Probefahrt mit Nebenwirkungen
Paula wollte nur einen Wagen verkaufen, Naveen nur seinen Kaffee genießen – doch dann geraten die beiden gefährlich nah aneinander. Und plötzlich wird aus einer harmlosen Probefahrt eine Begegnung, bei der nicht nur der Motor heißläuft.
Paula konnte ziemlich genau sagen, wann ein Auto sie anlog.
Der Lack konnte glänzen, der Motor schnurren, die Sitze konnten nach Leder duften – wenn irgendwo etwas nicht stimmte, bemerkte sie es. Seit zwölf Jahren verkaufte sie Autos und hatte dabei gelernt, Menschen ebenso gut zu lesen wie Fahrzeuge.
Naveen hingegen konnte einen Menschen offenbar dazu bringen, freiwillig über seine Gefühle zu reden, ohne eine einzige unangenehme Frage zu stellen.
Das war vermutlich der Grund, warum Paula ihn zunächst nicht ausstehen konnte.
„Hafermilch-Cappuccino?“, fragte er an ihrem ersten Morgen in seinem Café.
Paula sah von ihrem Handy auf. „Woher wissen Sie das?“
„Sie bestellen seit drei Wochen dasselbe.“
„Das klingt erschreckend aufmerksam.“
„Ich betreibe ein Café. Aufmerksamkeit ist Teil der Stellenbeschreibung.“
Sie musterte ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg. Naveen war Anfang vierzig, trug meistens ein schwarzes T-Shirt und eine Schürze, die aussah, als hätte sie schon bessere Tage erlebt. Sein dunkles Haar war selten wirklich ordentlich, und wenn er lachte, bildeten sich kleine Fältchen neben seinen Augen.
Paula fand das ärgerlich sympathisch.
„Und wenn ich heute etwas anderes möchte?“
„Dann werde ich professionell damit umgehen.“
„Also?“
Er lächelte. „Ich werde Sie innerlich für Ihren schlechten Geschmack bemitleiden.“
Sie lachte, obwohl sie es nicht wollte.
Das war der Anfang.
Nicht romantisch. Nicht spektakulär. Einfach ein Kaffee, ein frecher Kommentar und die Erkenntnis, dass jemand ihren Namen inzwischen kannte, obwohl sie ihn ihm nie genannt hatte.
Ein Platz neben dir
In den folgenden Wochen wurde das Café zu Paulas zweitem Wohnzimmer.
Sie kam vor der Arbeit. Nach der Arbeit. Manchmal auch dazwischen, wenn ein Kunde sie mit einem völlig absurden Wunsch nach einem „sportlichen SUV mit dem Verbrauch eines Kleinwagens“ zur Verzweiflung gebracht hatte.
Naveen hörte sich ihre Geschichten an, während er Tassen spülte.
Er wusste inzwischen, dass Paula beruflich leidenschaftlich war. Dass sie Autos nicht verkaufte, sondern Menschen dabei half, etwas zu finden, das zu ihrem Leben passte. Dass sie es liebte, wenn eine Kundin nach einer Probefahrt plötzlich strahlte und sagte: Genau der ist es.
Er wusste auch, dass Paula schlecht darin war, über sich selbst zu sprechen.
Das bemerkte sie an einem regnerischen Donnerstagabend.
Sie saß allein an einem Tisch, vor sich einen inzwischen kalten Kaffee. Naveen stellte wortlos einen frischen hin.
„Du wirst irgendwann noch reich an meinem Kaffeekonsum.“
„Ich bin bereits reich.“
Sie hob eine Augenbraue.
„An Stammkundinnen“, ergänzte er.
Paula lächelte. „Charmant.“
„Ich übe.“
Sie sah ihn an. Diesmal länger.
Etwas hatte sich verändert.
Vielleicht war es die Art, wie sein Blick manchmal einen Moment zu lange auf ihr ruhte. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie inzwischen wusste, wie sein Lachen klang, wenn er wirklich überrascht war. Oder dass er immer dann still wurde, wenn sie etwas Persönliches erzählte.
„Du bist ein ziemlich guter Zuhörer“, sagte sie.
„Und du bist ziemlich schlecht darin, dich zu öffnen.“
Der Satz traf.
Nicht unangenehm. Eher genau dort, wo eine Wahrheit sitzt, die man selbst gern übersieht.
Paula legte die Finger um ihre Tasse.
„Vielleicht brauche ich einfach das richtige Gegenüber.“
Naveen sah sie an.
„Vielleicht.“
Keiner von beiden sagte mehr etwas.
Die Probefahrt
Ein paar Tage später stand ein dunkelgrünes Cabriolet auf dem Hof des Autohauses. Paula liebte es sofort.
Naveen offenbar auch.
Er war gekommen, um ein Auto für seinen Lieferdienst zu besichtigen, hatte sich dann aber von Paula zu einer Probefahrt überreden lassen.
„Du weißt, dass ich gerade nur wegen des Autos hier bin?“, sagte er, als sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm.
„Natürlich.“
„Und dass du nicht versuchen wirst, mich mit deinem Charme zu einem Kauf zu überreden?“
Naveen startete den Motor.
„Naveen, ich habe gar keinen Charme nötig. Ich habe gute Produkte.“
Er lachte.
Sie fuhren hinaus aus der Stadt. Die Straße schlängelte sich durch Felder, der Septemberwind war warm, und irgendwann hielten sie an einem Aussichtspunkt.
Naveen stellte den Motor ab.
Plötzlich war es still.
Zu still.
Naveen sah hinaus auf die Landschaft. „Schön hier.“
„Ja.“
Aber Paula sah nicht hinaus.
Sie sah ihn an.
Er drehte den Kopf und begegnete ihrem Blick.
Da war es wieder. Dieses leise Ziehen, das sie seit Wochen ignorierte.
„Paula.“
Ihr Name klang aus seinem Mund anders.
Weicher.
„Hm?“
„Wenn ich dich jetzt küsse, wird das unsere Probefahrt ziemlich kompliziert machen.“
Ihr Herz schlug schneller.
Sie lächelte.
„Dann sollten wir wohl herausfinden, ob du ein guter Küsser bist.“
Er bewegte sich erst, als sie leicht nickte.
Der Kuss war vorsichtig.
Fast fragend.
Paula schloss die Augen und legte eine Hand an seine Wange. Seine Haut war warm, seine Finger fanden ihre Taille. Als sich ihre Lippen erneut trafen, war die Zurückhaltung verschwunden.
Sie küssten sich länger, inniger.
Draußen rauschte der Wind durch die Bäume. Im Wagen roch es nach Leder, Sonne und einem Hauch von Naveens Kaffee.
Paula spürte seine Hand an ihrem Rücken.
Er zog sie näher, hielt aber inne.
„Alles gut?“
Sie öffnete die Augen.
„Mehr als gut.“
Er küsste sie wieder.
Diesmal war es Paula, die den Abstand zwischen ihnen vollständig verschwinden ließ. Ihre Finger glitten durch sein Haar, sein Lachen ging beinahe in einem Kuss unter.
„Du hast übrigens gerade einen wichtigen Verkaufsgrundsatz verletzt“, murmelte sie.
„Welchen?“
„Man soll sich während einer Probefahrt nicht ablenken lassen.“
„Dann machen wir eben eine Pause.“
Sie lachte leise.
Und dann küsste sie ihn wieder.
Die Welt außerhalb des Autos verlor ihre Bedeutung.
Seine Stirn ruhte schließlich an ihrer. Beide atmeten schneller.
Paula strich mit dem Daumen über seine Wange.
„Das hier“, sagte sie leise, „ist gefährlich.“
„Warum?“
„Weil ich dich inzwischen wirklich mag.“
Sein Blick wurde ernst.
„Gut.“
„Gut?“
„Ich hatte schon Angst, ich müsste weiterhin jeden Morgen so tun, als wäre dein Cappuccino das Interessanteste an dir.“
Sie lachte, lehnte ihre Stirn gegen seine und küsste ihn noch einmal.
Paula zögerte nicht und kletterte über die Handbremse auf Naveens Schoß. Sie wollte ihm nah sein, sie brauchte seine Nähe, Bestätigung… Und sie fühlte an der Art, wie er sofort nach ihr griff und sie mit den Armen umschlang, dass es ihm genauso ging.
Im Auto war es wohlig warm und sie fühlten sich, als seien sie in einem Kokon, geborgen und sicher, in ihrer eigenen Welt. Paula löste sich von Naveen und begann, sich langsam auszuziehen.
„Was tust du?“, fragte Naveen mit einem Lachen. „Müssen wir nicht zurück?“ Paula antwortete nicht, sondern legte den Zeigefinger auf seinen Mund, nur um ihn Sekunden später mit ihren Lippen zu ersetzen. Sie küsste ihn gierig, wie eine Ertrinkende und auch seine Bewegungen waren ungestüm und unkontrolliert. Sie konnte spüren, wie seine Erregung wuchs und begann sich an ihm zu reiben. Sie nahm seine Hände und legte sie um ihr Gesäß, was er als Aufforderung verstand und so dirigierte er ihre Bewegungen, bis sie schließlich aufkeuchte und von einem Orgasmus erschüttert wurde.
Naveen küsste ihr Gesicht und strich sanft über ihren Rücken, während sie zu Atem kam und ihm schließlich in die Augen sah.
„Wünsch dir was“, flüsterte sie. „Ich bin wunschlos glücklich“, antwortete er mit belegter Stimme.
Sie küsste ihn zur Antwort und griff nach seinem Hosenbund. Sie fühlte, dass zumindest ein Teil seines Körpers durchaus noch auf die Erfüllung eines Wunsches wartete und sie griff danach und begann, ihn sanft zu massieren. Er stöhnte und warf den Kopf zurück – mit geschlossenen Augen genoss er ihre Liebkosungen. Als er kurz vor dem Höhepunkt war, stoppte sie und ließ sich auf ihn gleiten. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen, warf den Kopf zurück und ritt ihn mit wilden Bewegungen, die ihn vollkommen faszinierten. Und doch griff er nach ihren Hüften und bremste sie, zwang sie zu einem langsamen, kreisenden Rhythmus. Sie sahen sich in die Augen und küssten sich genussvoll, während sie gemeinsam den Gipfel ihrer Lust erklommen.
Was bleibt
Als sie später wieder im Auto saßen, war der Himmel bereits dunkler geworden.
Paula hatte ihre Schuhe ausgezogen und die Beine auf dem Sitz untergeschlagen. Naveen hielt ihre Hand.
Keiner von beiden schien es eilig zu haben.
„Ich glaube“, sagte Paula, „das war die ungewöhnlichste Probefahrt meines Lebens.“
„Und? Kaufempfehlung?“
Sie sah ihn an.
„Unbedingt.“
Er grinste.
„Mit Garantie?“
Paula rückte näher.
„Die müssen wir noch aushandeln.“
Sie küsste ihn.
Diesmal war es ruhig. Kein Sturm mehr, sondern etwas Wärmeres.
Etwas, das bleiben konnte.
Ein neuer Alltag
Drei Monate später stand Naveen jeden Samstagmorgen im Autohaus und brachte Paula Kaffee.
Nicht irgendeinen.
Hafermilch-Cappuccino.
Paula behauptete weiterhin, dass sie ihn ausschließlich wegen des Kaffees heiraten würde.
Naveen behauptete, das sei in Ordnung, solange sie vorher einen Ehevertrag mit einer großzügigen Kaffeeklausel aufsetzte.
Am Sonntagmorgen saßen sie oft in seinem Café, bevor die ersten Gäste kamen. Paula arbeitete an ihren Verkaufsunterlagen, Naveen bereitete Gebäck vor. Manchmal berührten sich ihre Hände über dem Tisch.
Manchmal küssten sie sich einfach.
Und manchmal sah Paula ihn an und dachte daran, wie wenig sie gesucht hatte, als sie ihn gefunden hatte.
Sie hatte keinen perfekten Mann gebraucht.
Kein perfektes Leben.
Nur jemanden, bei dem sie nicht kleiner werden musste.
Naveen brauchte keine Frau, die sich in sein Leben einfügte.
Er wollte Paula genau so, wie sie war: eigenwillig, leidenschaftlich, manchmal stur und mit einer Schwäche für schnelle Autos und schlechten Humor.









