Böller-Verbot

Kommentar: Silvester-Feuerwerk – und der Preis, den andere zahlen

Was für die einen Tradition ist, bedeutet für andere Angst und Kontrollverlust. Ein Kommentar darüber, warum Silvester längst keine Privatsache mehr ist.

Golden Retriever mit gelbem Leuchthalsbald schaut ängstlich in die Kamera
Meine Hündin bereits wenige Tage vor Silvester: skeptisch und verängstigt. Foto: privat
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Jedes Jahr wird dieselbe Geschichte erzählt: Silvester-Feuerwerk sei eine Tradition. Ein bisschen Krach, ein bisschen Chaos, einmal im Jahr müsse das eben sein. Wer sich daran störe, solle sich nicht so anstellen, drinnen bleiben oder halt Ohropax benutzen. Freiheit eben.

Diese Erzählung ist bequem. Und sie ist falsch.

Silvester ist längst kein ausgelassenes „Reinrutschen“ mehr. Silvester ist eine kalkulierte Eskalation. Eine, die wir Jahr für Jahr akzeptieren. Obwohl wir wissen, was kommt.

In Städten wie Berlin werden Rettungswagen gezielt in Hinterhalte gelockt. Feuerwehrfahrzeuge stehen unter Beschuss. Polizisten berichten von Raketen, die absichtlich auf Menschen oder in Wohnungsfenster abgefeuert werden. Das ist keine neue Entwicklung, kein Ausrutscher einzelner Chaoten. Das ist seit Jahren dokumentierte Realität. Und trotzdem tun wir jedes Jahr aufs Neue so, als sei all das zwar bedauerlich, aber unvermeidbar.

Gleichzeitig boomt das Geschäft der Pyrotechnik-Branche: Millionen-Umsätze, leere Lager, volle Kassen. Die Rechnung für diese Nacht allerdings zahlen andere. Die Allgemeinheit. Notaufnahmen, die planbar überlastet sind. Chirurgen, die schwere Hand- und Augenverletzungen versorgen sollen. Kommunen, die tonnenweise Müll beseitigen müssen. Polizeieinsätze, die Millionen kosten.

Ab morgen wieder im Supermarkt: Silvester-Feuerwerk
Ab morgen wieder im Supermarkt: Silvester-Feuerwerk. (Symbolfoto) Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Die Branche selbst weist jede Verantwortung zurück. Schuld seien illegale Böller, der Schwarzmarkt, einzelne Täter. Das eigene Produkt sei sicher, heißt es, wenn es „sachgemäß verwendet“ werde.

Dass Verletzungen, Feinstaubbelastung und Tierleid auch mit legalem Feuerwerk auftreten? Offensichtlich nicht der Rede wert. Verantwortung wird konsequent externalisiert, nie übernommen.

Was in der Debatte fast immer kleingeredet wird, sind aber die leisen, langfristigen Folgen. Für Tiere zum Beispiel. Für viele Hunde beginnt der Silvester-Horror nicht am 31. Dezember, sondern schon Wochen vorher.

Auch für meine Hündin.

Golden Retriever mit gelbem Leuchthalsbald schaut ängstlich in die Kamera
Meine Hündin bereits wenige Tage vor Silvester: skeptisch und verängstigt. Foto: privat

Ihr erstes Silvester war kein kurzer Schreck, sondern ein Bruch: Ein Halbstarker fand es lustig, in einer schmalen Nebenstraße um 16 Uhr eine umgekippte Batterie in unsere Richtung zu zünden. Seitdem ist jedes Silvester der blanke Horror. Schon die ersten Knaller im Dezember reichen, und ich halte einen 29-Kilo-Hund zitternd im Arm.

Letztes Silvester saßen besagter Hund, Katze und ich eingeschlossen im Badezimmer auf dem Boden, Tür zu, White-Noise-Sounds an und darauf warten, dass die Nacht endlich vorbei ist. Noch Tage danach ist es ein Kampf, meine Hündin vor die Tür zu bekommen.

Das ist leider Alltag für Millionen Tierhalter. Und es zeigt, wie absurd das Argument der „Privatsache“ geworden ist. Denn wer Feuerwerk zündet, entscheidet eben nicht nur für sich selbst.

Silvester ist der einzige Abend des Jahres, an dem wir als Gesellschaft akzeptieren, dass Gewalt und Eskalation zum Szenario gehören. Dass Rettungskräfte beschossen werden dürfen. Dass mindestens hingenommen werden kann, Unbeteiligte zu verletzen, Tiere zu traumatisieren oder Notaufnahmen unnötig zu überlasten.

Freiheit, die so funktioniert, ist keine.

Sie ist eine Zumutung.