Zu sich stehenFreundlich nein sagen – so geht’s

Ein freundliches und bestimmtes „Nein“ über die Lippen zu bringen, fällt vielen schwer. Etlichen bereitet es beinahe körperliche Schmerzen, sich mit einem „Nein“ für die eigenen Interessen oder eine gut überlegte Sache einzusetzen.

Inhalt
  1. Gründe für Hemmungen „nein“ zu sagen
  2. Persönliche Bedürfnisse und Grenzen berücksichtigen
  3. Zur eigenen Aufgabe stehen
  4. Begründung überdenken
  5. Bei sich bleiben
  6. Befürchtungen abfragen
  7. Sich Zeit verschaffen
  8. Vor der Reaktion des anderen schützen
  9. Vor dem Spiegel üben

Damit das nicht länger so bleibt, gibt Diplom-Pädagogin und Systemische Therapeutin Marthe Kniep aus Jesteburg Tipps für „leichteres Neinsagen“ in Familie und Beruf. 

 

Gründe für Hemmungen „nein“ zu sagen

Die Fähigkeit zur Abgrenzung und die Bereitschaft dem Gegenüber möglicherweise mit einem „Nein“ eine Enttäuschung zuzumuten hat immer etwas damit zu tun, welche Erfahrungen man selber damit früher in dieser Hinsicht gemacht hat; ob ein Widerwort mit Zorn oder Schweigen bestraft wurde oder ob sachlich und ruhig darauf eingegangen worden ist. Wer hier schlechte Erfahrungen gemacht hat, braucht manchmal professionelle Hilfe, um im Hier und Jetzt mehr Mut zum „Nein“ zu entwickeln.

Doch eine Therapie ist nicht immer nötig. Ab und zu Mal unangenehme Gefühle bei einem „nein“ zu haben, ist schließlich normal. Es darf nur nicht zu sehr belasten oder einem fast nie gelingen. Dann wäre schon professioneller Rat gefragt.

Freundlich nein sagen, wie geht das?

Nein sagen fällt vielen schwer. Wie es trotzdem gelingt, verdeutlichen unsere Strategien.

Foto: princigalli / iStock

Doch umdenken und klarer auftreten kann mit einigen kleinen Tricks auch ohne Therapeuten gelingen. Es beginnt mit der Reflektion der inneren Haltung.

 

Persönliche Bedürfnisse und Grenzen berücksichtigen

Für ein klares „nein“ braucht es eine klare Haltung und die Fähigkeit, zu den eigenen Möglichkeiten, Grenzen und Bedürfnissen zu stehen. Wer sich klar macht, dass er es nicht jedem rechtmachen kann (das ist so!), hat es leichter mit notwenigen „Neins“ in seinem Leben. Schließlich ist es auch wichtig, es sich selbst Recht zu machen. Das vergessen manche Frauen vor allem in ihrer Rolle als Mütter.

Deshalb ist es gut, erstmal bei sich zu schauen: Was ist gut für mich? Bleibe ich mir selber treu, wenn ich mir und dem anderen diese ganzen Gefühle rund um ein „nein“ erspare? Oder hilft es alles nichts und das „nein“ muss raus?

Im Job hilft die Frage: Ist das jetzt wirklich meine Aufgabe und fühle ich mich dem gewachsen? Die Antwort gibt die Richtung vor, mit der wir uns nicht selber in Schwierigkeiten bringen.  

 

Zur eigenen Aufgabe stehen

Vergessen Sie nicht, dass ein „nein“ nicht immer eine Ablehnung ist, sondern auch eine klare Haltung zu etwas, was wir aus unserer Perspektive als nicht gut, passend oder zielführend erachten. Diese Fähigkeit brauchen wir gewissermaßen sogar, um zu überleben.

Und vor allem in der Erziehung und im Job gibt es bestimmte Situationen, in denen es sogar gerade unsere Aufgabe ist, ein „Nein“ zu vertreten um die Familie oder Firma vor schlimmen Konsequenzen zu schützen!

In der Familie ist es zum Beispiel Ihre Aufgabe, Ihre Kinder vor Gefahren zu bewahren. Um dies zu gewährleisten müssen Sie viele deutliche „neins“ auszusprechen. „Nein. Du darfst nicht bis Mitternacht allein auf die Party.“ Oder: „Nein. Du darfst nicht ohne Helm Fahrrad fahren.“ Hier sind unumstößliche Ansagen wichtig. Dafür können Sie in anderen Bereichen etwas nachgiebiger sein, wenn es Ihnen liegt.

Bei der Arbeit ist es jedoch anders. Dort sind Sie als Fachkraft für etwas Bestimmtes eingestellt worden und vertreten die Ziele der Firma. Haben Sie dort gute Gründe für ein Veto zu einem Vorschlag? Dann ist es ihre Aufgabe, Ihre Fachlichkeit zu vertreten. Dafür werden Sie bezahlt. Wer hier kneift, muss später vielleicht mit dem Vorwurf rechnen, sich nicht gerade gemacht zu haben. Dass kann den Job kosten, das Ansehen, die Vertrauenswürdigkeit, die Autorität und so weiter.

 

Begründung überdenken

Oft fällt es uns schwer etwas abzulehnen, wenn wir das Gefühl haben, unsere Begründung sei nicht triftig genug oder für den anderen nicht akzeptabel. Dabei muss ein „nein“ nicht grundsätzlich begründet werden. Und mein Gegenüber muss den Grund auch nicht unbedingt akzeptieren.

Wichtig ist vor uns selber sagen zu können: Ich habe meine Gründe, die mir so wichtig sind, dass ich an dieser Stelle zu mir und meiner Antwort stehen will. „Ich habe meine Gründe.“ klingt vielleicht etwas hochnäsig. Aber oftmals genügt es. Man will ja nicht vor jedem die Hosen runterlassen.

Und noch eins: Eine Begründung ist dann gut, wenn sie sicher klingt. Auch Sachlichkeit hat sich bewährt. Hier einige Beispiele:

  • Ich mache das aus Prinzip nicht.
  • Donnerstags (oder wann auch immer) habe ich fest anders verplant.
  • Ich bin voll ausgelastet.
  • Es sprechen viele sachliche Gründe dagegen.
  • So etwas liegt mir nicht.
  • Ich habe keine Erfahrung damit und möchte sie im Moment auch nicht machen.
  • Ich habe es probiert. Es ist nichts für mich.
  • Ich denke, dass XY besser dafür geeignet ist.
  • Das ist nicht mein Fachgebiet.
  • Bitte fragen Sie mich das nächste Woche (Zeitpunkt) noch mal…
  • Ich halte Privat und Beruf gern auseinander.
  • Dafür möchte ich die Verantwortung nicht tragen.
  • Ich muss „nein“ sagen, weil es meine (berufliche/elterliche) Pflicht ist.
  • Ich sage nein, weil ich deine Mutter bin und es meine Aufgabe als Mutter ist….
 

Bei sich bleiben

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass in obigen Beispielen viele sogenannte „Ich-Botschaften“ stecken. Mit ihnen lassen sich Anliegen auf eine Weise mitteilen, die das Gegenüber besser annehmen kann, als wenn ich zum Beispiel in Vorwürfe verfalle.

Beliebte vorwurfsvolle Reaktionen sind zum Beispiel: Was fällt dir denn ein, mich sowas zu fragen? Siehst du nicht, dass ich so schon genug zu tun habe? Oder: Hast du mal überlegt, wie das für mich ist?

Der andere erlebt es schnell als Angriff, wenn sie auf diese Weise kontern, weil sie nicht einfach „nein“ sagen konnten oder wollten. Und das daraus resultierende emotionale Theater geht ziemlich sicher nach hinten los.

Also immer von sich ausgehend formulieren: Ich muss leider nein sagen, weil mein Kalender voll ist. Oder schlicht: Ich kann jetzt nicht. Bitte kommen sie später noch mal auf mich zu.  Das kann jeder besser nehmen, als wenn man mit seinem Anliegen wie ein Idiot behandelt wird, obwohl man nur eine sachliche Frage hatte.

 

Befürchtungen abfragen

Du hast Angst vor der Reaktion des anderen? Dann frag nach: Was würde denn passieren, wenn ich „nein“ sage? Sie werden überrascht sein, wie offen und ganz vernünftig die meisten Menschen darauf antworten und wie selten damit gedroht wird, dass einem dann der Kopf abgerissen wird. Vor allem von Männern bekommt man bei Rückfragen dieser Art eine recht sachliche Antwort, die nicht selten für die eigene Entscheidungsfindung hilfreich oder irgendwie anders beruhigend ist. Denn Männer nehmen ein „nein“ viel seltener persönlich oder entwickeln einen Plan B für das eigene Anliegen ohne auf den „Nein-Sager“ sauer sein zu müssen.

 

Sich Zeit verschaffen

Manchmal spürt man die Pistole auf der Brust. Man merkt zwar, dass man „nein“ sagen müsste, aber man kriegt es nicht sofort über die Lippen! Das kommt dir bekannt vor? Dann verschaff dir in solchen Momenten Luft und bitte um Bedenkzeit. Nimm Abstand von der Situation, geh raus oder ruf jemanden an. Geh noch mal in Ruhe durch, warum du sicher bist, dass dein „nein“ seine Berechtigung hat, und dann nimmst du Anlauf und teilst es mit: Ich habe nachgedacht und mich entschieden. Ich werde es nicht tun/bin dagegen/kann nicht kommen….

So kommt beim anderen an, dass es bedacht ist und fest entschlossen. Oft kann ein „Nein“ auf diese Weise besser weggesteckt werden, als wenn schlechtes Gewissen gewittert wird. Denn dieses wird schnell als Angriffsfläche erkannt und für einen neuen Versuch genutzt, dir doch eine Zustimmung abzuringen.  

 

Vor der Reaktion des anderen schützen

Oft steht uns für ein „nein“ die Angst vor der Reaktion des anderen und die Sorge im Weg, dieser Reaktion hilflos gegenüber zu stehen. Dies ist nicht unbegründet. Denn vor allem im direkten Kontakt kommst du nicht drum rum, Zeuge der Reaktion des Gegenübers zu werden. Da musst du für einen Moment durch, den du aber zeitlich begrenzen kannst. Denn es ist – vor allem im Job – nicht in jeder Situation deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der andere dein „Nein“ gut verkraftet und seine Reaktion von dir emotional aufgefangen wird.

Sorge deshalb dafür, dass du oder der andere zügig aus so einer unbehaglichen Situation rauskommen. Leg dir Ansagen bereit, die dir passend erscheinen. Zum Beispiel:

  • Bitte lassen Sie/lass mich jetzt allein.
  • Machen Sie jetzt bitte mit ihrer Arbeit weiter.
  • Gehen Sie für einen Moment in die Pause, wenn Ihnen das jetzt zu schaffen macht.
  • Ich muss weiter.
  • Ich mache jetzt mal eine Pause/einen Spaziergang…
  • Wenn es Probleme macht, können wir später darüber sprechen. Jetzt muss ich erst mal weitermachen.
 

Vor dem Spiegel üben

Mache bei wichtigen „Neins“ einen Probelauf vor dem Spiegel. Der Satz muss sitzen, damit er rauskommt. Oder stell einen Stuhl für dein „Opfer“ auf und stelle dir vor, dass es dort sitzt. Sag, was du wirklich willst. Und zwar so oft, bis es laut und flüssig rauskommt. Achte nur darauf, dass du bei der Übung allein bist. Und wenn es sitzt, dann nimm den Schwung mit und setze es gleich um, bevor der Mut dich wieder verlässt. „Tschakka!“

Je öfter du erlebst, dass du ein „nein“ emotional überlebt hast und dass man dich trotzdem noch mag und dass dein „Nein“ vielleicht sogar zu Anerkennung geführt hat, desto leichter wird es dir fallen. Und wer weiß: Vielleicht macht es dir eines Tages sogar richtig Spaß, es öfter zu tun. Aber für den Anfang genügt es, wenn du es überhaupt wagst. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Autorin: Marthe Kniep

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