Erotische Liebesgeschichte

Zwischen den Zeilen der Nacht

„Unverhofft kommt oft“ - diesen Satz hielt Mara immer für Blödsinn - bis heute...

Verliebtes Paar teilt einen zärtlichen Moment.Auf Pinterest merken
Foto: Pressmaster / iStock

Mara Winter war überzeugt, dass man einen Menschen daran erkennen konnte, welches Buch er in der Öffentlichkeit las.

Nicht wissenschaftlich natürlich. Eher als private Theorie.

Menschen mit Krimis wirkten entspannt. Menschen mit Selbsthilferatgebern hatten meistens einen schlechten Tag. Und Männer, die in der Münchner U-Bahn Wirtschaftsbiografien lasen, waren entweder sehr langweilig oder sehr gefährlich.

Der Mann ihr gegenüber las einen Liebesroman.

Mara hob den Blick von ihrem eigenen Buch und betrachtete ihn über den Rand ihrer Brille hinweg.

Er war vielleicht Anfang vierzig, trug einen dunkelgrünen Mantel und hatte diese leicht zerzausten dunklen Haare, die aussahen, als hätte er morgens mit einem Kissen diskutiert und verloren. Sein Gesicht war interessant statt makellos: eine kleine Narbe an der Augenbraue, Bartschatten, müde Augen.

Und er las tatsächlich einen Liebesroman.

Mara lächelte.

Er bemerkte es.

„Irgendwas Lustiges?“

„Nur eine wissenschaftliche Beobachtung.“

„Das klingt gefährlich.“

„Sie lesen heimlich Romance.“

Er sah auf sein Buch. Dann wieder zu ihr.

„Und Sie beobachten fremde Männer beim Lesen.“

„Nur die verdächtigen.“

Sein Mundwinkel zuckte.

„Dann bin ich offenbar enttarnt.“

Die U-Bahn bremste scharf. Maras Kaffeebecher kippte. Ein dunkler Fleck breitete sich über die Seite ihres Buches aus.

„Verdammt.“

Der Fremde griff nach einer Packung Taschentücher.

„Hier.“

„Danke.“

Ihre Finger berührten sich.

Nur kurz.

Trotzdem war da dieses winzige elektrische Prickeln, das Mara seit Jahren für eine Erfindung von Drehbuchautorinnen gehalten hatte.

Sie sah auf.

Er auch.

„Jonas“, sagte er.

„Mara.“

Als die Bahn an der nächsten Station hielt, stieg er aus.

Mara blieb sitzen.

Auf seinem Sitz lag sein Buch.

Sie nahm es hoch.

Zwischen den Seiten steckte ein Zettel.

Für die neugierige Frau mit dem schlechten Kaffee: Behalten Sie es. Ich hole es mir zurück.

Darunter eine Telefonnummer.

Mara lachte.

„Na wunderbar“, murmelte sie.

Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich ein Montag nach einem Anfang an.

Der Mann, der sein Buch zurückhaben wollte

Drei Tage später klingelte es gegen Mittag an der Tür von Maras Werkstatt.

Sie sah nicht sofort auf. Gerade saß sie über einer kleinen Kommode aus Nussbaumholz, deren Oberfläche unter ihren Händen langsam wieder sichtbar wurde. Schicht für Schicht löste sich der alte Lack, darunter kam die warme Maserung zum Vorschein.

Erst als Schritte näherkamen, hob sie den Kopf.

Und da war er.

Der Mann aus der U-Bahn.

Leander.

Er blieb mitten im Raum stehen und sah sich um. Sein Blick wanderte über die Möbelstücke, die Werkbank, die fein säuberlich sortierten Pinsel und die Schalen mit Pigmenten. An einer Wand hingen Zeichnungen, an der anderen alte Beschläge, Griffe und Scharniere, die Mara über Jahre gesammelt hatte.

„Ich suche eine Frau mit schlechtem Kaffee und einem Buch.“

Seine Stimme.

Dieses leicht raue Lachen darin.

Mara spürte, wie ihr Mundwinkel nach oben wanderte.

„Dann sind Sie richtig.“

Sie griff hinter sich, zog das Buch aus einer Schublade und hielt es hoch.

Leander atmete sichtbar erleichtert auf.

„Ich dachte schon, ich müsste eine Suchanzeige aufgeben.“

„Mit Foto?“

„Natürlich. Titel: Frau entführt Buch und verweigert Herausgabe.“

„Klingt nach einem Fall für die Kriminalpolizei mit anschließender Netflix-Verfilmung.“

Er trat näher und nahm das Buch entgegen.

Dabei streiften sich ihre Finger.

Wieder nur ganz kurz.

Und wieder war dieses kaum merkliche Prickeln da.

Mara hasste es, dass ihr Körper offenbar schneller Entscheidungen traf als ihr Verstand.

Leander sah auf das Buch, dann auf sie.

„Du hast es gelesen.“

Keine Frage.

Sie strich mit dem Daumen über den Buchrücken.

„Ein bisschen.“

„Und?“

Mara legte den Kopf schief.

„Du willst wirklich wissen, was ich von deinem heimlichen Liebesroman halte?“

„Mittlerweile unbedingt.“

Sie erzählte ihm, dass sie ihn überraschend gut gefunden hatte. Nicht perfekt. Ein bisschen zu sentimental an manchen Stellen. Aber ehrlich genug, um sie nicht nach drei Kapiteln aufzugeben.

Leander grinste.

„Dann darf ich ihn wohl wiederhaben.“

„Leider.“

Er steckte das Buch ein.

Doch er ging nicht.

Stattdessen sah er sich erneut in der Werkstatt um.

„Was genau machst du hier?“

Mara erklärte ihm, dass sie historische Möbel restaurierte. Sie zeigte ihm die Kommode, an der sie gerade arbeitete, und erzählte, warum sie alte Stücke liebte: weil man ihnen ansah, dass sie bereits ein Leben hinter sich hatten.

Nicht jede Macke musste verschwinden.

Nicht jede Spur musste ausgebessert werden.

Manchmal ging es nur darum, etwas so weit zurückzubringen, dass man wieder erkennen konnte, was ursprünglich darin gesteckt hatte.

Leander hörte aufmerksam zu.

Dann betrachtete er die Kommode erneut.

„Du rettest also Dinge, die andere längst aufgegeben haben.“

Mara lächelte.

„So romantisch klingt mein Beruf normalerweise nicht.“

„Vielleicht habe ich ein Talent dafür, Dinge romantisch klingen zu lassen.“

Sie hätte etwas Schlagfertiges erwidern können.

Stattdessen blieb sie an seinem Blick hängen.

Da war dieses offene Interesse.

Keine höfliche Neugier.

Er wollte tatsächlich mehr über sie wissen.

Mara kannte diesen Blick.

Und sie wusste, dass er gefährlich werden konnte.

Denn sie wollte ihn ebenfalls kennenlernen.

Später saßen sie in einem Café um die Ecke. Das Buch lag zwischen ihnen auf dem Tisch, als hätte es die beiden miteinander verabredet.

Der Kaffee war besser als beim ersten Treffen.

Das Gespräch ebenfalls.

Aus einer Stunde wurden zwei.

Als Mara irgendwann auf die Uhr sah, war es bereits später Nachmittag.

Sie hatte seit Mittag keinen Gedanken mehr an ihre Arbeit verschwendet.

Und erstaunlicherweise störte sie das kein bisschen.

Leander begleitete sie zurück zur Werkstatt.

Vor der Tür blieb er stehen.

Mara wusste, dass jetzt der Moment kam, in dem einer von ihnen gehen musste.

Sie war sich nur nicht sicher, ob sie das wollte.

Leander schob die Hände in die Jackentaschen.

„Ich würde dich gern wiedersehen.“

Mara lächelte.

„Das klingt gefährlich.“

„Das habe ich mir bei unserem ersten Treffen schon gedacht.“

Sie lachte.

Und während er die Straße hinunterging, blieb sie noch einen Moment in der Tür stehen.

Das Buch war weg.

Der Mann auch.

Aber etwas war geblieben.

Dieses leise Gefühl, dass gerade etwas begonnen hatte, das sie noch nicht benennen konnte.

Zwischen Staub und Sonnenlicht

Die Wochen vergingen.

Leander tauchte immer häufiger in ihrer Werkstatt auf, manchmal mit Kaffee, manchmal mit einem Croissant und einmal mit einer völlig absurden Zimmerpflanze, die Mara nach zehn Minuten Recherche als „pflegeleicht“ identifizierte.

Sie starb zwei Wochen später.

Mara gab ihm die Schuld.

Er nahm es mit erstaunlicher Würde hin.

Ihre Beziehung bekam jedoch keine klare Überschrift.

Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Sie lernten erstaunlich schnell die Macken des anderen kennen.

Und trotzdem blieb etwas unausgesprochen.

Mara spürte es besonders an einem Donnerstagabend.

Leander hatte sie zum Essen eingeladen. Sie saßen auf seinem Balkon, zwischen Kräutertöpfen und einer Lichterkette, die viel zu hell war.

Er erzählte von einem neuen Theaterprojekt.

Mara hörte zu.

Doch plötzlich merkte sie, dass sie nicht mehr den Inhalt seiner Worte wahrnahm.

Nur seine Stimme.

Die Wärme.

Die Art, wie er seine Hand auf den Tisch gelegt hatte.

Und wie sehr sie diese Hand inzwischen kannte.

Sie bekam Angst.

Nicht vor ihm.

Vor der Bedeutung.

Sie hatte sich daran gewöhnt, unabhängig zu sein. Entscheidungen allein zu treffen. Niemandem erklären zu müssen, warum sie einen Auftrag ablehnte oder bis Mitternacht in ihrer Werkstatt blieb.

Mit Leander begann etwas anderes.

Etwas, das Platz beanspruchte.

Etwas, das sie wollte.

Er bemerkte ihre Veränderung.

Später, als sie nebeneinander auf dem Sofa saßen, legte er seine Hand auf ihren Oberschenkel.

Nicht fordernd.

Nur warm.

Mara legte ihre Hand darauf.

Leander sah sie an.

Sie spürte, dass er etwas sagen wollte.

Doch diesmal wollte sie keine Worte.

Sie rückte näher.

Und küsste ihn.

Die Patina der Nähe

Der Kuss begann langsam.

Mara kannte Leanders Zurückhaltung inzwischen gut. Er war aufmerksam, manchmal beinahe zu aufmerksam. Als würde er ständig prüfen, ob sie noch bei ihm war.

Heute wollte sie, dass er aufhörte zu prüfen.

Sie legte ihre Hand in seinen Nacken und zog ihn näher.

Sein Atem veränderte sich.

Seine Hände fanden ihre Taille.

Der nächste Kuss war tiefer.

Mara spürte die Wärme seiner Finger durch den Stoff ihrer Bluse und gleichzeitig diese überraschende Zärtlichkeit, die sie an ihm so mochte. Leander behandelte Nähe nicht wie einen Wettbewerb. Er wollte nichts beweisen.

Er wollte sie spüren.

Und sie ihn.

Sie löste sich nur kurz von ihm, um ihm über die Wange zu streichen. Die kleine Narbe an seiner Augenbraue fühlte sich unter ihrer Fingerspitze rau an.

„Woher?“, fragte sie leise.

Er wusste sofort, was sie meinte.

Eine alte Geschichte. Ein Fahrradunfall. Ein Sommer, den er beinahe vergessen hatte.

Mara küsste die Narbe.

Leander schloss die Augen.

Diese kleine Geste veränderte etwas.

Seine Hände wurden sicherer.

Er zog sie näher, bis zwischen ihnen kein Raum mehr blieb. Seine Lippen wanderten über ihre Wange zu ihrem Hals. Mara spürte die Wärme seines Atems auf ihrer Haut und bekam eine Gänsehaut.

Sie lachte leise.

Nicht weil etwas lustig war.

Weil die Spannung beinahe zu viel wurde.

Leander sah sie an.

In seinem Blick lag Verlangen, aber auch etwas anderes.

Vertrauen.

Mara zog ihn wieder zu sich.

Sie küssten sich, bis ihre Gedanken leiser wurden. Bis die Zeit ihre Bedeutung verlor.

Seine Finger glitten über ihren Rücken, langsam und aufmerksam. Mara spürte, wie ihre Anspannung nachließ, Schicht für Schicht, wie alte Farbe unter einer geduldigen Hand.

Vielleicht war das die eigentliche Kunst des Restaurierens, dachte sie.

Nicht etwas Neues aus jemandem zu machen.

Sondern vorsichtig freizulegen, was schon immer darunter gewesen war.

Sie gingen ins Schlafzimmer.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.

Was danach geschah, war weniger ein Sturm als ein allmähliches Nachgeben. Küsse, warme Haut, ineinander verschränkte Hände und das leise Lachen zweier Menschen, die längst aufgehört hatten, sich gegenseitig etwas vorspielen zu wollen.

Mara fühlte sich begehrt, ohne betrachtet zu werden.

Leander fühlte sich angenommen, ohne etwas leisten zu müssen.

Ihre Nähe wurde intensiver, bis Worte nicht mehr ausreichten…

Als sie schließlich nackt voreinander standen, hätte sich Verlegenheit einstellen können, doch es war alles ganz natürlich. Sie berührten sich zum ersten und zum tausendsten Mal, keiner von beiden hatte bisher ein so intensives Prickeln bei jeder Berührung empfunden.

Mara ließ sich auf das Bett sinken und Leanders Atem fiel in die Mitte ihrer geöffneten Schenkel. Als Mund und Zunge folgten, krümmte Mara die Zehen und ließ seufzend ihren Kopf nach hinten sinken. Sie schloss die Augen und genoss die sanften, warmen und nassen Bewegungen an dieser intimen Stelle ihres Körpers. Leanders Hände verwöhnten sie zusätzlich, sie strichen langsam und federleicht über die Innenseiten ihrer Oberschenkel und schoben sich unter ihr Gesäß, kneteten und hoben ihre Hüfte jeder folgenden Liebkosung entgegen. Er ließ sich Zeit, doch Mara fühlte, wie ihr immer wärmer wurde. Es dauerte nicht lang und ihr Körper fühlte sich an, als würde er in Flammen stehen.

Als sie einen Augenblick später wieder im Raum ankam, lag Leanders Kopf auf ihrem Bauch. Er beobachtete sie ruhig. Mara hob die Hand und streichelte sein Haar. „Freak“, sagte sie.

Sie zog ihn zu sich hoch und begann, ihn zu küssen. Er löste sich nur noch einmal von ihr, um sich ein Kondom überzustreifen. Als er in sie eindrang und sich ihre Körper endlich vereinigten schnappte Mara nach Luft. Er hielt inne.

„Alles ok?“

„Mehr als das, hör nicht auf…“

Er kam ihrem Wunsch nach, doch auch jetzt ließ er sich Zeit. Sie war es, die seine langsamen, beinahe neckenden Stöße nicht mehr aushalten konnte und ihn zu mehr antrieb. Schneller, tiefer… Bis sie sich beide atemlos aneinander klammerten und sich gedankenlos ineinander verloren.

Der Morgen danach

Mara wachte im ersten Licht auf.

Leander schlief noch.

Sein Gesicht wirkte im Schlaf jünger, beinahe friedlich. Eine Haarsträhne lag quer über seiner Stirn.

Mara blieb einen Moment liegen und betrachtete ihn.

Sie erwartete keine Erkenntnis.

Keine große romantische Offenbarung.

Doch da war sie trotzdem.

Sie hatte keine Angst.

Zumindest gerade nicht.

Neben dem Bett lag seine Uhr. Daneben ihr Ring, den sie gestern Abend abgelegt hatte. Zwei kleine Dinge, die nichts miteinander zu tun hatten und trotzdem nebeneinander lagen.

Mara musste lächeln.

Später stand sie in seiner Küche und trank Kaffee, während Leander versuchte, Frühstück zuzubereiten.

Er konnte Licht inszenieren.

Er konnte Räume verändern.

Toast konnte er nicht.

Mara betrachtete das verkohlte Brot.

„Das ist beeindruckend.“

„Ich arbeite daran.“

„Das hoffe ich.“

Er grinste und legte einen Arm um sie.

Mara lehnte sich an ihn.

Vielleicht würde es schwierig werden.

Vielleicht würden sie streiten. Vielleicht würde einer von ihnen irgendwann Angst bekommen. Vielleicht würde das Leben zwischen Werkstatt, Theater, Rechnungen und Terminen ihnen die Romantik aus den Händen ziehen.

Aber vielleicht war Liebe genau das.

Nicht das Versprechen, dass nichts kaputtging.

Sondern der Wunsch, gemeinsam herauszufinden, was sich reparieren ließ.

Was bleibt

Ein halbes Jahr später stand Leander in Maras Werkstatt und hielt einen alten Stuhl in den Händen.

„Der hier?“

Mara sah von ihrer Arbeit auf.

„Der ist aus dem 19. Jahrhundert.“

„Also alt.“

„Leander.“

„Sehr alt.“

Sie schüttelte lachend den Kopf.

Auf der Werkbank lag das Liebesbuch aus der U-Bahn.

Mara hatte es ihm zurückgegeben.

Er hatte es ihr wiedergebracht.

Inzwischen gehörte es irgendwie beiden.

Sie nahm es in die Hand und blätterte darin.

Zwischen den Seiten steckte noch immer sein alter Zettel.

Für die neugierige Frau mit dem schlechten Kaffee: Behalten Sie es. Ich hole es mir zurück.

Mara sah zu ihm.

Leander lächelte.

Manche Dinge, dachte sie, musste man nicht restaurieren.

Manche Geschichten durften ihre Kratzer behalten.

Und manche Menschen kamen nicht in dein Leben, um es vollkommen zu machen.

Sie kamen, damit du dich darin noch mehr zu Hause fühltest.

Mara legte das Buch zurück.

Dann ging sie zu Leander, schlang die Arme um ihn und küsste ihn.

Draußen fiel der erste Schnee.

Drinnen war es warm.

Und irgendwo zwischen alten Möbeln, verbranntem Toast und einem vergessenen Liebesroman begann ihr nächstes Kapitel.

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