Psyche & SexLibidoverlust durch Antidepressiva? Die Nebenwirkungen von Psychopharmaka

Inhalt
  1. Libidoverlust durch Psychopharmaka?
  2. Was sind Psychopharmaka?
  3. Was ist Libidoverlust?  
  4. Libidoverlust als Symptom einer Krankheit
  5. Wechsel des Medikamentes als Lösung? 
  6. Warum Psychopharmaka die Sexualität verändern
  7. Leiden Frauen anders als Männer? 
  8. Hilfe für Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit

Libidoverlust durch Antidpressiva? Die möglichen Nebenwirkungen von Psychopharmaka gegen Depressionen, Psychosen oder Angststörungen  - und was hilft.

 

Libidoverlust durch Psychopharmaka?

„Ich habe Lust, aber ich spüre viel weniger.“ „Oft gibt es Momente, in denen ich beim Sex nicht viel spüre und es enorm lange dauert bis ich einen Orgasmus haben kann.“

Stimmen wie diese sind nicht selten unter Anwendern von Psychopharmaka. Hier erfahren Sie, was ein Psychiater und eine Sexualtherapeutin Betroffenen raten.

 

Was sind Psychopharmaka?

Psychopharmaka sind Medikamente zur Behandlung psychischer Erkrankungen. In vielen Fällen helfen sie, die Symptome von Krankheiten wie Depressionen, Psychosen oder Angststörungen und viele weitere zu reduzieren. Doch oft leiden Anwender unter den Nebenwirkungen, die individuell sehr unterschiedlich ausfallen können. 

 

Was ist Libidoverlust?  

Eine recht häufige Nebenwirkung von Antidepressiva ist der sogenannte Libidoverlust. Damit ist nachlassende oder fehlende Lust auf Sexualität gemeint, aber auch eine Einschränkung der Erregbarkeit oder Orgasmusfähigkeit.

Wie genau die Sexualität durch eine Einnahme von Psychopharmaka eingeschränkt werden kann, ist dabei von Fall zu Fall verschieden. Wer unter Nebenwirkungen leidet, sollte in jedem Fall seinen Arzt ansprechen. Oft hilft der Wechsel auf ein anderes Präparat. 

Psychopharmaka können durchaus einen starken Einfluss auf unser sexuelles Empfinden haben.
Psychopharmaka können durchaus einen starken Einfluss auf unser sexuelles Empfinden haben.
Foto: iStock

Warum Psychopharmaka trotzdem verschrieben werden?

Es gibt immer wieder seelische Erkrankungen, für die es entweder eine schnelle Hilfe braucht, weil ein Mensch sonst den Lebensmut verliert oder andere gefährden könnte. Oftmals sind diese Medikamente aber auch eine Art Krücke, die eine therapeutische Behandlung erst möglich macht und in dieser Zeit über das Schlimmste hinweghilft, bis vielleicht eines Tages ein Leben ohne Medikation möglich ist. Denn das ist das Ziel einer Behandlung. Nicht zuletzt wegen der vielen, teilweise schweren Nebenwirkungen, auch wenn neuere Präparate mittlerweile allgemein immer besser vertragen werden. 

 

Libidoverlust als Symptom einer Krankheit

Nicht in jedem Fall ist das Medikament der alleinige Auslöser für den Libidoverlust. Denn Lustlosigkeit gehört neben Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit auch zu den zentralen Merkmalen einer Depression. Und depressive Verstimmungen sind weltweit der häufigste Grund, warum Psychopharmaka verschrieben werden. Hier muss also genau hingeschaut werden, wie und wann sich das Erleben der Sexualität im Krankheitsverlauf geändert hat, um die passende Hilfe zu finden. 

Vorbeugen mit dem „richtigen“ Medikament? 

Betroffene beklagen nicht selten, sie hätten anfangs das falsche Medikament bekommen, wenn sie nach einem Wechsel deutlich weniger Nebenwirkungen erleben. Doch dieser Rückschluss ist oft zu kurz gesprungen. Der Psychiater Dr. Michael Schulte-Markwort erklärt hierzu, dass Vorbeugen in diesem Sinne nicht möglich sei. Allein schon, weil jedes Medikament bei jedem Menschen anders wirke. „Im Vordergrund steht immer die Behandlung der Symptomatik. Und dann warten wir ab, ob eine Nebenwirkung eintritt. Und die muss der Arzt normalerweise immer vollständig abfragen.“ 

Die Sexualität hierbei nicht zu vergessen, sei für Erwachsene und Jugendliche wichtig, weiß der Kinder und Jugendlichen-Psychiater. Denn auch für jüngere Patienten ist dies ein wichtiger Lebensbereich, den sich viele nicht trauen von sich aus anzusprechen. 

Dr. Michael Schulte-Markwort ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und leitende Abteilungsarzt am Altonaer Kinderkrankenhaus
Dr. Michael Schulte-Markwort ist Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und leitende Abteilungsarzt am Altonaer Kinderkrankenhaus
Foto: privat
 

Wechsel des Medikamentes als Lösung? 

„Es geht gar nicht, dass man mit dieser Nebenwirkung lebt.“, bringt es Schulte-Markwort auf den Punkt. Doch manch ein Erwachsener scheut sich davor, Libidoverlust durch Medikamenteneinnahme als Anlass für einen Arztbesuch zu sehen. Viele kommen deshalb in Stress, weil sie denken, sie müssten sich entscheiden: zwischen Psychopharmaka oder Sexualität. Dabei ist Sexualität ein wichtiger Lebensbereich und Quelle schöner Erlebnisse, die auch und vor allem in Zeiten psychischer Krankheit nicht fehlen darf. Deshalb nehmen viele Ärzte dies Thema sehr ernst.

Der ärztliche Rat lautet daher: „Aufmerksam sein und sich nicht scheuen, es zu thematisieren. Wir fühlen uns so lange aufgefordert etwas zu verändern, bis der Patient so zufrieden ist wie möglich. Manche entscheiden sich aber auch, die Einschränkung in Kauf zu nehmen.“ weiß Schulte-Markwort aus Erfahrung. 

Wie der Wechsel funktioniert und wie viele Versuche letztlich nötig werden, könne sehr verschieden ausfallen. In jedem Fall sollte dies in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt erfolgen. 

 

Warum Psychopharmaka die Sexualität verändern

Auf der Suche nach einer Lösung ist der Wechsel des Medikamentes jedoch nicht die einzige Möglichkeit. Ein weiterer Schlüssel liegt im Verstehen der Wirkweise des Medikamentes. Die Schweizer Sexualtherapeutin Dr. Dania Schiftan erklärt hierzu, dass Psychopharmaka die Anspannungsschwelle im Körper heruntersetzen. Und hier liege die Verbindung zur Sexualität.

„Denn jemand, der gewöhnt ist, sich mit hohem Druck oder hoher Anspannung zu erregen, bekommt hier ein Problem, weil er oder sie die einzige Säule der Erregung medikamentös wegdrückt, die er kennt.“ Deshalb sei oftmals weniger das Psychopharmakon die Ursache, sondern die einseitige Art der Erregung, die nun nicht mehr ausreiche. 

 

Leiden Frauen anders als Männer? 

Körperliche aber auch seelische Anspannung spielen hier eine große Rolle. Vor allem Männer stünden hier unter hohem Druck, ihren Penis nicht steif zu bekommen oder keinen Höhepunkt zu erleben. Schiftan weiß aus vielen Gesprächen mit ihren Klienten: „Wenn Männer nicht mehr so performen können, wie sie es von sich erwarten, gehen sie nicht selten in die Lustlosigkeit. Im Sinne von: Wer keine Lust hat, kann auch nicht enttäuschen.

Frauen haben es da oft etwas leichter zu kompensieren. Aber natürlich leiden sie auch darunter.“ Bei manchen sei das Thema Lustlosigkeit allerdings sowieso da. Dann wird das Psychopharmakon zu Erklärung und sorgt so nicht selten für Entlastung.  

Dania Schiftan ist Sexologin (Dr. phil. in Clinical Sexologie), Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin
Dania Schiftan ist Sexologin (Dr. phil. in Clinical Sexologie), Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin
Foto: privat

Aus ihrer Praxis weiß die Sexologin, dass diejenigen Klienten entspannter sind, die sich nicht stressen, sondern vor allem Neues zu entdecken bereit sind. Möglichst wenig Dramatisierung sei deshalb das Beste. Denn was viele nicht wissen: „Psychopharmaka machen ein Thema sichtbar, das im Alter möglicherweise ohnehin gekommen wäre. Denn oft geht dann durch körperliche Veränderungen ebenfalls die Anspannungsschwelle runter und führt zum Beispiel zu Erektionsproblemen. Deshalb wird für manch einen älteren Mann Viagra ein Thema.“ so die Expertin. 

 

Hilfe für Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit

Es muss nicht bei einer Beeinträchtigung der Sexualität durch Psychopharmaka bleiben, wenn Betroffene lernen, ihre Erregbarkeit auszuweiten“, erklärt Schiftan. Dabei helfe zunächst die Bewusstmachung des eigenen Vorgehens durch die Frage: Wie habe ich mich bisher erregt? Und dann: Wie kann ich es verändern?

Wie die Erregung ausgeweitet werden kann, ist ein Lernprozess, der mit fachlicher Hilfe leichter gelingt. Helfen kann eine Sexologin oder ein Sexualtherapeut. Begleitend seien auch Methoden wie Feldenkrais oder seriöse tantrische Angebote eine Bereicherung. In diesem Bereich ist die Einbeziehung und Mitwirkung des Partners natürlich besonders sinnvoll. 

Sexualität verändert sich im Laufe unseres Lebens. Sie kann immer wieder neu erforscht werden. Wer sich diese Einstellung zueigen macht, wird sich mit der Entdeckung von Neuland leichter tun als diejenigen, die ihrem Körper immer dieselbe Funktionalität und Leistung abverlangen. Und für ein Umdenken ist es nie zu spät.  

Autorin: Marthe Kniep

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