#wunderbarECHTSophia Flörsch im Interview: "Die Formel 1 ist bereit für eine Frau"

Nach ihrem schweren Unfall im November 2018 ist Sophia Flörsch nun zurück auf der Rennstrecke. Wir haben mit ihr über ihr Comeback, mögliche Ängste und ihre Ziele für die Zukunft gesprochen.

Rennfahrerin Sophia Flörsch im Interview
Nach ihrem Unfall im November 2018 meldet sich Sophia Flörsch jetzt zurück.
Foto: PR Under Armour

Schon im Alter von gerade einmal vier Jahren war Sophia Flörsch auf der Rennstrecke zuhause. Bis 2014 war sie im Kartsport unterwegs. 2016 wechselte die heute 18-jährige Fahrerin in die Formel 4 und konnte hier 2017 auf dem Sachsenring als erste Frau überhaupt den vierten Platz belegen. Seit Mitte 2018 tritt Sophia in der europäischen Formel-3-Meisterschaft für das Team Van Amersfoort Racing an. 

Yusra Mardini: "Beim Schwimmen fühle ich mich sicher"

Der Karriereaufstieg der jungen Rennfahrerin wurde jedoch im November 2018 vorübergehend unterbrochen. Am 18. November 2018 trat Sophia Flörsch beim Grand Prix in Macao an. Dort ereignete sich ein schwerer Unfall. Sophia erlitt eine Wirbelsäulenfraktur und musste infolgedessen elf Stunden operiert werden. Sie hatte jedoch großes Glück und hatte nach dem Unfall keinerlei Lähmungserscheinungen. Bei dem Vorfall wurden außerdem noch Rennfahrer Shou Tsuboi, ein Marshal und zwei Fotografen verletzt.

Vor wenigen Wochen hat die 18-Jährige ihr Comeback nach dem Unfall in Macao gestartet. Mitte März saß sie in Monza zum ersten Mal wieder in einem Rennwagen.

Im Interview haben wir mit Sophia unter anderem über ihr großes Ziel, die Formel 1, gesprochen und darüber, ob sie nach ihrem Unfall Angst hat. 

Dieser Artikel ist Teil von #wunderbarECHT, eine Aktion für mehr Authentizität im Netz. Sei dabei!

 

Sophia Flörsch im Wunderweib-Interview

Liebe Sophia, wie fühlt es sich für dich an, wieder auf Strecke zu sein?

Mega. Ich hatte vor drei bis vier Wochen meinen ersten Test in Italien und viele Leute haben daran gezweifelt, ob ich das Ganze auch mental wegstecken kann. Doch ich bin rausgefahren, hatte nur Tränen in den Augen, hatte Gänsehaut und ein breites Grinsen im Gesicht, weil ich so glücklich war. Es ist wirklich so, dass man erst weiß, wie sehr man etwas liebt, wenn man kurz davor ist, es zu verlieren. Jetzt genieße ich jeden Moment. Es geht nun darum, so viel zu fahren wie möglich. Ich habe nächste Woche mein erstes Rennen. Das ist noch was ganz anderes. Das ist was total Cooles.

Denkst du denn jetzt gar nicht mehr an Unfall? Blockiert dich das nicht?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin überglücklich, dass ich noch alles von dem Unfall weiß. Ich war immer bei Bewusstsein, kann mich an jede Sekunde erinnern und ich glaube, dass das super positiv ist und dass es mir dabei geholfen hat, mit dem Unfall so schnell wie möglich abzuschließen. Ich meine, der Unfall war wirklich sehr schlimm, aber ich kann alles wieder machen. Ich sitze wieder im Auto und deswegen habe ich keine Zweifel. 

Du bist also auch in keinster Weise eingeschränkt?

Nein, es ist alles gut.

Wie sieht denn dein aktueller Trainingsablauf aus? 

Im Moment konzentriere ich mich schon noch mehr auf Krafttraining und dabei vor allem auf meinen Nacken. Ich durfte diesen ja erst ab Ende Januar wieder anfangen zu trainieren und seitdem ist das eigentlich mein Hauptthema, da bei uns schon ziemlich viele Gegenkräfte wirken. Anderes Training wird jetzt nicht vernachlässigt, aber auf Krafttraining liegt im Moment das Hauptaugenmerk. 

Wie ist es denn für deine Mitmenschen? Ist da jemand zögerlich, wenn du jetzt sagst "Ich mache auf jeden Fall weiter"?

Ich glaube, für alle aus meiner Familie war es nicht so leicht, den Unfall mitzuerleben, weil das Video des Unfalls wirklich sehr schlimm aussieht. Aber alle Leute, die mich länger kennen, mich gut kennen, wissen, dass ich mich davon nicht unterkriegen lasse und dass sie mich auch mit vielen verschiedenen Ansätzen nicht davon überzeugen können aufzuhören. Deswegen hat es auch niemand versucht und das ist auch gut so (lacht). 

Was hat dir besonders dabei geholfen, deinen Unfall zu verarbeiten?

Natürlich auf der einen Seite, dass ich vom Unfall noch alles weiß. Auf der anderen Seite war es, glaube ich, noch ganz positiv, dass ich vor meiner OP nicht wusste, wie knapp es wirklich war. Das haben mir die Ärzte gar nicht gesagt. Der Unfall war am Sonntag und die OP am Montag und es war alles relativ kurz vor knapp, weil ich mir auch mein Rückenmark zu 50 Prozent gequetscht hatte. Das wusste ich aber alles gar nicht.

Dann war es gut, dass ich echt schnell wieder zurück war. Das Training war zwar hart, weil du wieder bei Null anfängst, aber das Team um mich herum hat weiterhin an mich geglaubt, Under Armour hat weiterhin an mich geglaubt. Meine Sponsoren haben gesagt "'Wir unterstützen dich weiterhin, wenn du weitermachen willst'. Und das war eine Extra-Motivation zu sagen: "Ja, ich komme zurück."

Was hast du dir jetzt vorgenommen? Welche Ziele stehen als nächstes an?

Auf jeden Fall möchte ich Erfolg haben. Ich meine, dies ist jetzt mein zweites Jahr in der Formel 3. Und wie wir letztes Jahr in Macao aufgehört haben - wir waren wirklich schnell an dem Wochenende - werden wir jetzt auch weitermachen. Die Herausforderung wird nur sein, dass es noch einmal ein komplett neues Auto ist, aber an sich denke ich, sind wir ganz gut aufgestellt. Es geht wirklich um die Wurst dieses Jahr.

Dein großes Ziel ist es, Formel-1-Fahrerin zu werden. Hast du da einen Zeitplan?

Ich glaube, als ich zehn war, habe ich mal gesagt, ich werde 2019 in der Formel 1 fahren. Das hat sich jetzt alles ein bisschen geändert, aber es ist einfach so schwer, das einzuschätzen. Ich meine, natürlich habe ich einen groben Plan. So in drei oder vier Jahren wäre es ideal, aber es ändert sich jedes Jahr wieder etwas, auch vom Reglement her. Deswegen kann man das so genau gar nicht planen. Jetzt bin ich in der Formel 3, die Formel 2 ist noch dazwischen. Dafür muss man eigentlich zwei Jahre rechnen. Aber ja, in drei, vier, fünf Jahren wäre es schön.

Ja, auf jeden Fall wäre es schön. Wenn man sich nun einmal ins Gedächtnis ruft, dass es 27 Jahre her ist, dass überhaupt eine Frau in der Formel 1 gefahren ist. 

Ja, das ist wirklich krass. Und die Frau war auch nicht relativ erfolgreich. Aber das Problem ist einfach, dass man heutzutage gar nicht mit damals vergleichen kann. Wenn man jetzt an Susie Wolff denkt, die vor fünf, sechs Jahren Testfahrerin für Williams war, auch das waren noch andere Zeiten. Man muss wirklich sagen, dass sich viel in Bezug auf die Frauenrolle ändert, auch in unserem Sport, und dass die Formel 1 jetzt, heute bereit ist für eine Frau. Das war sie vor fünf, sechs Jahren noch nicht. 

Fühlst du dich in einem von Männern nach wie vor dominierten Sport wohl und akzeptiert?

Ja, auf jeden Fall. Ich meine, es ist wirklich wie eine Familie. Man kennt sich schon so viele Jahre, auch wir Fahrer untereinander. Es ist schon so, dass du dich natürlich durchsetzen musst, vielleicht auch mehr als mancher Junge, um vom Team respektiert zu werden. Aber sobald die dich kennen und sobal die wissen, dass du schnell bist und genauso schnell wie ein Junge, ist alles okay. Es ist dann eher noch schwierig, Sponsoren zu finden und Leute, die an dich glauben. Da es halt doch noch dieses Vorurteil gibt, dass Frauen nicht Autofahren können. Ich meine, es gab eben aber noch nie eine wirklich erfolgreiche Frau, deswegen kann man es ihnen auch nicht so übel nehmen. 

Hast du denn das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren viel verändert hat? Trauen sich jetzt mehr Frauen?

Ja, wenn man die heutige Zeit mit meiner Anfangszeit im Kartsport vergleicht und schaut, wie viele Mädels jetzt im Kartsport sind, sind es auf jeden Fall mehr geworden. Also man kann sie immer noch an zwei Händen abzählen, aber es sind mehr als damals. Und ich glaube, was dem Sport wirklich helfen würde, wäre eine erfolgreiche Frau, auch in den Königsklassen. Damit auch Kinder, vor allem Mädchen, verstehen, dass eine Frau das machen kann. Ich glaube, die meisten Vier-, Fünf-, Sechsjährigen wissen gar nicht, dass eine Frau das machen kann. 

Was können denn deiner Meinung nach Sponsoren, wie jetzt bei dir Under Armour, tun, um zu unterstützen?

Ich denke, dass es wirklich Partner braucht, die an dich glauben, an eine Frau glauben und auch ein Risiko eingehen. Denn es ist ein Risiko. Es ist ja nicht klar, dass ich das schaffen werde. Aber wie Under Armour auch festgestellt hat, man muss eine Underdog-Geschichte erzählen. Es ist wichtig, langfristig Partner zu finden, die den Weg mit dir gehen und daran glauben.

Sophia Flörsch beim Under Armour Women's Panel mit Moderatorin Lisa Loch und den Athletinnen Victoria Williamson und Imke Salander bei der FIBO 2019
Sophia Flörsch (links) beim Under Armour Women's Panel mit Moderatorin Lisa Loch und den Under Armour Athletinnen Victoria Williamson und Imke Salander bei der FIBO 2019.
Foto: PR Under Armour

Hast du zum Abschluss einen Tipp an die Mädchen und jungen Frauen, die das machen wollen, was du machst?

Ich denke, was am wichtigsten ist, ist immer an sich selbst zu glauben und selbstbewusst zu sein. Auch wenn es Leute gibt, die nicht an dich glauben und dir sagen, dass du es nicht schaffen wirst. Immer positiv denken, dein Ziel vor Augen haben und dafür kämpfen. 

Mitte April trat Sophia Flörsch bei der FIA Formula Regional European Championship an und die nächsten Rennen folgen.

 

Weitere spannende Themen:

Kategorien: