Leistungsdruck

"Warum ich froh bin, die Schule abgebrochen zu haben"

Es heißt immer, „Kind, mach‘ Abitur.“ Ich habe mich aber erstmal dagegen entschieden – und das war die beste Entscheidung meines Lebens.

Mein Schulabbruch war die beste Entscheidung meines Lebens.
Mein Schulabbruch war die beste Entscheidung meines Lebens. Foto: iStock/AndreaObzerova
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Ich bin gerne zur Schule gegangen und gehörte immer zu den Besten, die ersten vier Jahre zumindest. Zur fünften Klasse hin habe ich dann von der Waldorfschule aufs Gymnasium gewechselt. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Während man auf der Waldorfschule Bruchrechnen mittels des Ausschneidens von unterschiedlich großen Pappschnipseln gelernt hat und das Alphabet durch das Malen eines Bildes zu jedem einzelnen Buchstaben – waren plötzlich Zensuren und Leistungsdruck da. In meinem ersten Deutschaufsatz bekam ich eine 1- und kam weinend nach Hause, weil da ein Minus war. Ich habe das mit den Zensuren einfach nicht verstanden.

Gymnasium setzte mich unter Druck

Als mir bewusst wurde, was Zensuren bedeuten und das Prinzip des Sitzenbleibens kapiert habe, habe ich mich permanent unter Druck gesetzt gefühlt. In den Sprachen war ich immer gut, aber die Naturwissenschaften waren für mich zu abstrakt, vor allem Mathe. Meine Mathelehrerin war eine Furie, die nur die mochte, die ein Händchen für Mathe hatten. Ich gehörte nicht dazu und musste leiden. Sie gab mir das permanente Gefühl schlichtweg zu blöd zu sein.

Krankheit als Grund der Schule fernzubleiben

Dann wurde ich krank: Mit fast 17 erkrankte ich an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Es kam aus dem Nichts, und plötzlich war alles verboten, was Spaß bringt, kein Fett, kein Alkohol. Ich hatte unfassbar schlimme Bauchschmerzen, aber auch endlich eine Begründung nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. So kam es, dass ich viel Stoff verpasste und wegen einer 6 in Mathe sitzen blieb. Mein Klassenlehrer, der mich sehr schätzte, focht es an, doch als es dann nach einem langen Hin und Her endlich herauskam, dass mein Sitzenbleiben nicht rechtens war, war es zu spät. Ich hätte den Abitur-Stoff niemals aufgeholt. So saß ich in einer Klasse, mit ausgerechnet meinem Sportlehrer als Klassenlehrer. Ich war eine Niete in Sport, er hielt also auch nichts von mir. Grundsätzlich war es immer so, dass die Lehrer mich liebten oder hassten.

Als ich so gut wie nie zur Schule kam, drohte mir der besagte Klassenlehrer: „Übermorgen ist Konferenz, dann fliegst du sowieso.“ „Ha, nicht mit mir", dachte ich. „Ehe ihr mich schmeißt, gehe ich lieber.“ Ich wusste, die Chancen standen 50 zu 50, da die eine Hälfte der Lehrer mich schätzte und die andere Hälfte verabscheute. Ich wollte nicht riskieren, dass die Bösen gewinnen. Ich rannte ins Büro, unterschrieb die Abmeldung, (ich war bereits volljährig und durfte das) und war endlich frei. Das mag dickköpfig erscheinen, war aber genau das Richtige.

Mit dem Schulabbruch wurde ich gesund

Da ich trotz meiner strengen Diät mit höchstens 30 Gramm Fett am Tag immer noch unter höllischen Bauchschmerzen litt, kam ich ins Krankenhaus. Da wurde ich komplett durchgecheckt. Das Erstaunliche: Ich hatte nur noch eine leichte Magenschleimhautentzündung. Meine Bauchspeicheldrüse hatte sich nach zwei Jahren regeneriert – ein Zufall, dass es mit meinem Schulabbruch zu tun hatte? Ich denke nicht. Auch wenn ich nicht extrem esoterisch bin, glaube ich an einen starken Zusammenhang zwischen Körper und Geist – und ich glaube an das Schicksal.

Schauspielausbildung war besser als jede Therapie

Das schlug zu, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde und einen Zettel an einem Klamottenladen sah. Es war ein Schauspiel-Workshop. Ich dachte „Wow, das war doch immer das, was ich machen wollte.“ Schon als 14-Jährige habe ich bei meinem 13 Jahre älteren Bruder, der als Regisseur arbeitet, mitgespielt und fand die Arbeit vor der Kamera toll, also warum nicht Schauspielerin werden? Gedacht, getan, ein halbes Jahr nach meinem Schulabbruch startete ich meine Ausbildung an einer kleinen Schauspielschule in der Hamburger Marktstraße. Ich war zu dem Zeitpunkt immer noch ein körperliches Wrack und brachte nur noch 37 Kilo auf die Waage. Ich war voller Hass auf meinen kaputten Körper und lernte erst im Rahmen der Ausbildung (Vorsicht Kitsch) ihn so anzunehmen, wie er ist. Mit dem Akzeptieren meines Körpers ging es auch meinem Bauch immer besser. Ich durfte meinen Traum leben und hatte einen tollen Schauspiellehrer, der mich vor allem lehrte nicht ein anderer, sondern ich selbst zu sein.

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Schule 2.0

Nach der Schauspielausbildung merkte ich schnell, dass Schauspielerinnen es in Deutschland verdammt schwer haben. Eine Tatsache, die ich bisher erfolgreich verdrängt hatte, auch wenn mich mein Bruder immer wieder darauf hinwies. Manchmal lief es etwas besser, manchmal aber auch richtig schlecht. Ich hatte monatelang keinen Drehtag und immer nur Pech mit meinen Agenturen. Ich sprach mit meinem Bruder, der mir riet, mein Abitur nachzumachen. Zunächst erschien mir das absurd, ich wollte doch nicht wieder in die Hölle zurück. Aber dann wuchs in mir auch die Langeweile heran und ich dachte „Warum eigentlich nicht?“ Auf den letzten Drücker meldete ich mich auf der Abendschule an. Über die Nachrücker-Liste bekam ich noch eine Woche nach Schulbeginn einen Platz, verdammtes Schwein gehabt.

Von der Mathe-Null zum Mathe-As

Ich hätte es nicht besser treffen können: An der Abendschule gab es keinen Sportunterricht (Juchhu!), ich war mittlerweile 23 und erwachsen und wurde auch so behandelt und das Allerbeste - ich war plötzlich gut in der Schule. Meine erste Arbeit in Mathe war eine glatte 1, ich rechnete die Kurvendiskussion an der Tafel freiwillig vor und hatte einen eigenen Ehrgeiz entwickelt, gut in der Schule zu sein. Bis spät in die Nacht lernte ich, aber nicht, weil ich musste, sondern weil es mit Spaß brachte.

Drei Jahre lang zog ich die Abendschule durch und war dann eine der wenigen, die auch wirklich Abi machten. Ich hatte das viertbeste Abi der Schule, ein unfassbares Erfolgserlebnis.

Die andere Leidenschaft

Ich studierte Kulturwissenschaften und entdeckte, dass es neben der Schauspielerei noch eine andere Leidenschaft gibt: das (Überraschung) Schreiben.

Ich bereue wirklich nicht, dass mein Leben nicht gradlinig verlaufen ist – im Gegenteil. Hätte ich mich damals durchs Abi gequält, wäre (wenn überhaupt) eine extrem schlechte Note dabei rausgekommen. Ich hätte nur mit vielen Wartesemestern das studieren können, was mich interessiert, weil ich den NC nicht geschafft hätte.

Außerdem konnte ich mich durch meine Schauspielausbildung mit mir selbst versöhnen, konnte meine durch die Krankheit verpasste Jugend nachholen, musste durch das späte Studium nicht so schnell erwachsen werden und hatte viel Zeit zu der Person zu werden, die ich bin, und das ohne den Druck der Leistungsgesellschaft.

Der normale Weg aller Menschen, muss nicht zwingend der beste Weg für jeden sein.

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