Boris Becker und seine 5 Kinder

Patchwork-Familie – so kann sie funktionieren

Boris Becker schwärmt von seiner neuen Familie – und träumt vom Patchwork-Glück. Doch wie kann das funktionieren? Psychologin Felicitas Heyne gibt Tipps

Boris Becker guckt überrascht
Boris Becker (58) träumt von Weihnachten mit allen Kindern Foto: Tristar Media/Getty Images
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Fünf Kinder von vier Frauen – und eine Hoffnung: Weihnachten möchte Boris Becker (58) mit all seinen Kids feiern. Im Sky-Interview gab er zu: „Dass das ein Wunsch ist, steht außer Frage! Aber da gehören immer mehr dazu als meine Wenigkeit. Da müssen in dem Fall die Mütter mitspielen. Bei mir sind die Türen auf, das ist klar!“ Das zeigt: Auch bei dem Ex-Wimbledon-Sieger ist Patchwork kein väterliches Wunschkonzert...

Patchwork heißt: Zeit, Arbeit und Geduld

Denn mit seiner Situation ist der 58-Jährige nicht allein. In Deutschland leben zwischen 7 bis 13 Prozent der Familien als Patchworkfamilie, schätzen Experten. Tendenz: steigend. Doch woher kommt eigentlich der Begriff? Die Antwort ist im ersten Moment nicht sehr charmant: Patchwork kommt aus dem Englischen und wird für einen Flickenteppich genutzt.  „Ich denke bei dem Begriff auch zuerst an einen Quilt“, sagt Psychologin Felicitas Heyne. „Es steckt unglaublich viel Arbeit drin, aber wenn er fertig ist, dann ist er wunderschön.“

Und damit beschreibt die Expertin auch schon die Grundlagen einer Patchwork-Familie: viel Arbeit, Zeit und Geduld – dann kann es funktionieren. „Ganz wichtig ist, dass Erwachsene sich wie Erwachsene benehmen und nicht wie eingeschnappte Teenager“, so die Psychologin. Klingt einfach, ist aber oftmals das Schwierigste. „Bei einer Trennung entstehen Kränkungen. Und die können sehr tief sitzen“, weiß Felicitas Heyne. „Dann kostet es Kraft, diese Enttäuschungen, den Ärger und alles, was noch dazu kommt, zur Seite zu schieben.“

Ohne klare Regeln funktioniert Patchwork nicht

Was dann hilft? „Machen sie sich klar, dass sie sich zwar von ihrem Partner oder ihrer Partnerin trennen können. Aber Eltern bleiben trotzdem beide Seiten. Davon können sie sich nicht trennen. Und gleichzeitig haben ihre Kinder auch beide Elternteile verdient. Und sie haben das absolute Rechte beide Eltern zu lieben.“ Wer das schafft, hat schon mal den ersten Schritt geschafft.  Und kann den nächsten gehen...

Frau hat Geschenk in der Hand
Weihnachten bedeutet für Patchwork-Familien gute Planung - und klare Absprachen Foto: Wunderweib Designvorlage mit privatem Foto.

Dazu gehört: Damit eine Patchwork-Familie zum Patchwork-Glück wird, sollten klare Regeln abgesprochen werden. „Eine der Grundregeln ist Verlässlichkeit – auf beiden Seiten“, so die Psychologin. „Also Absprachen, zum Beispiel zur Übergabe der Kinder, müssen eingehalten werden – und nicht fünf Minuten vorher abgesagt werden.“ Und: „Der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin darf nicht vor den Kindern abgewertet werden. Das ist ein No-Go im Pachwork-Leben.“ Dazu gehören aber auch Nachfragen bei den Kindern, zum Beispiel über den neuen Partner oder die neue Partnerin. „Die Kinder haben ihre Eltern, zu denen sie parallel loyal sind. Das müssen die Eltern akzeptieren.“

Im Mittelpunkt stehen die Kinder!

Und die Arbeit geht weiter. Denn der Begriff Patchwork verrät es schon. Schließlich ist das Wort Work, also Arbeit enthalten. „Patchwork bedeutet mehr Arbeit. Vor allem erst einmal viel Erklärungsarbeit – miteinander und mit den Kindern. Dazu kommt auch, dass jahrelange Traditionen wegfallen und neu erfunden werden müssen. Vorher war zum Beispiel klar, wie die Weihnachtstage verbracht werden. Jetzt muss ein neuer Weg gefunden werden.“

Der Mittelpunkt steht dabei fest: die Kinder! „Und sie brauchen vor allem eins: Zeit“, so die Psychologin. „Die Eltern haben ja vor dem Schlussstrich viele Gedanken zum Thema Trennung gehabt. Die Kinder steigen also später ein und müssen sich erst einmal an die neue Situation gewöhnen.“ Taucht später ein neuer Parther oder eine neue Partnerin auf, bedeutet das für die Kinder oft Unsicherheit. „Wichtig ist dann, dass sich das Kind auf seinem Platz sicher ist. Dass es keine Angst bekommt, es wird jetzt auch ausgetauscht oder ist nicht mehr so wichtig.“

Auch Bonus-Eltern können Grenzen setzen

Dazu gehört auch, so die Psychologin, dass die „alte Familie“ nicht plötzlich verschwindet. „Die Familiengeschichte sollte nicht verleugnet werden. Natürlich müssen nicht alle alten Familienfotos stehenbleiben. Aber die, die nach der Trennung noch da sind, sollten auch dann noch da sein, wenn neue Partner in die Familie kommen.“

Dabei gibt es für den ersten Schritt zum neuen Patchwork-Glück keine Anleitung. Schon das Kennenlernen kann unkompliziert sein – oder ein emotionaler Super-GAU. „Auch hier gilt für die Eltern: Stellen sie ihre eigenen Bedürfnisse erst einmal zurück. Natürlich wünscht sie jeder, dass die Kinder den neuen Partner oder die neue Partnerin liebhaben. Aber erwarten Sie es nicht. Denn die Kinder müssen die ‚Neuen‘ nicht sofort mögen.“ Das gilt auch für die neue Partnerin oder den Partner. „Wer vom perfekten Start träumt, wird meist enttäuscht. Eine Patchwork-Familie wächst zusammen. Und wachsen braucht Zeit. Das heißt: Man muss auch als Neuer oder Neue viel Kraft haben.“ Und wer erzieht eigentlich die Kinder? „Ganz klar: Die leiblichen Eltern! Die Bonus-Eltern können Grenzen setzen. Aber sie sollten auf keinen Fall die Erziehung von Vater oder Mutter unterlaufen.“

Stiefeltern sind negativ besetzt...

Oftmals bekommen die Kinder auch Stief-Geschwister. Ist es dann ein Vorteil, wenn die Kinder – wie bei Boris Becker – einen großen Altersunterschied haben?  Immerhin sind seine Kinder aus seiner ersten Ehe, Noah und Elias, bereits 31 und 26 Jahre alt. Tochter Anna ist 25. Und Amadeus, aus seiner zweiten Ehe, ist auch bereits 15 Jahre alt. „Ein großer Altersunterschied kann helfen, weil zum Beispiel der Streit um Aufmerksamkeit entfällt. Für die großen Kinder ist das Nesthäkchen dann ein Geschwisterchen, dass sie gerne verwöhnen und auf das sie stolz sind. Andererseits bekommt das Kind, das bin dahin Nesthäkchen war, plötzlich eine neue Rolle. Da müssen die Eltern darauf achten, dass es die Aufmerksamkeit nicht verliert.“

Psychologin Felicitas Heyne lächelt in die Kamera
Psychologin Felicitas Heyne weiß, wie Patchwork funktionieren kann. Foto: Heyne.com

In Deutschland sprechen wir von Stiefeltern und -geschwister, in Skandinavien sind es Bonusfamilien. Diesen Begriff nutzt auch Felicitas Heyne: „Der Begriff Stiefeltern ist bei uns negativ besetzt. Schon die Gebrüder Grimm erzählen in ihren Märchen von der bösen Stiefmutter. Bonuseltern zeigen, dass da eine zusätzliche, wertvolle Bezugsperson dazu kommt, die eine Bereicherung ist – aber eben kein Ersatz und auch keine zweite Wahl.“

Bei Hochrisiko-Patchwork kann Mediation helfen

Bleibt die Frage: Was tun, wenn das Miteinander zwischen den leiblichen Eltern schwierig ist? „Ich empfehle Eltern dann, sich ihren ehemaligen Partner oder die ehemalige Partnerin als Arbeitskollegen vorzustellen. Man mag diese Person vielleicht nicht, aber das gemeinsame ‚Projekt‘, also das Kind, ist wichtig. Und dafür lohnt es sich auf jeden Fall zusammenzuarbeiten.“ Und wenn Gespräche schwierig sind? „Wenn im Gespräch schnell Emotionen hochkochen, dann kann man am Anfang alles schriftlich klären. Dadurch hat jeder die Zeit, die er braucht, um ruhig darzulegen, was sie oder er möchte.“

Und wenn das Ex-Paar sich trotzdem nur streitet? „Dann ist es ein Hochrisiko-Patchwork“, so Felicitas. Heyne. „Aber auch hier gilt: Es geht ums Kind. Deshalb sollten sich Paare in so einer Situation Hilfe von außen holen, zum Beispiel durch eine Mediation oder eine Erziehungsberatungsstelle. Denn egal, wie schlimm der Streit ist: Mit der Zeit heilen die Wunden und es wird ruhiger.“ Wer es nicht glauben mag: Dass das stimmt, hat auch Boris Becker vorgemacht. Mit seiner ersten Frau Barbara lieferte er sich zuerst eine öffentliche Scheidungs-Schlammlacht. Heute wohnen beide der Liebe wegen in Mailand. Und verstehen sich bestens... 

Quellen

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