#wunderbarECHTInterview mit "Mutruf"-Gründerin: Chris Gust hilft bei Angst- und Panikattacken

Chris Gust litt selbst jahrelang unter Angst- und Panikattacken. Heute hilft sie Betroffenen mit ihrem Telefondienst: "Mutruf". Wir haben mit ihr über ihre eigenen Ängste gesprochen und darüber, wie "Mutruf" hilft.

Inhalt
  1. Was genau ist Mutruf? Was passiert genau, wenn man euch anruft?
  2. Warum hast du Mutruf gegründet?
  3. Wie hat sich deine eigene Angststörung geäußert? In welchen Situationen ist sie aufgetreten?
  4. Wie hast du es geschafft, deine Angststörungen hinter dir zu lassen?
  5. In welchen Situationen werdet ihr häufig angerufen?
  6. Was ist dein Ziel für „Mutruf“?
 

Was genau ist Mutruf? Was passiert genau, wenn man euch anruft?

Mutruf ist ein Telefondienst für Menschen, die unter Angst & Panik leiden, (ehemals) selbst Betroffene helfen ehrenamtlich anderen Paniklern.

Wir führen mit den Menschen, die uns anrufen, sozusagen freundschaftliche Gespräche, d.h. wir beruhigen, lenken ab und vermitteln so die Sicherheit, dass man nicht alleine dasteht. Wir machen Mut, reden gut zu, genau so, wie man das für die eigenen Kinder, Familie oder Freunde eben auch machen würde.

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Warum hast du Mutruf gegründet?

Gegründet habe ich „Mutruf“ aufgrund meiner eigenen Angstgeschichte: Selbst wenn man jemanden an seiner Seite hat, Partner oder Freunde, die anbieten für einen da zu sein, spielt bei einer Angststörung in den meisten Fällen ganz viel Scham eine große Rolle und man möchte niemandem zur Last fallen. In den Augen der Gesellschaft nicht „richtig“ zu funktionieren, in ganz alltäglichen Situationen Todesangst zu bekommen und vom Verstand her genau zu wissen, dass diese Angst dort unbegründet ist, macht das Erleben dennoch nicht weniger schlimm.  Mit jemandem sprechen zu können, der genau weiß, wie es einem dabei geht, kann ganz viel Druck wegnehmen und sich zu öffnen hilft zusätzlich.

"Mutruf"-Grüderin Chris Gust hilft bei Angst- und Panikattacken
Chris Gust litt selbst über Jahre unter Angst und Panik. Heute hilft sie anderen Betroffenen.
Foto: ©1000literfotos
 

Wie hat sich deine eigene Angststörung geäußert? In welchen Situationen ist sie aufgetreten?

Fast 7 Jahre waren Angst & Panik meine ständigen Begleiter, und es gab nichts, wo mich die Angst nicht erwischen konnte. Da ich die ganze Zeit nichts vermieden habe, sondern mich durch alle Situationen durchgekämpft habe, egal wie schwer es mir fiel, hat mir niemand etwas angemerkt.

Panik fühlt sich extrem an: Herzrasen, Atemnot, Taubheitsgefühle, Schwindel sowie oftmals das Gefühl von „Unwirklichkeit“, Zittern, Schwitzen und/oder das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen sind typische Symptome einer Panik-Attacke. Die Angst vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall erfasst die Betroffenen dabei in kürzester Zeit.

Alles gipfelt in der Angst zu sterben, was aber nicht geschieht, denn im Grunde ist eine Panikattacke „harmlos“. Sie folgt einem biologisch festgelegten Ablauf, erreicht ihren Höhepunkt meist nach etwa 10 Minuten und klingt dann wieder ab. Sie können zu jeder Zeit und überall auftreten, das macht einen Teil ihrer Unberechenbarkeit für Betroffene aus. Auslöser sind häufig Stresssituationen. Die erste Panikattacke kommt scheinbar „aus heiterem Himmel“ und passiert in den banalsten Situationen, die einem früher nichts ausgemacht haben. Jeder Mensch könnte davon betroffen sein!

Von da an gibt es zwei Grundarten, wie Menschen damit umgehen:

1. Die erste Fraktion ist nach Abklingen der Symptome einfach nur erleichtert, dass es vorbei ist, macht einen Haken dran und geht zum nächsten Tagespunkt über. P E R F E K T ! Aber leider nicht allen vergönnt.

2. Die zweite Fraktion zermartert sich von dem Moment an das Hirn: „Wodurch kam das denn? Was war das? Ich bin bestimmt schwer krank. Habe ich was falsch gemacht? Ich muss zu einem Arzt. Hoffentlich kommt das nicht nochmal.“ Und, und, und... – diese Menschen sind von nun an ständig auf der Hut und in Sorge, dass ihnen das erneut passiert- ...et voilà... der schlimmste Feind und härteste Widersacher: die Angst vor der Angst, wird geboren-  ein Teufelskreis entsteht...

 

Wie hast du es geschafft, deine Angststörungen hinter dir zu lassen?

Ich habe mich intensivst mit meiner Angst auseinandergesetzt, d.h. ich habe mich mit den Abläufen im Körper beschäftigt, mir viel Wissen angeeignet über die Verknüpfungen, die teilweise unbewusst stattfinden, eigentlich mein eigenes kleines Studium absolviert, mit dem was für mich an Fakten ganz elementar wichtig war.

Außerdem mit jahrelangem Training: mit gezielten Übungen, sowohl körperlich als auch mental, habe ich mir mein Leben „zurückgeholt“ und habe letzten Endes durch Hypnose sogar herausfinden können, wo meine persönlichen roten Fäden beginnen.

 

In welchen Situationen werdet ihr häufig angerufen?

Menschen, denen eine Situation bevorsteht und schon „ganz gut aufgestellt sind“ nutzen unsere Nummer als Sicherheitsnetz und die Gespräche sind dann relativ „entspannt“, weil wir sozusagen gemeinsam ganz bewusst der Angst den Schrecken nehmen.

Menschen in einer akuten Panikattacke rufen an, wenn sie unsere Nummer eingespeichert haben, weil sie von unserem Angebot wissen, und wir erinnern sie dann an die Grundlagen der Angstbewältigung, aber jedes Gespräch ist genauso individuell, wie die Person, die uns anruft, deshalb kann man das nicht verallgemeinern. Es gibt keine bestimmten Situationen, die häufiger als andere auftreten, da die Angst überall und jederzeit auftreten kann.

 

Was ist dein Ziel für „Mutruf“?

Ich habe „Mutruf“ zwar gegründet, aber das ist jetzt ein „Gemeinschaftsding“: Wir wünschen uns, durch Spenden möglichst bald eine kostenlose Nummer anbieten zu können. Wir möchten das Angebot deutschlandweit rund um die Uhr ausweiten, weil Angst sich nicht nach Zeiten richtet. Wir möchten durch Aufklärung, wie in unserem Interview hier, dafür sorgen, dass sich in den Köpfen der Gesellschaft etwas an der Tabuisierung dieses Themas ändert, denn wenn Menschen ohne Scham offen darüber sprechen können, ohne die Sorge ausgegrenzt zu werden, wird der größte Druck bereits genommen und Heilung kann beginnen.

"Mutuf": Telefondient hilft bei Angst- und Panikattacken

Foto: Mutruf

"Mutruf" - einander Halt geben e.V. ist eine gemeinnützige Organisation, die hilft, wenn man in Situationen, in denen einen Angst und Panik überkommen, offen und ehrlich mit jemandem sprechen möchte. Zu erreichen ist "Mutruf" unter der Telefonnummer 04193 - 750 64 20. Auf der "Mutruf"-Homepage finden sich weitere Infos sowie auch Details für eventuelle Spenden.

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