AufgeklärtTierwohllabel im Check: Was bedeuten die Haltungskennzeichen eigentlich?

Eine Supermarktkette nach der anderen führt Haltungskennzeichen ein – nun reiht sich zudem ein staatliches Tierwohllabel ein. Was bedeuten die einzelnen Label eigentlich? Wir geben dir den Überblick.

Diese Woche hat der Entwurf von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu einem staatlichen Tierhaltungslabel die Schlagzeilen dominiert. Der Vorschlag erntete massiv Kritik – unter anderem, weil die Kriterien sich teils nur minimal von den gesetzlichen Haltungsbedingungen unterscheiden.

Das staatliche Tierwohllabel wäre nicht das erste seiner Art. Innerhalb der letzten Jahre haben Supermärkte und Discounter zunehmend Kennzeichnungen auf Frischfleischprodukten etabliert. Sie dienen vor allem dazu, mehr Transparenz dem Käufer gegenüber zu schaffen. Kauft der Kunde ein Fleisch, soll er anhand der Packung bestenfalls erkennen können, wie das Tier gelebt hat.

Mittlerweile existieren jedoch zahlreiche solcher Label. Da kann man als Kunde schnell den Überblick verlieren. Auf welche Haltungskennzeichnungen sollte man achten – und was sagen sie wirklich aus? Wir haben die gängigsten Tierwohllabel für dich aufgelistet.

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Tierwohllabel im Überblick

Haltungskompass bei Lidl

Was sagt das Label aus? Der Haltungskompass verrät, wie die Tiere gelebt haben. Er gilt bei Lidl für Schweine-, Rind-, Puten- und Hähnchenfrischfleisch. Es existieren vier Stufen:

  1. Stallhaltung nach gesetzlichem Standard
  2. Stallhaltung Plus
  3. Außenklima
  4. Bio

Pro: Mehrere Fleischsorten werden abgedeckt. Die Einhaltung der Stufen wird regelmäßig geprüft. Wer sich einmal tiefergehend mit den Kriterien beschäftigt hat, kann durch die farbliche Untermalung einfach auf den ersten Blick erkennen, welches Fleisch er kauft.

Contra: Aus den Stufenbezeichnungen selbst lässt sich jedoch nur schwer herauslesen, wie das Tier wirklich gehalten wurde. Die genauen Informationen sind nur auf der Website verfügbar. Minuspunkt: Je nach Tier variieren die Kriterien der einzelnen Stufen massiv, was eine generelle Einschätzung der Stufen erschwert. Masthähnchen bekommen bei Stufe drei beispielsweise 25 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, Mastschweine 40 Prozent mehr Platz.

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Haltungstransparenz bei Aldi

Was sagt das Label aus? Auch Aldi will dem Kunden eine bewusstere Kaufentscheidung ermöglichen. Das gemeinsame Label von Aldi Süd und Nord ist in dieselben vier Stufen für vier Tiere (Pute, Hähnchen, Rind und Schwein aufgeteilt, heißt aber Haltungstransparenz.

  1. Stallhaltung nach gesetzlichem Standard
  2. Stallhaltung Plus (mehr Platz und Beschäftigungsmaterial)
  3. Außenklima (mehr Platz, Außenklima und abwechslungsreiche Umgebung)
  4. Bio (gesetzliche Bestimmungen für Biofleisch)

Pro: Der Unterschied bei Aldi ist, dass Puten und Hähnchen von vornherein gentechnikfreies Futter erhalten – selbst bei Stufe 1, in der Aldi den gesetzlichen Vorgaben einen Schritt voraus ist.  

Contra: Auf den ersten Blick ist ebenfalls sehr wenig über die tatsächlichen Haltungsbedingungen zu erkennen. Die gentechnikfreie Fütterung ist beispielsweise nur durch sorgfältiges Lesen der Kriterien ersichtlich – dabei handelt es sich dabei eigentlich um einen Pluspunkt. Eventuell würde sich eine weitere Abstufung zwischen Haltung und Fütterung anbieten.

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Deutscher Tierschutzbund: „Für Mehr Tierschutz“

Was sagt das Label aus? Der deutsche Tierschutzbund hat ein zweistufiges Label entwickelt, das nicht nur für Fleisch, sondern auch für Milch und Eier gilt. Es gibt einzelne Kriterien für Mastschweine, Masthühner, Legehennen und Milchkühe. Produkte des Labels „Für Mehr Tierschutz“ heben sich von den gesetzlichen Vorgaben ab und sollen eine Alternative zur Massentierhaltung bieten. Es existieren die Stufen:

Einstiegsstufe: Masthühner dürfen beispielsweise nicht mehr als 45g pro Tag zunehmen und nicht mehr als 15 bis 17 Hühner pro Quadratmeter leben. Gesetzlich sind es 22 Hühner pro Quadratmeter. Transporte dürfen bei beiden Stufen nicht länger als vier, statt acht, Stunden dauern.

Premiumstufe: Hier werden die Kriterien erweitert, beispielsweise durch zusätzliche Weideaufenthalte und Ausflauf. Auf der Seite des Tierschutzbundes kannst du die genauen Kriterien nachlesen.

Pro: Gentechnisch veränderte Futtermittel sind generell verboten – bei jeder Stufe und Tierart. Die Kriterien werden durch unabhängige Organisationen kontrolliert. Das Tierschutzlabel gibt dem Kunden eine einfache Option, sich für die tierfreundlichere Variante zu entscheiden ohne komplizierte Hintergründe. Es ist unabhängig vom deutschen Tierschutzbund entwickelt worden, der nicht an dem Label verdient.

Contra: -

Wo? Produkte mit dem Tierschutzlabel gibt es mittlerweile übergreifend bei zahlreichen Geschäften zu kaufen, darunter Aldi, Edeka, famila, Lidl, Marktkauf, Netto, Norma, real, Penny und Rewe. Die komplette Liste und Kriterien findest du auf der Website des Tierschutzlabels.

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Initiative Tierwohl

Was sagt das Label aus? Die Initiative Tierwohl arbeitet mit verschiedenen Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel zusammen. Diese geben 6,25 Cent pro Kilo verkaufte Fleisch- und Wurstware von Schwein, Hähnchen und Pute ab. Das Geld fließt auf ein Tierwohl-Konto, von dem beispielsweise Landwirte, die bestimmte Kriterien freiwillig einhalten, mit einem Tierwohlentgelt belohnt werden. Das Label tragen bisher jedoch nur Geflügelfleischprodukte – daran kannst du erkennen, dass das Fleisch von jenen Landwirten stammt.

Die Kriterien kannst du bei der Initiative Tierwohl nachlesen.

Pro: Die Initiative Tierwohl ist nicht an eine Marke gebunden. Sie gilt also als übergreifendes, vertrauenswürdiges Label, das an ein Qualitätssicherungssystem geknüpft ist. Basiskriterien wie tierschutzgerechte Haltung, Hygiene und Gesundheit werden in Kontrollen geprüft. Zusätzlich gibt das Label deutlich mehr Vorgaben, als gängige Haltungskennzeichen. Ein Beispiel ist das Antibiotikamonitoring, bei dem Medikamente nur in Zusammenarbeit mit Tierärzten bei akuten Krankheitsfällen verschrieben werden dürfen.

Contra: Hat man sich einmal über die Hintergründe informiert, gibt es kaum Nachteile des Labels. Ein Problem könnte sein, dass es keine Abstufungen gibt – die Teilnehmer können sich für zusätzliche Kriterien entscheiden, was jedoch nicht auf dem Label ersichtlich ist. Zudem ist die Kennzeichnung bisher ausschließlich auf Geflügelprodukte beschränkt.

Wo? Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny, Rewe und Wasgau arbeiten mit der Initiative Tierwohl zusammen.

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Staatliches Tierwohlkennzeichen für Schweine

Was sagt das Label aus? Das staatliche Tierwohlkennzeichen soll drei Stufen enthalten, die an bestimmte Haltungskriterien für Schweine gekoppelt sind.

Erste Stufe: 0,9 Quadratmeter Platz für ein Schwein – damit 20 Prozent mehr als gesetzlich (0,75qm), Beschäftigungsmaterial, keine Kastration ohne Betäubung, 25 Tage Säugezeit.

Zweite Stufe: 1,1 Quadratmeter pro Schwein, Beschäftigungsmaterial, keine Kastration ohne Betäubung, 28 Tage Säugezeit.

Dritte Stufe: 1,5 Quadratmeter Platz pro Schwein, davon 0,5qm Auslauf, Beschäftigungsmaterial, keine Kastration ohne Betäubung, 35 Tage Säugezeit. Hier kannst du weitere Kriterien nachlesen.

Pro: Ein staatliches Tierwohllabel würde für Übersicht auf dem Markt sorgen. Die drei Stufen haben feste Kriterien, die nachgelesen werden können und für Transparenz schaffen.

Contra: Die Kriterien sind nicht verpflichtend. Zudem gilt das Tierwohllabel derzeit nur für Schweine, nicht für andere Tiere. Somit ist es lediglich ein weiteres Label, das zwar nicht wirtschaftsgebunden, aber auch noch sehr eingeschränkt auf eine Tierart angewandt werden kann. Transporte sind immer noch bis zu acht Stunden erlaubt. Andere übergreifende Tierwohllabel, wie die Initiative Tierwohl oder Für Mehr Tierschutz decken weitaus mehr Kriterien und Produkte ab und gehen weiter.

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Ein Haltungskennzeichen allein ändert nichts an der Massentierhaltung

Es handelt sich lediglich um eine Auswahl an Tierwohllabeln, die bereits existieren oder, wie das staatliche, in Planung sind. Die Fülle an Kennzeichnungen schafft vor allem Verwirrung – zum anderen besteht bei Haltungskennzeichnungen die Gefahr der Verbrauchertäuschung, wenn auch unbewusst.

Wer Produkte mit einem Haltungskennzeichen kauft, hat prinzipiell das Gefühl, etwas richtig zu machen – wer sich in Supermärkten umschaut, wird jedoch bemerken, dass viele Frischfleischwaren noch mit der Stallhaltung oder Stallhaltung plus, also sehr niedrigen Stufen gekennzeichnet sind. Dass diese Kriterien nur geringfügig besser für das Tier sind, ist für den Kunden nicht immer sofort ersichtlich – stattdessen schaffen die Label mit Worten wie Tierschutz oder Tierwohl eine Art Grundvertrauen. Man sollte sich bewusst sein, dass das Kennzeichen an sich, wenn es lediglich die Einhaltung der gesetzlichen Standards widerspiegelt, nichts an der Tierhaltung an sich ändert.

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Wieso ist Transparenz trotzdem wichtig? Wer sich jedoch wirklich über die Haltungsbedingungen von Tieren informiert, kann auch bewusster handeln. Ein Haltungskennzeichen kann somit langfristig die Kaufentscheidung des Kunden zugunsten eines besseren, tierfreundlicheren Produktes, bewirken – und je weniger Fleisch aus Massentierhaltung gekauft wird, desto mehr wird die Produktion gezwungen, zu handeln.

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