für mögliches menschliches Leben, sondern als Menschen mit uneingeschränkter Handlungsmacht. Niemand würde Männern das Grundrecht auf sexuelle Freiheit und persönliche Autonomie absprechen, auch wenn sie nach der Meinung mancher Mord begingen.

 

Entscheidung gegen Kinder würde respektiert werden

Manche Männer sind bereit, einen Mord aus weit weniger unerhörten Gründen zu begehen als wegen der Besetzung ihres Körpers durch einen Invasoren. In den Vereinigten Staaten setzt sich derzeit eine starke Lobby dafür ein, dass Menschen das Recht haben sollten, jeden abzuschlachten, der in ihr Haus einbricht, einen Polizisten schief anschaut oder sich anderweitig verdächtig macht und dabei dunkler Hautfarbe ist.

Wenn Männer schwanger werden könnten, müssten sie sich nicht anhören, dass sie keinen Sex haben sollen, wenn sie kein Kind wollen. Die großen Weltreligionen würden eilig ihre Schriften neu interpretieren. Angebliche Ächtungen von Abtreibung oder Verhütung würden die Schriftgelehrten unter demselben Licht betrachten wie den Bibelspruch, demzufolge Weiber im Mannsgewand der ewigen Verdammnis anheimfallen.

Wenn Männer schwanger werden könnten, würde das Leben eines Mannes nie nach seiner Entscheidung beurteilt, ob er Kinder bekommen will oder nicht. Es wäre keine Schande, sich sterilisieren zu lassen, so wie es heute keine Schande ist, wenn ein Mann die Vasektomie wählt. Hätte ein Mann entschieden, wann und ob er Kinder haben wollte, könnte er darauf zählen, dass andere diese Entscheidung respektieren und ihn nicht etwa als egoistisch, faul oder schamlos beschimpfen oder warnen würden, er werde es »eines Tages bereuen«.

 

Freibier und WLAN beim Arzt

Wenn Männer schwanger werden könnten, hätte schon längst jemand eine Milchpumpe entwickelt, die auch wirklich funktioniert. Wenn Männer schwanger werden könnten, würden Ärzte vor einer Abtreibung nicht zwangsweise mit Sonden in sie eindringen und sie zwingen, sich Ultraschallbilder des Fötus anzusehen. Stattdessen gäbe es im Behandlungsraum WLAN und nach jedem Abbruch Freibier.

Wenn Männer schwanger werden könnten, würden Schwangerschaft und Geburt nicht abschätzig mit dem »Lauf der Natur« in Verbindung gebracht, sondern gälten als heldenhafte Akte der Selbstaufopferung. Der Versuch, einen Mann zum Gebären zu zwingen, stünde auf einer Stufe mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht für Männer und würde entsprechende Proteste nach sich ziehen.

 

Schwangerschaftsstreifen stolz präsentieren

Wenn Männer schwanger werden könnten, wäre ein »Babybauch« keine Schande mehr. Männer würden ihre Schwangerschaftsstreifen und Kaiserschnittnarben stolz vorzeigen wie Kriegsverletzungen. Tatsächlich werden manche Männer schwanger. Obwohl transsexuelle Männer schon Kinder zur Welt gebracht haben, werden ihre Erfahrungen im populären Verständnis reproduktiver Rechte nicht berücksichtigt – denn es werden ja keine Leute schwanger, sondern Frauen, und genau betrachtet sind Frauen gar keine Leute.

Die moderne Frauenfeindlichkeit gründet nach wie vor auf der Angst, dass Frauen eines Tages die Kontrolle über die Fortpflanzung wiedererlangen und ihre eigenen Entscheidungen über die Zukunft der Menschheit treffen könnten – aber man kann eine Person nicht gegen ihren Willen zum Gebären zwingen und sie gleichzeitig als vollwertigen Menschen betrachten.

Wenn Männer schwanger werden könnten, würden wir diese ganze Diskussion nicht führen. Dass es nötig ist, zeigt, wie weit der Weg bis zur Gleichberechtigung noch ist.
 

Laurie Penny: Bitch Doktrin
"Bitch Doktrin. Gender, Macht & Sehnsucht" von Laurie Penny erschien im September 2017 im Nautilus Verlag (320 Seiten, 18 Euro)
Foto: Edition Nautilus

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