„So eine heuchlerische Zeit, in der wir leben“: Tom Gerhardt sauer über „woke“ Gottschalk-Kritik
Ein Interview über aktuelle Kritk an Thomas Gottschalk bringt Tom Gerhardt selbst in Erklärungsnot.
Eigentlich sollte es im Video-Podcast „Hafenbar“ nur um eine harmlose Frage gehen: Ob Komiker Tom Gerhardt (68) nach seinem Auftritt bei „Wetten, dass..?“ vor fast 40 Jahren berühmter wurde als zuvor. Journalistin Nicoletta Knust bekam darauf jedoch eine Antwort, die weit über das eigentliche Thema hinausging.
Vom eigenen Auftritt zur Generalabrechnung
Statt bei seiner eigenen TV-Geschichte zu bleiben, wandte sich Gerhardt plötzlich den aktuellen Vorwürfen gegen Thomas Gottschalk (76) zu, die im Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ thematisiert werden. Darin schildern bekannte Frauen aus der Unterhaltungsbranche – darunter Hella von Sinnen und Esther Schweins – ihre Erfahrungen mit sexistischen Kommentaren und unangemessenen Berührungen bei TV-Auftritten in den 90er- und 2000er-Jahren.
„Dass sie sich jetzt entblöden, den armen Thomas Gottschalk in den Dreck zu ziehen, nur weil er mal einer Frau an die Schulter gefasst hat, ist so lächerlich“, echauffierte sich Gerhardt. Auf kritische Nachfragen reagierte er zunehmend gereizt und zeigte demnach sogar den Mittelfinger in Richtung der Moderatorin.
„Eine riesige Heuchelei“
Besonders deutlich wurde Gerhardt bei der Frage, warum die betroffenen Frauen sich erst Jahrzehnte später äußern. „Wenn ihr doch so starke Frauen seid, warum wart ihr denn nicht damals stark?“, fragte er provokant und sprach von einer „verklemmten Scheiße“ sowie einer „riesigen Heuchelei“. Diese Formulierung lässt jedoch außer Acht, dass die Machtverhältnisse in der Branche vor 30 Jahren gänzlich anders lagen: Frauen hatten damals kaum eine Plattform, um Kritik zu äußern, geschweige denn gehört zu werden, da nahezu ausschließlich Männer die entscheidenden Positionen besetzten.
Um seine Position zu untermauern, griff Gerhardt zu drastischen internationalen Vergleichen. Er verwies auf Frauen in Afghanistan, die öffentlich ausgepeitscht würden, sowie auf drakonische Strafen im Iran bei vermeintlichen Vergehen. Solche Schicksale gehörten seiner Ansicht nach auf die Titelseiten der Medien – im Vergleich dazu erscheine ihm die Aufregung um Gottschalk geradezu absurd.
Ob ein solcher Vergleich tatsächlich trägt, bleibt fraglich: Dass Frauen in autoritären Regimen unter deutlich schwererer Unterdrückung leiden, macht die Erfahrungen von Frauen in der deutschen Medienbranche nicht automatisch bedeutungslos – beide Problemfelder existieren unabhängig voneinander.
Auch mit Blick auf sein eigenes komödiantisches Werk zeigte sich Gerhardt wenig einsichtig. Er kündigte an, sich von „moralinsauren Heuchlern“ nichts vorschreiben zu lassen, und stellte klar, dass er seine teils Jahrzehnte alten Figuren und Gags nicht überarbeiten werde. Andere Personen aus jener Zeit seien ohnehin deutlich aufdringlicher gewesen als Gottschalk, so der Komiker weiter.
Gerade diese Weigerung, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, wirft jedoch ein bezeichnendes Licht auf seine gesamte Argumentation. Wer anderen Heuchelei vorwirft, ohne selbst bereit zu sein, das eigene Werk kritisch zu hinterfragen, macht sich womöglich genau jenes Vorwurfs schuldig, den er den vermeintlich „Woken“ macht.













