Ärzte schlagen Alarm Pflegekräftemangel in der Intensivmedizin: "Es sterben Kinder!"

Die Ärzte an der Medizinischen Hochschule Hannover schlagen Alarm. Denn der Pflegekräftemangel hat immer gravierendere Folgen. Besonders in der Intensivmedizin. 

Herzfehler, Organversagen, Krebs oder schwere Infektionen, die kleinen Patienten die in die hochmoderne und spezialisierte Medizinische Hochschule Hannover kommen, sind alle lebensbedrohlich erkrankt. Doch immer wieder müssen die Ärzte der Kinderintensivstation die Kinder abweisen. "Manchmal müssen wir sagen, wir können den Patienten nicht aufnehmen, weil uns momentan die Kapazitäten fehlen. Und dann ist es vorgekommen, dass die Kinder in der Nacht dann in einer anderen Klinik verstorben sind", berichtet Dr. Michael Sasse, leitender Oberarzt der pädiatrischen Intensivstation an der Medizinischen Hochschule Hannover im Interview mit"Stern TV". 

 

Allein in diesem Jahr musste die MH Hannover 300 Kinder ablehnen

Die Intensivstation in Hannover ist die größte Abteilung ihrer Art in Deutschland. Jährlich werden hier rund 1200 Kinder und Jugendliche behandelt. Doch allein in diesem Jahr mussten die Ärzte mehr als 300 Kinder ablehnen, etwa 100 von ihnen waren lebensbedrohlich erkrankt. Im Jahr zuvor waren es 417 Kinder, die stationär nicht aufgenommen werden konnten. 

Und der Grund dafür sind nicht etwa fehlende Ärzte oder medizinische Gerätschaften. Es fehlt schlichtweg das Pflegepersonal für die kleinen Patienten. Obwohl auf der Intensivstation 18 Plätze verfügbar sind, werden seit Längerem nur noch 12 bis 15 Betten belegt, denn sonst würden das auf Kosten der anderen pflegebedürftigen Kinder gehen. "Das ist natürlich eine Katastrophe"; sagt Pflegerin Louisa Abraham. "Auf unserer Station könnten Kinder eventuell gerettet werden, wenn wir das nötige Personal hätten. 

 

Die Lage in den Kliniken spitzt sich immer weiter zu

Drei Vollzeitstellen von den insgesamt 54 Pflegestellen in der Abteilung sind derzeit nicht besetzt. Vor allem weil Dr. Sasse kein Personal findet. Verschärft wird die Situation noch von Krankmeldungen der überarbeiteten Mitarbeiter und von Elternzeiten. Die Lage spitzt sich laut Sasse immer weiter zu - der Kollaps droht. 

Obwohl in Hannover 20 Ärzte und die modernste medizinische Ausstattung zur Verfügung stehen, muss die Intensivstation seit Monaten Anfragen immer wieder ablehnen. Zwei der sechs Behandlungsräume können ebenfalls nicht genutzt werden, weil die entsprechenden Assistenzen fehlen. Zwar bemüht sich Dr. Sasse die kleinen Patienten in seinem Pädiatrischen Intensivnetzwerk anderweitig unterzubringen, doch er sagt: "Anderen Kliniken geht es genauso!"

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Doch woher kommt der Personalmangel besonders auf den Intensivstationen? Die Pflegekräfte benötigen eine mehrjährige Zusatzausbildung, weil sie speziell geschult werden müssen, um eine intensivmedizinische Versorgung von Kindern sicherstellen zu können. "Ohne das sich das im Lohn gravierend auszahlen würde", bedauert der Oberarzt. 

Weil sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlen, gehen die Ärzte und das Pflegepersonal jetzt an die Öffentlichkeit und zeigen, wie hart und belastend der Alltag auf einer Kinderintensivstation ist. Und, das die Mediziner nicht nur täglich um das Leben ihrer kleinen Patienten müssen, sondern auch um Anerkennung und monetäre Wertschätzung ihres Berufszweiges. 

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