Warum Freunde so wichtig sind: Ein Gespräch mit Kerstin Schweighöfer
Am 30. Juli feiern wir den Tag der Freundschaft. Doch was macht sie so wertvoll? Wie bleibt sie im Alltag lebendig – und warum macht sie unser Leben reicher? Darüber spreche ich mit der Autorin Kerstin Schweighöfer.
Stell dir vor, da ist ein Mensch, der bleibt – auch wenn es schwierig wird. Genau darum geht es am Tag der Freundschaft: um Nähe, die dich auffängt, stärkt und manchmal mehr trägt als Familie oder jede Romanze.
In „Freundschaft – Eine andere Form von Liebe“ erzählt die Journalistin und Buchautorin Kerstin Schweighöfer sehr persönlich von ihrer über 30-jährigen Verbindung zu Jantina. Als die Freundin schwer erkrankt und sich schließlich für Sterbehilfe entscheidet, bleiben Trauer – und eine Frage, die viele von uns kennen: Was macht wahre Freundschaft aus, wenn das Leben ernst wird?
Die Wahl-Holländerin (seit 1992 in den Niederlanden) sucht Antworten mit Herz und journalistischer Neugier. Sie sammelt bewegende Geschichten aus verschiedenen Kulturen und Generationen – von Blauhelmsoldatinnen aus Srebrenica bis zu Freunden, die eine kranke Freundin über die Dolomiten tragen. So entstand ein Buch, das tröstet, aufrüttelt und zeigt, wie viel Kraft in echter Verbundenheit steckt.
Freundschaft zum Nachlesen – das Buch, das bewegt
Im Gespräch mit Kerstin Schweighöfer über die Kraft der Freundschaft
Ich habe mit Kerstin Schweighöfer über ihr Buch gesprochen und wollte wissen: Was macht Freundschaft so besonders – und woran erkennt man, dass sie auch in schweren Zeiten trägt?
Im Gespräch geht es um Vertrauen, Fürsorge und Loyalität, aber auch um Grenzen, Abschied und das, was bleibt. Und darum, was wirklich hilft, wenn das Leben plötzlich ernst wird.
„Familie haben wir. Freunde wählen wir selbst.“ Wann wussten Sie: Daraus wird ein Buch?
„Ich trug die Idee schon länger mit mir herum und habe auch mit Jantina darüber gesprochen. Wirklich konkret wurde es erst, als sie nach 30 Jahren Freundschaft innerhalb von sechs Wochen starb. Da wusste ich: Ich schreibe dieses Buch – als Hommage. Und ich fand die Form: meine Geschichte, verwoben mit anderen Freundschaften, als Brief/Dialog mit der Verstorbenen.“
Ihre Geschichte mit Jantina ist der Ausgangspunkt des Buches. Was möchten Sie unseren Leser*innen darüber unbedingt mitgeben?
„Jantina war eine außergewöhnliche Frau – mutig, offen und voller Lebensfreude. Ihr Motto lautete: „Niet geschoten is altijd mis“, auf Deutsch etwa: Wer es nicht versucht, hat schon verloren. Sie hat sich immer etwas zugetraut, auch als das Leben ihr schwere Prüfungen gestellt hat – Scheidung, ein behindertes Kind und den frühen Tod ihres Sohnes Rob.
Trotzdem blickte sie nach vorn und versuchte stets, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Dieses Durchhaltevermögen und dieser Optimismus haben mich tief beeindruckt und begleiten mich bis heute.“
Wenn eine Freundin schwer krank ist: Was sind drei Dinge, die man tun kann, die wirklich entlasten – jenseits von „Meld dich, wenn du was brauchst“?
„Da sein. Zuhören. Reden – offen und ehrlich, nichts beschönigen. Jantina starb innerhalb von sechs Wochen an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich war in dieser Zeit jeden Tag bei ihr, manchmal nur kurz. Wir haben zusammen geweint, über alte Zeiten gesprochen und die Lieder gehört, die sie für ihre Trauerfeier ausgesucht hatte. Wir haben den Tatsachen ins Auge gesehen – auch wenn es seltsam war zu wissen, wann alles vorbei ist.
Kurz vor ihrem Tod sprachen wir noch einmal über das Wesentliche: Unabhängigkeit bewahren, nicht klagen und zuversichtlich bleiben. Ihre Botschaft an uns alle: „Schaut zurück mit einem Lächeln – aber lebt im Hier und Jetzt! Die Dinge sind, wie sie sind. Sucht gemeinsam nach dem Machbaren und feiert das Leben.“
Acht wahre Geschichten, viele Orte, viele Lebensmodelle: Was ist der gemeinsame Kern all dieser Freundschaften?
„Freundschaft ist eine andere Form von Liebe. Die Freund*innen in meinem Buch haben sich lieb – und sagen sich das auch regelmäßig. Sie haben das Bedürfnis, den anderen zu schützen, sich vor ihn oder sie zu stellen. Und sie sind nie neidisch. Die Abwesenheit von Neid oder Missgunst ist ebenfalls ein Merkmal echter Freundschaft.
„Schwester der Liebe“ wird sie oft genannt. Weil wir an Freundschaft dieselben Erwartungen und Ansprüche stellen wie an romantische Beziehungen: Verlässlichkeit, Loyalität, Ehrlichkeit, Vertrauen. Auch bei der Freundschaft gilt das Gartenprinzip: „Wer sät, der erntet. Man muss die Liebe schon gut versorgen.“
Worin unterscheidet sich Freundschaft von Partnerschaft – und warum hält sie oft länger?
Freundschaft wird immer erwidert. Unerwiderte Freundschaft gibt es nicht. Die romantische Liebe hingegen kann oft und sogar dauerhaft einseitig sein, Freundschaft nie. Das ist ein Unterschied. Und dann gibt es in der Regel keine gemeinsamen Kinder, kein gemeinsames Konto und keinen gemeinsamen Sex. Das sind alles Bereiche mit vorprogrammierten Konflikten, die eine Freundschaft in der Regel nicht belasten.
Woran merken Sie früh: Mit dieser Person kann eine echte Freundschaft wachsen?
Das ist ein magischer Moment – wie bei der romantischen Liebe auch, das lässt sich nicht vollends rational erklären. Es gibt tatsächlich auch Freundschaft auf den ersten Blick. Oft reicht ein Lachen, eine Geste – und schon springt der Funke über, schon ist da eine große Vertrautheit, und wir wissen: Dieser Mensch tickt wie ich, den würde ich gerne näher kennenlernen.
Es kann natürlich auch sein, dass man sich schon aus Kinderzeiten kennt und zusammenwächst. Dann werden Freund*innen zu Lebensgefährten, die einen besser kennen als fast alle anderen Menschen auf der Welt.
Zwei Freunde tragen ihre an ALS erkrankte Freundin in einem Spezialrollstuhl über die Dolomiten: Was erzählt diese Geschichte über Loyalität und Würde?
Die beiden Freunde selbst sprechen von Nächstenliebe, für sie war es ganz selbstverständlich, das zu tun. Und sie haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diese Bergwanderung möglich zu machen. Das ist auch ein Kennzeichen von Freundschaft:
Freud*innen gelingt es, in scheinbar ausweglosen Situationen das Mögliche im Unmöglichen zu finden. Das schweißt zusammen. So kann Freundschaft so dick werden wie ein Tau, das nicht mehr reißt. Zu einer unbezwingbaren Kraft, der nichts und niemand etwas anhaben kann.
Eine Frau spendet ihrer besten Freundin eine Eizelle: Wo wird Freundschaft zur Familie?
Das ist ein Beispiel für das Mögliche im Unmöglichen: Durch die Eizellspende konnte Veerle doch noch Mutter werden – ihr sehnlichster Wunsch. Aber Familie wurde daraus nicht automatisch: Die beiden Freundinnen mussten bewusst Distanz wahren, damit keine Muttergefühle bei Lien entstanden. Ein Balanceakt zwischen Nähe und Abstand, der ihre Freundschaft am Ende sogar gestärkt hat.
Heute sagt Liens über Veerles Sohn einfach: „Das ist das Kind meiner besten Freundin.“ Freundschaften können zu Wahlfamilien werden – gerade weil klassische Familienmodelle immer seltener sind. Wie eine Protagonistin es auf den Punkt bringt: „Die Männer gehen, die Freundinnen bleiben.“
Einsamkeit wächst, Lebensmodelle ändern sich: Warum wird Freundschaft gerade jetzt so wichtig – besonders für Frauen in der Lebensmitte?
Immer mehr Menschen leben allein oder binden sich erst spät – für viele werden Freundinnen zur Familie. Studien zeigen: Mit einer Freundin an der Seite erscheinen Berge niedriger, Stress und Blutdruck sinken. Es gibt Dinge, die besprechen wir lieber mit unseren Freundinnen als mit dem Partner.
Gerade in schwierigen Momenten sind sie unverzichtbar: Sie helfen uns aus dunklen Löchern heraus, geben Halt und Orientierung. Freundinnen sind vielleicht nicht wichtiger als Familie – aber mindestens genauso wichtig für ein erfülltes Leben.
Zum Mitnehmen: Was ist Ihr bester Tipp, damit Freundschaften im Alltag nicht einschlafen?
Sorgt dafür, dass ihr euch regelmäßig Zeit füreinander nehmt – ob wöchentlich oder monatlich. Gemeinsame Aktivitäten wie ein Sprachkurs, ein Hobby, Kinoabende, Sport oder gegenseitiges Bekochen schaffen feste Ankerpunkte im Alltag. Ein fester Termin hilft dabei, sich nicht aus den Augen zu verlieren, und erspart das ständige Suchen nach passenden Gelegenheiten in ohnehin vollen Kalendern.
Und wer neue Freund*innen sucht: Habt Mut! Sprecht die sympathische Person an, die euch schon länger auffällt – sei es im Kurs oder im Fitnessstudio. Oft spürt man gleich beim ersten Mal eine besondere Vertrautheit. Was hält dich zurück? Trau dich! Niet geschoten is altijd mis!
Die Frau hinter den bewegenden Freundschaftsgeschichten

Kerstin Schweighöfer (*1960) ist Journalistin und Buchautorin. Seit 1992 lebt sie in den Niederlanden, schreibt unter anderem für Deutschlandfunk und ARD und veröffentlichte mehrere Bücher, darunter „100 Jahre Leben“. In ihren Werken verbindet sie persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Themen – immer mit einem besonderen Blick für zwischenmenschliche Beziehungen.
Ihr aktuelles Buch „Freundschaft – Eine andere Form von Liebe“ ist eine berührende Hommage an die Kraft der Freundschaft.
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