#wunderbarECHTClaudia Neumann im Interview: "Ich habe diese besondere Aufmerksamkeit nie gemocht"

Sie ist eine der bekanntesten Sportreporterinnen Deutschlands und hat 2016 bei der Fußball-EM in Frankreich als erste Frau ein Männerturnier live im deutschen Fernsehen kommentiert. Für Wunderweib.de hat Claudia Neumann Fragen zu ihrer Karriere und ihrer Fußball-Leidenschaft beantwortet und auch dazu, wie sie mit Kritik umgeht.

Zustimmen & weiterlesen
Um diese Story zu erzählen, hat unsere Redaktion ein Video ausgewählt, das an dieser Stelle den Artikel ergänzt.

Für das Abspielen des Videos nutzen wir den JW Player der Firma Longtail Ad Solutions, Inc.. Weitere Informationen zum JW Player findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Bevor wir das Video anzeigen, benötigen wir Deine Einwilligung. Die Einwilligung kannst Du jederzeit widerrufen, z.B. in unserem Datenschutzmanager.

Weitere Informationen dazu in unserer Datenschutzerklärung .

2011 war Claudia Neumann bei der Frauen-Fußball-WM in Deutschland die erste WM-Kommentatorin im deutschen Fernsehen. 2016 war sie bei der Männer-Fußball-EM in Frankreich wiederum die erste Kommentatorin bei einem Männerturnier. 2018 berichtete sie Live-Reporterin bei der Fußball-WM in Russland. Für die zwei Stationen ihrer Karriere, die hier zuletzt genannt wurden, schlug ihr insbesondere in den sozialen Medien 2016 und 2018 sehr viel Kritik entgegen. Das und mehr schildert Claudia Neumann in ihrem Buch "Hat die überhaupt 'ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?", das dieses Jahr erschienen ist.

Wie sie mit Hass-Kommentaren dieser Art umgegangen ist, ob für sie jemals ein anderer Job infrage kam und was sie anderen Frauen rät, die sich in einer typischen Männerdomäne durchsetzen wollen, verrät Claudia Neumann im Interview mit Wunderweib.

 

Claudia Neumann im #wunderbarECHT-Interview

Claudia Neumann im Interview
Sportreporterin Claudia Neumann im Wunderweib-Interview.
Foto: © ZDF_Torsten Silz

Kam für Sie jemals ein anderer Beruf infrage?

Ich denke nicht, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Ich fand das Bild der „rasenden Reporterin“ so faszinierend. Über Fußball zu berichten schien mir als Jugendliche das Non plus Ultra zu sein.

Waren Sie sich der Vorurteile und der Kritik bewusst, als Sie sich für den Beruf der Sportreporterin entschieden haben?

Nein, und die hat es 25 Jahre lang auch nicht gegeben, zumindest nicht in meinem direkten Umfeld. Ich habe mich bei all meinen Stationen absolut gleichberechtigt gefühlt. Das lag vielleicht auch daran, dass ich mit dem Fußball spürbar genauso sozialisiert war wie alle männlichen Kollegen seinerzeit.

Vorurteile und Widerstand gab es erst durch die Exponierung als Live-Kommentatorin großer Männerturniere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Speziell aus der Social Media Blase. Da kamen ein paar zeitgeistliche Umstände zusammen, auf die ich dann allerdings auch einigermaßen vorbereitet war.

Was fasziniert Sie so am Fußball?

Sport insgesamt weckt Emotionen, der Fußball insofern im Speziellen, dass wir als Kinder alle gekickt haben. Also das, was wir bei den Idolen gesehen haben, gleich selbst nachempfinden konnten auf dem Bolzplatz. Das prägt eine, vermutlich lebenslange Leidenschaft.

Wie hat es sich angefühlt, 2016 die erste Frau zu sein, die bei der Fußball-EM ein Männerturnier im deutschen Fernsehen live kommentiert?

Ich habe diese besondere Aufmerksamkeit nie gemocht. Ich war ja zudem Zeitpunkt längst eine gestandene Fußball-Reporterin, und im Grunde in keinster Weise an einer Sonderrolle interessiert. Aber der Gleichberechtigungsgedanke in unserer Gesellschaft hat alle anderen Faktoren überdeckt, sodass diese Diskussionen nicht vermeidbar waren. Die seit einigen Jahren übliche Netz-Hetze hat unser gesellschaftliches Miteinander ziemlich verändert.  

Welcher Augenblick Ihrer bisherigen Karriere wird Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben?

Da gibt's einige Momente für die Ewigkeit, fast immer geknüpft an sportlich emotionale Augenblicke. Natürlich der WM-Titel 2014 im Maracana, aber auch Jan Ullrichs Tour Triumpf 1997 oder diverse Tennis Spiele mit Boris Becker.

Erlebnisse, die auch Reportern/innen unter die Haut gehen und unvergesslich bleiben.

Halten Sie sich noch heute von Social Media weitestgehend fern?

Ja. Ich kämpfe mich durch den Spagat mich journalistisch zu informieren, ohne angewidert aufzugeben.

Aber um das deutlich zu sagen: Es gibt so viele Möglichkeiten eines intelligenten Umgangs mit den sozialen Netzwerken, dass ich mich tatsächlich wundere, warum doch noch so viele so unterirdisch unterwegs sind. Welchen Mehrwert gibt dieses permanente Pöbeln gegen alles und jeden? Diese Frage hätte ich tatsächlich gerne mal beantwortet.

Wie schaffen Sie es solche Hass-Kommentare aus dem Netz, wie Sie sie vor allem 2016 und 2018 erlebt haben, nicht an sich heranzulassen?

Ich versuche es einfach richtig einzuordnen, nämlich als gesellschaftliches Phänomen und eben nicht als persönliche Angelegenheit.

Was ist Ihr Rat für Frauen, die sich ebenfalls aufgrund Ihres Berufes mit derartig sexistischer Kritik konfrontiert sehen?

Wichtig ist eine gute berufliche Begleitung, also ein Chef, auf dessen Unterstützung man sich verlassen kann. Außerdem sind wir alle in unserer Solidarität gefragt. Wir müssen Hetzern aller Art das Wasser abgraben.

Und welchen Rat haben Sie für Frauen, die sich beruflich in einer typischen Männerdomäne durchsetzen möchten?

Gute Vorbereitung, optimale Ausbildung und viel positive Energie mitbringen.

Was ist Ihrer Meinung der Grund dafür, dass Frauenfußball sich noch immer mit mangelnder Akzeptanz herumschlägt? Was müsste sich ändern, um dem entgegenzuwirken?

Frauenfußball oder Frauen im Fußball? Grundsätzlich empfinde ich den Frauenfußball schon akzeptiert, auch wenn sich nicht jeder dafür begeistern kann.  Das muss auch nicht so sein, nicht jeder steht auf jede Sportart.

Fußball spielende Mädchen in den Vereinen sind keine Exotinnen mehr. Aber der Alltag der Frauen-Bundesliga müsste nicht so trist sein, wie er es derzeit ist. Da ist noch viel Luft bezüglich Vermarktung und Organisation.

 

Noch mehr zu ihrem Werdegang, ihrer Sicht auf die Ereignisse 2016 und 2018 und ihre Liebe zum Sport, lässt sich in Claudia Neumanns Buch "Hat die überhaupt 'ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?" (HarperCollins, ca. 16 Euro) nachlesen.

Claudia Neumann: "Hat die überhaupt 'ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?"
Claudia Neumanns erstes Buch gibt Einblick in eine jahrzehntelange Karriere in einer Männerdomäne.
Foto: @HarperCollinsGermany

Zum Weiterlesen:

Kategorien: