Fakten-Check

Blackout in Deutschland: So realistisch ist ein mehrtägiger Stromausfall wirklich

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine und der daraus resultierenden Energiekrise haben die Menschen in Deutschland Angst vor dem Blackout. Steht uns diesen Winter ein mehrtätiger Stromausfall bevor?

Streichholz und Gaszähler
Blackout in Deutschland Foto: Evgen_Prozhyrko/iStock

Russland dreht den Gashahn zu – und Deutschland damit den Strom ab? Die Angst vor einem Blackout, also einem mehrtägigen Stromausfall, wächst. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass wir diesen Winter mehrere Tage ohne Strom ausharren müssen? Ein Fakten-Check.

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Blackout in Deutschland: Russland befeuert die Angst vor einem Stromausfall

Während die einen den Blackout in Deutschland für möglich halten, sprechen die anderen von "reiner Panikmache". Doch gehen wir zunächst einen Schritt zurück: Woher kommt die Angst vor einem Blackout überhaupt?

Der wohl größte Unsicherheitsfaktor ist Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dessen Verlauf Russland die Gaslieferungen nach Deutschland immer wieder stark einschränkt. Offiziell erklärt Putin die gedrosselten Gaslieferungen mit technischen Problemen und Wartungsarbeiten. Expert*innen gehen jedoch davon aus, dass er dadurch versucht, Druck auf Deutschland, das sich klar an der Seite der Ukraine positioniert, auszuüben.

Der Energie-Poker hat zudem die Gaspreise explodieren lassen, was zusätzlich den Druck erhöht. Denn Gas wird in Deutschland nicht nur zum Heizen verwendet, sondern auch zur Stromerzeugung.

Stromausfall in Deutschland: Nicht nur Russland schürt Ängste

Der Ukrainekrieg hat die Energiekrise zwar beschleunigt. Er ist jedoch nicht der einzige Risikofaktor. Weitere Faktoren, die einen Blackout begünstigen könnten, sind:

  • Die Dürre in diesem Sommer und die daraus resultierenden Niedrigstände der Flüsse, die den Kohletransport zu Wasser verlangsamen.

  • Die Wartung französischer Atomkraftwerke sorgt für einen Strommangel im Nachbarland. Deutschland und Frankreich haben einen solidarischen Vertrag geschlossen: Frankreich liefert Gas an Deutschland, Deutschland dafür Strom an Frankreich.

  • Der deutsche Atomausstieg: Ende 2022 sollen die letzten drei Atomkraftwerke hierzulande abgeschaltet werden.

Energiekrise: Kommt die Atomkraft zurück?

Vor allem die Diskussion um die Atomkraft in Deutschland wird vor dem Hintergrund der Energiekrise scharf geführt. Einige Stimmen verlangen, dass die AKWs länger am Netz bleiben.

Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) hat sich in einer Pressemitteilung zur Stromversorgung in Deutschland wie folgt dazu geäußert:

"Die beiden AKW Isar 2 und Neckarwestheim sollen bis Mitte April 2023 noch zur Verfügung stehen, um falls nötig, über den Winter einen zusätzlichen Beitrag im Stromnetz in Süddeutschland 2022/23 leisten zu können. Das heißt auch: Alle drei derzeit in Deutschland noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke werden planmäßig Ende 2022 regulär vom Netz gehen. Am Atomausstieg, wie er im Atomgesetz geregelt ist, halten wir fest. Neue Brennelemente werden nicht geladen und Mitte April 2023 ist auch für die Reserve Schluss."

Abschreckung: Blackout in Texas

Hört man den Begriff Blackout, denken viele an den Ausnahmezustand in Texas im Jahr 2021. Zwischen dem 10. und dem 20. Februar suchten drei heftige Winterstürme den US-Bundesstaat heim und führten mehrfach zu mehrtägigen Blackouts. Infolge der Stromausfälle fehlte es den Betroffenen nicht nur an Strom, sondern auch an Essen, Wasser, Wärme und vor allem an medizinischer Versorgung. Über 240 Menschen sollen durch die Katastrophe zu Tode gekommen sein.

Was die Krise begünstigt hat: Texas verfügt über ein eigenständiges, in sich geschlossenes Stromnetz. Bricht es zusammen, kann man nicht auf andere Stromnetze ausweichen.

Wie realistisch ist der Blackout in Deutschland?

In diesem Punkt unterscheidet sich Texas deutlich von der Stromversorgung in Deutschland. Deutschland bildet mit anderen Ländern in Europa ein Versorgungsnetzwerk. Droht einem Land der Blackout, hilft ein anderes aus.

Zudem gilt Deutschland als Land mit einer "sehr hohen Versorgungssicherheit im Stromsystem", wie Habeck in der Pressemitteilung zur Stromversorgung in Deutschland betonte.

Anlass dieser Pressemitteilung war der zweite Netzstresstest, der in Deutschland durchgeführt worden ist – auch, um die Angst vor einem vermeintlichen Blackout zu zerstreuen.

Stresstest am Stromnetz

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat mit Blick auf den Winter 2022/2023 zwei Sonderanalysen durchführen lassen, um Aussagen darüber treffen zu können, ob Deutschland ein Blackout bevorsteht. Durchgeführt haben diese Tests die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW.

Im ersten Stresstest wurden die Auswirkungen des Ukrainekrieges noch weitestgehend vernachlässigt, im zweiten dann deutlich miteinberechnet.

Der zweite Stresstest stellt drei Szenarien vor:

  1. kritisches Szenario (+)

  2. sehr kritisches Szenario (++)

  3. Extremszenario (+++)

In der neuen Berechnung wurden unter anderem folgende Annahmen zugrunde gelegt:

  • Ein großer Teil der französischen Atomkraftwerke kehrt nicht bis zum Winter an den Markt zurück. Im Extremszenario (+++) steht nur die Leistung von knapp zwei Drittel der französischen Atomkraftwerke zur Verfügung.

  • Nur ein Teil der möglichen Kraftwerke kehrt nach dem Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz an den Markt zurück – je nach Szenario in unterschiedlichem Ausmaß.

  • Das Niedrigwasser in den Flüssen schränkt Steinkohlelieferungen weiter ein. Die Steinkohlekraftwerke können also auch bei Verbrauchsspitzen deutlich weniger Strom produzieren, im Extremszenario am wenigsten.

  • Ein Viertel (+) bis die Hälfte (+++) der Kraftwerksleistung der Netzreserve ist nicht betriebsbereit.

  • Im kritischen Szenario ist ein Viertel der Gaskraftwerke in Süddeutschland nicht verfügbar, im Extremszenario sogar die Hälfte.

  • Die Stromnachfrage von Heizlüftern erhöht die Verbrauchsspitzen im Gigawatt-Bereich.

  • Der Gaspreis als Eingangsgröße der Berechnungen wurde in allen drei Szenarien einheitlich auf 300 EUR/MWh erhöht.

Lastunterdeckungen in Deutschland

Tatsächlich klingt das Ergebnis dieses Tests erst einmal besorgniserregend:

"In allen drei betrachteten Szenarien zeigt sich die Versorgungssituation im kommenden Winterhalbjahr äußerst angespannt – in Europa kann im Strommarkt die Last nicht vollständig gedeckt werden. In den beiden kritischeren Szenarien (++, +++) treten in einigen Stunden Lastunterdeckungen auch in Deutschland auf."

Zu Lastunterdeckungen – und damit zu Stromausfällen – kommt es dann, wenn die Nachfrage nach Strom das Angebot übersteigt.

Blackout in Deutschland: Das sagt die Bundesregierung

Der Knackpunkt: Im Gegensatz zu einem mehrtägigen Blackout führen Stromausfälle über einen kürzeren Zeitraum zwar zu Ärger, aber nicht zu einem Versorgungsmangel.

Das Bundeswirtschaftsministerium betont über den zweiten Stresstest: "Im sehr kritischen Szenario (++) und dem Extremszenario (+++) treten solche Situationen für sehr kurze Zeiträume, das heißt einige wenige Stunden im Jahr, auch in Deutschland auf."

Einige wenige Stunden im Jahr sind dabei noch drastisch gerechnet. 2020 blieben die Haushalte in Deutschland durchschnittlich 10,73 Minuten ohne Strom. Von einem Blackout kann dabei wirklich keine Rede sein.

"Großflächige langanhaltende Stromausfälle – sogenannte Blackouts – hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Diese bleiben auch weiterhin sehr unwahrscheinlich", unterstreicht die Bundesregierung in einer Stellungnahme zur Energieversorgung im Land.

Blackout, Stromausfälle, Energiekrise: Das tut die Bundesregierung

Konkrete Maßnahmen sollen sicherstellen, dass es zu keinen längerfristigen Stromausfällen in Deutschland kommt. Zu den wichtigsten gehören:

  • Das Füllen der Gasspeicher: Diese sind aktuell zu rund 90 Prozent gefüllt

  • Vorübergehender Einsatz von Kohlekraftwerken zur Stromerzeugung

  • Ein schnellerer Transport von Energieträgern: Güterzüge, die Kohle oder Erdöl führen, bekommen Vorrang auf dem Schienennetz

  • Zwei Atomkraftwerke laufen bis März auf Reserve weiter

  • Existenzsicherung von Versorgungsunternehmen wie Uniper

  • Ausbau erneuerbarer Energien

  • Russisches Gas wird ersetzt – beispielsweise durch Gaslieferungen aus Norwegen

  • Ausbau von Flüssiggas-Terminals (LNG)

Was auch in Deutschland denkbar wäre, sind geplante, vorab angekündigte Stromabschaltungen, so genannte Lastabschaltungen. Diese sollen eine Netzüberlastung verhindern.

Was du im Fall eines kontrollierten Stromausfalls oder auch eines (unwahrscheinlichen) Blackouts tun kannst, haben wir hier für dich zusammengefasst!

Mehr zum Thema Heizkosten sparen erfährst du von unseren Kolleg*innen von "Liebenswert"!

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Artikelbild & Social Media: Evgen_Prozhyrko/iStock

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