House of Gucci

Paolo Gucci: Anders als im Film – So extrem war er wirklich

Der echte Paolo Gucci hatte wenig mit dem weinerlichen Jared Leto gemein, der ihn in "House of Gucci" spielt. Der Modedesigner war ein Exzentriker und Lebemann.

House of Gucci Cast
House of Gucci: Vier Gewinner und ein Loser? Foto: IMAGO / Prod.DB

Keine Frage, "House of Gucci" ist exzellente Kinounterhaltung. Es gibt allerdings einen Punkt, der Fans und Kritiker gleichermaßen stört: Jared Letos Performance als Paolo Gucci (†64).

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Jared Leto als Paolo Gucci
Weich, weicher, Jared Leto als Paolo Gucci Foto: IMAGO / Prod.DB

Jared Leto als Paolo Gucci: Geht's noch weinerlicher?

Jared Leto spielt den italienischen Geschäftsmann so affektiert, weinerlich und übertrieben, dass man meinen könnte, er nimmt sich selbst aufs Korn. Der Oscar-Preisträger, der als durchgeknallter Joker die "Justice League" veredelte, ist die perfekte Besetzung für exzentrische Rollen. Doch bei "House of Gucci" wirkt sein überbordendes Spiel fehl am Platz – fast, als gehöre er nicht zum Film.

Kostprobe gefällig? Dieser kurze Clip zeigt Paolo Gucci alias Jared Leto als weinerlichen Softie:

Eine Beleidigung!

Jared Leto kommt vor allem bei jenen schlecht an, die Paolo Gucci kannten. Allen voran dessen Tochter Patrizia. Der Geschäftsmann starb am 10. Oktober 1995 in London an einer chronischen Hepatitis – rund sieben Monate, nachdem sein Cousin Maurizio Gucci (†46) in Mailand von einem Auftragskiller erschossen worden war.

Patrizia Gucci nennt Letos Darstellung "grauenvoll" und betonte: "Das ist eine Beleidigung für mich!"

Auch Modedesigner Tom Ford, der Gucci ab 1990 zu neuem Leben erweckte, lässt kein gutes Haar an Jared Leto. "Paolo, den ich bei mehreren Gelegenheiten getroffen habe, war in der Tat exzentrisch und hat einige verrückte Dinge getan, aber sein gesamtes Auftreten passte nicht zu der verrückten und scheinbar geistig gestörten Natur von Letos Darstellung", schreibt Ford in einem Artikel für "Air Mail". Er habe "House of Gucci" gesehen und "überlebt", so das harte Urteil des Fashion-Stars.

Jared Leto in House of Gucci
Jared Leto in House of Gucci: Zu viel des Guten Foto: IMAGO / Prod.DB

Paolo Gucci: So extrem war er wirklich

Während Jared Leto in "House of Gucci" gerne mal mitten im Satz zu singen anfängt und eindeutig zu nah am Wasser gebaut ist, soll der echte Paolo Gucci ganz anders gewesen sein. Exzentrisch? Ja. Durchgeknallt? Natürlich. Extrem? Auf jeden Fall. Aber eben nicht so affektiert wie Jared Leto in seiner Rolle.

Der Geschäftsmann lebte und liebte das Extreme. Er war tief verstrickt in den heftigen Streitereien seiner Familie und sorgte gleichzeitig mit seinem eigenen Familienleben über Jahrzehnte für Negativschlagzeilen. In Fotoshootings inszenierte er sich gerne als der große Geschäftsmann – der er im Grunde genommen nie war:

Gucci, Gucci, Gucci

Eigentlich hätten die Dinge gut laufen können für den Modedesigner, der 1931 zur Welt kam. Sein Großvater war Guccio Gucci (†71), der das weltberühmte Label 1921 – zunächst ein Lebershop in Florenz – gründete. Paolos Vater Aldo Gucci (†84), in "House of Gucci" gespielt von Altmeister Al Pacino (81), und sein Onkel Rodolfo Gucci (†70), gespielt von Jeremy Irons (73), holten den Kreativen in die Firma und machten ihn Ende der 60er zum Chef-Designer. Später wurde Paolo Gucci sogar zum Vize-Präsident des Familienunternehmens ernannt.

Doch schon kurz darauf kam der Absturz. 1980 hinterging Paolo seine Familie, indem er hinter deren Rücken das Label "Gucci Plus" gründete, um mehr Geld zu verdienen. Die Konsequenzen waren hart: Sein Vater schmiss ihn aus der Firma und verklagte ihn. Um sich zu rächen, sorgte Paolo 1984 dafür, dass Aldo seinerseits seinen Posten bei Gucci aufgeben musste und zudem wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde. Der Fashion-Magnat landete ein Jahr hinter Gittern.

Paolo Gucci brachte der Rachefeldzug wenig. 1987 verkaufte er seine Gucci-Anteile für umgerechnet über 37 Millionen Euro – nur um 1993 Privatinsolenz anzumelden.

Paolo Gucci: Frauen, Töchter und Skandale

Neben den Streitigkeiten innerhalb der Gucci-Familie ließ Paolo auch privat nichts anbrennen. Oder besser gesagt, hinterließ er brennende Brücken, wohin auch immer er ging.

1952 heiratete er Yvonne Moschetto, mit der er zwei Töchter bekam: Elisabetta und Patrizia, die Jared Leto für seine Performance so verurteilt. Nach dem Scheitern dieser Beziehung nahm Paolo 1977 die britische High-Society-Lady Jenny Garwood zur Frau. Mit ihr hat er eine Tochter, Gemma Gucci. Die Ehe mit Jenny ging in die Brüche, nachdem Paolo eine Affäre mit der erst 19-jährigen Penny Armstrong anfing. Mit ihr hat er die Töchter Alyssa und Gabrielle.

Jenny Garwood, die den bissigen Spitznamen "Die falsche Gucci" trägt, wird im Film von Florence Andrews gespielt. Sie und Paolo verband glühender Hass bis zu seinem Tod 1995. So zeigte Jenny ihren Ex an, als dieser mit den Alimenten zu spät dran war, weswegen Paolo 1994 vier Wochen im Gefängnis saß. Die Britin schrieb 2010 ein Buch über ihre Zeit bei den Guccis. Der Titel sagt alles: "Gucci Wars: How I Survived Murder and Intrigue at the Heart of the World's Biggest Fashion House", also "Gucci-Krieg: Wie ich Mord und Intrigen im Herzen des weltgrößten Modehauses überlebte". Darin beschuldigt Jenny ihren Ex-Mann unter anderem, ihr Pferd verhungert haben zu lassen, nur um während seiner Privatinsolvenz zu beweisen, dass er wirklich pleite ist.

Paolo Gucci, der Loser: Kein Zufall

Das Bild des Idioten ist von den Machern des Hollywoodstreifens allerdings durchaus gewollt. Mehr noch: Die gesamte Werbekampagne ist auf Stereotypen ausgelegt. Im "House of Gucci"-Universum steht jeder Filmcharakter für eine bestimmte Tarot-Karte: Patrizia Reggiani ist die Hohepriesterin, Maurizio Gucci die Sonne, Aldo Gucci ist der Herrscher und Rodolfo Gucci der Enthüller der heiligen Geheimnisse.

Welche Karte da noch für Paolo Gucci alias Jared Leto übrig bleibt? Klar, der Narr des House of Gucci:

"House of Gucci" ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – Jared Letos krasser Performance sehenswert. Der Trailer gibt einen Vorgeschmack:

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