Attachment Parenting

Bedürfnisorientierte Erziehung: Doch um welche Bedürfnisse geht es wirklich?

Bedürfnisorientierte Erziehung ist schon länger wieder in aller Munde und wird heiß diskutiert. Doch um wessen Bedürfnisse geht es hier eigentlich?

Bedürfnisorientierte Erziehung: Was ist das? (Themenbild)
Foto: shapecharge/iStock

Bedürfnisorientierte Erziehung, auch "Attachement Parenting" genannt, ist eine moderne Erziehungslehre, die besonders auf die Verbindung zwischen Mutter und Kind abzielt. Jedoch ist es ein weitverbreiteter Irrglaube, dass es bei dieser Erziehungsmethode nur darum geht, auf die Bedürfnisse des Kindes zu achten und einzugehen. Denn ein wesentlicher Bestandteil der bedürfnisorientieren Erziehung sind auch die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder, also auch der Eltern.

Bedürfnisorientierte Erziehung: Was ist das eigentlich?

Der amerikanische Kinderarzt William Sears gilt als "Erfinder" der bedürfnisorientierten Erziehung. In den 70er-Jahren sprangen immer mehr Erziehungsexperten auf den Zug auf. Etwa die Autorin Jean Lidloff, die Müttern empfahl, ihre Babys lieber im Tragetuch eng am Körper zu tragen, statt sie im Kinderwagen durch die Gegend zu schieben. Doch was genau ist Attachement Parenting, kurz AP (oder auf Deutsch BO), eigentlich?

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht man davon aus, dass jedes Verhalten nur der Anfang von etwas ist. Sprich, dass das Verhalten durch Gefühle wie zum Beispiel Angst, Wut, Freude, Schmerz, Trauer oder Stolz ausgelöst wird. Und diese Gefühle beruhen laut den Anhängern des AP maßgeblich auf Bedürfnissen wie etwa Anerkennung, Liebe, Sicherheit oder Freiheit. Wer diesen Gefühlen also mehr Beachtung schenkt, soll besser verstehen können, warum sich das Kind so verhält und so den Ursachen besser auf den Grund gehen können.

Ein Beispiel aus dem Familienalltag: Ihr wollt vom Spielplatz nach Hause gehen und plötzlich wirft sich euer Kind auf den Boden, fängt laut an zu schreien und zu toben. Beim BO-Konzept geht es jetzt darum, einen Blick darauf zu werfen, welche Gefühle hinter dem Verhalten des Kindes stecken. Ist das Kind traurig, weil du eben seinen spektakulären Sprung von der Schaukel nicht gesehen hast (Bedürfnis nach Anerkennung)? Ist es wütend, weil die anderen Kinder nicht mitschaukeln wollten (Bedürfnis nach Zugehörigkeit)? Oder hat es vielleicht Angst, weil du gedroht hast, ohne ihn zu gehen, wenn er sich nicht beeilt (Bedürfnis nach Sicherheit)?

Indem die Kinder in ihren Gefühlen von den Erwachsenen gesehen und ernst genommen werden, glauben die Vertreter der bedürfnisorientierten Erziehung, dass Kinder so nach und nach emotionale Kompetenz erlernen. Sprich, ihre eigene Gefühle lernen zu verstehen und zu erkennen und so Empathie zu entwickeln, für sich selbst, aber auch für ihr Gegenüber. Darüber hinaus ist das oberste Ziel der bedürfnisorientierten Erziehung, dass Kinder es schaffen, ihre Emotionen selbst zu erkennen, zu regulieren und sich ihnen nicht mehr so ausgeliefert zu fühlen. Die Fähigkeit zur Selbstregulation also.

Bedürfnisorientierte Erziehung: Warum schrecken Eltern davor zurück?

Viele Eltern haben die Befürchtung, dass ihre Kinder im Rahmen einer bedürfnisorientierten Erziehung tun und lassen können, was sie wollen - ohne Regeln und ohne Grenzen. Sie glauben, dass es nur darum geht, dem Kind Frust zu ersparen. Den Begriff "bedürfnisorientiert" setzen sie mit einem "Ja" gleich - einem ständigen Ja zu den Bedürfnissen der Kinder. Eltern fürchten, sich ständig dem Kind und seinem Bedürfnissen unterordnen zu müssen. Und nicht zuletzt die Angst davor, einen selbstsüchtigen Menschen heranzuziehen, der daran gewöhnt ist, ständig zu bekommen, was er will.

Doch ein wesentlicher Bestandteil der bedürfnisorientierten Erziehung ist es, dass auch die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder mit einfließen. Denn auch wir Eltern haben Bedürfnisse. Bei diesem Erziehungsmodell wird also nicht nur "Ja" zum Kind gesagt, sondern auch zu den Eltern und ihren Wünschen und Anliegen.

Natürlich lassen sich in einer Familie nicht immer alle Wünsche miteinander vereinbaren. Dann müssen Prioritäten gesetzt und Kompromisse gemacht werden. Das kann auf Seiten des Kindes auch zu Frustration führen, wenn die Bedürfnisse der Eltern einmal Vorrang haben. Aber auch das gehört zur bedürfnisorientierten Erziehung, denn nur so lernt das Kind das komplette Gefühlsspektrum kennen.

JW Video Platzhalter
Zustimmen & weiterlesen
Um diese Story zu erzählen, hat unsere Redaktion ein Video ausgewählt, das an dieser Stelle den Artikel ergänzt.

Für das Abspielen des Videos nutzen wir den JW Player der Firma Longtail Ad Solutions, Inc.. Weitere Informationen zum JW Player findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Bevor wir das Video anzeigen, benötigen wir Deine Einwilligung. Die Einwilligung kannst Du jederzeit widerrufen, z.B. in unserem Datenschutzmanager.

Weitere Informationen dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ist die bedürfnisorientierte Erziehung also eine Win-win-Situation für alle?

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht es also nicht primär darum, dem Kind jeglichen Frust zu ersparen und ihn zu einem Ich-bezogenen Individuum zu erziehen. Es geht viel mehr darum, seine Gefühle zu erkennen und anzuerkennen und somit die Folgen seiner Emotionen ernst zu nehmen. In der Theorie können Kinder so später ihre Gefühle besser Regulieren und für sich selbst Strategien entwickeln, um mit ihnen klarzukommen.

Im Alltag bedeutet das auch ein Umdenken für Eltern. Sätze wie: "Stell dich nicht so an!" sollten umformuliert werden in: "Ich verstehe, dass du dich gerade darüber ärgerst". Bei einer bedürfnisorientierten Erziehung sollen sich Eltern und Kinder auf Augenhöhe begegnen. Ein respektvoller Umgang ist die Grundvoraussetzung. All diese Faktoren sollen einem Kind ermöglichen, sein ganzes Gefühlsspektrum zu kennen und vor allem zu verstehen. Denn dann, so glauben die Experten der bedürfnisorientierten Erziehung, kann ein Kind später im Leben selbstbestimmt, empathisch und verantwortungsvoll handeln.

Artikelbild und Social Media: shapecharge/iStock (Themenbild)