Konmari-MethodeSchluss mit Selbst(über)optimierung: "Warum Marie Kondo bei mir Hausverbot hat"

Alle schwören auf die Konmari-Methode. Nicht so unsere Kollegin Lena: Sie erklärt, warum Marie Kondo in ihrem Zuhause nichts zu suchen hat.

Die Konmari-Methode kann einen sehr unter Druck setzen.
Foto: gettyimages/ CAITLIN WILSON

Bis letzte Woche hatte ich mein Leben noch im Griff. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Damit ist es allerdings vorbei, seit ich aus Neugier eine Folge von „Aufräumen mit Marie Kondo“ geguckt habe. Für alle, die bislang an dem Hype vorbeigekommen sind: Marie Kondo, so etwas wie die Hohepriesterin des Ausmistens, kommt in ihrer Netflix-Serie zu Leuten nach Hause und erklärt ihnen, wie man aufräumt. Ihre sogenannte Konmari-Methode ist simpel: Ausgemistet wird, was keine Glücksgefühle beschert. Knallhart. Und was dann noch übrigbleibt, wird ordentlich sortiert, gefaltet und verstaut.

 

Aufräumen wird zur Sucht

Ihr Ratgeber „Magic Cleaning“ wurde weltweit schon millionenfach verkauft. Irgendwas muss also dran sein, dachte ich mir. Die erste Folge habe ich mir noch mit spöttisch-distanzierter Grundhaltung anguckt. Komm schon, ich brauche ja nun wirklich niemanden, der mir erklärt, wie man aufräumt! Aber irgendwas hat die dauerlächelnde Japanerin mit meinem Gehirn gemacht. Jedenfalls sehe ich seither meine Wohnung mit anderen Augen. Der Effekt machte sich sofort bemerkbar. Noch vorm Schlafengehen rödelte ich in der Küche herum, versuchte, meine Wäsche auch in so akkurate kleine Quadrate zu falten wie Marie Kondo, verstaute heimatloses Gedöns in Schachteln und Boxen. Eine Beschäftigung, der ich gegen Mitternacht sonst eher niemals nachgehe.

Während mein Mann meine spontan aufgetretene Aufräum-Obsession zunächst noch amüsiert hinnahm, war seine Miene schon deutlich besorgter, als ich am nächsten Morgen schon wieder in der Sockenschublade herumfuhrwerkte.

Es ist wie eine Sucht: Wo ich vorher eine zum Bersten gefüllte Schublade mit einem „Geht eben nicht besser“ doch noch irgendwie zugequetscht habe und damit völlig zufrieden war, höre ich jetzt Marie Kondos Stimme in meinem Kopf: Es geht doch besser! Geordneter, strukturierter, optimierter.

Marie Kondo - Darum lieben alle diese Frau!​

 

Ein Wochenende mit Marie Kondo war genug

Und wie das immer so ist, wenn man Stimmen hört: Man sollte das vielleicht als Warnsignal betrachten. Genau aus diesem Grund habe ich meine Beziehung zu Marie Kondo schon nach einem Wochenende für gescheitert erklärt. Dank ihres Aufräum-Perfektionismus fing ich nämlich plötzlich an, Probleme zu sehen, die vorher gar keine waren. Zumindest für mich nicht. In einer durchoptimierten Welt, in der mir Influencer bei Instagram jeden Tag zeigen, dass ich mich gesünder ernähren, mehr Sport machen, mich besser kleiden und aufregendere Reisen machen könnte, brauche ich wahrlich nicht auch noch jemanden, der mir das Gefühl gibt, dass ich noch dazu meinen Haushalt nicht im Griff habe.

Liebeserklärung an meinen Schlafzimmer-Stuhl

 

Konmari-Methode ist für Perfektionisten

Zugegeben: Dank der Konmari-Methode habe ich mich endlich aufgerafft, einen Bikini, in den ich frühestens im nächsten Leben wieder gepasst hätte, auszusortieren, und diverse Shirts mit Mottenfraß zu bestatten. Aber spätestens als meine mit Mühe hochkant aufgestellten Shirts (stapeln gibt es bei Marie Kondo nicht, wegen der Unübersichtlichkeit) wieder in sich zusammengefallen sind, wurde mir klar: Marie Kondos Aufräum-System erfordert Kontinuität und Perfektionismus. Jemand wie ich, der sich nicht leidenschaftlich mit Bügeln und Sockenfalten beschäftigt, wird sowieso bald wieder in alte Muster zurückfallen. Zeit, mir einzugestehen: Meine Wohnung wird nie wie aus dem Ei gepellt sein. Da ich aber auch nicht an krankhaftem Sammelwahn leide, hat mich das bisher noch nie gestört.

Ganz ehrlich: Dass es zu Hause besser nicht wie nach einem SEK-Einsatz aussehen sollte und dass es der Psyche sicher guttut, hin und wieder überflüssigen materiellen Ballast abzuwerfen, glaube ich gerne. Aber diesbezüglich möchte ich doch lieber weiterhin auf mein eigenes, hoffentlich gesundes Urteilsvermögen vertrauen. Und keine Schuldgefühle haben, weil in meiner Küche Pfannenwender, Glühbirnen, Feuerzeuge und Gebrauchsanweisungen ihr Dasein in friedlicher Koexistenz in ein und derselben Schublade fristen. Ging bislang schließlich auch ganz gut. Deshalb sorry, Marie Kondo, du musst ab jetzt leider draußen bleiben…

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