Die richtige DistanzSchutz vor Missbrauch & Verlorengehen: So lernen Kinder, eine gesunde Distanz zu Fremden

Die größte Angst von Eltern ist, dass ihren Kindern etwas passieren könnte. Um dem so gut es geht vorzubeugen, ist es wichtig, dass Erwachsene Kinder rechtzeitig und angemessen über die Schattenseiten des Lebens informieren. Dazu gehört auch, die Erkenntnis in ihre Welt zu lassen, dass nicht alle Menschen auf der Welt „gut“ sind und manche sogar „böse“ zu Kindern. 

Inhalt
  1. Aufklärung als Prävention verstehen
  2. Zu Hause das richtige Verhalten vorleben
  3. Die eigenen mulmigen Gefühle äußern
  4. Ein Nein des Kindes akzeptieren
  5. Hinter dem Kind stehen
  6. Über „Gut und Böse“ sprechen
  7. Die richtigen Worte finden
  8. Absprachen für unterwegs treffen
  9. Tricks von „Bösen“ thematisieren

Das ist erstens für Kinder wichtig, um aufgeklärt auf die Welt und fremde Menschen zugehen zu können oder eben auch besser aus dem Weg. Und zweitens für die Eltern, damit sie ihre Kinder mit so wenig Angst wie möglich eigenständig größere Kreise ziehen lassen können. Was Kindern dabei hilft, eine gesunde Distanz zu anderen Menschen zu entwickeln oder herzustellen und wie Eltern ihre Kinder darin unterstützen können, erklärt unsere Expertin: Familientherapeutin Marthe Kniep.

>>> Wie kläre ich mein Kind auf? 10 Tipps von der Expertin

 

Aufklärung als Prävention verstehen

Übergriffe und Missbrauch an Kindern sind kein Thema, das Eltern gern besprechen. Es gibt einen ganz natürlichen Widerstand, der sagt: Nein. Das will ich lieber von meinem Kind fernhalten. Doch damit helft ihr eurem Kind aber nicht. Andersrum wird ein Schuh daraus: Kinder, die eine klare Vorstellung davon haben, was Menschen im Schilde führen können und was zu weit geht, können viel eher erkennen, wenn sich eine Begegnung in die falsche Richtung entwickelt.

Aufgeklärte Kinder sind besser vor Übergriffigkeit und Missbrauch geschützt als Kinder, die in dieser Hinsicht noch unbedarft sind. Deshalb geben Eltern ihrem Kind etwas sehr Wichtiges an die Hand, wenn sie mit ihm besprechen, wie es gut auf sich Acht geben kann und was andere Menschen auf keinen Fall mit ihnen machen dürfen. Auch die Verwandten nicht!

 

Zu Hause das richtige Verhalten vorleben

Alles Lernen fängt mit der Nachahmung der Großen an. Deshalb ist es gut, wenn Eltern ihre persönlichen Grenzen deutlich ansprechen, wenn ein anderer sie nicht achtet. Wenn die Mutter zum Beispiel zum Vater sagt: „Ich will nicht, dass du mich so doll kitzelst beim Umarmen. Das ist unangenehm.“  hat sie ihre Grenze aufgezeigt. Antwortet der Vater: „Oh. Entschuldige. Ich bin nächstes Mal vorsichtig.“  hat das Kind erlebt: Mama benennt ihre Grenze und sorgt für sich und Papa respektiert Mamas Grenze. So soll es bestenfalls sein, damit das Kind lernt, dass man alles sagen darf und es vom Gegenüber respektiert wird.

Kinder aus Familien, in denen diese Grenzen nicht genügend gewahrt werden, tun sich schwerer damit, einen Übergriff gleich als diesen zu erkennen und sich Hilfe zu holen. Hat ein Kind hingegen gute Vorbilder für das Wahren von Grenzen, kann es beim Erleben unguter Situationen in der Außenwelt deutlicher spüren: Da stimmt was nicht. Vorsicht!

 

Die eigenen mulmigen Gefühle äußern

Manchmal ist es ja „nur so ein Gefühl“, wenn wir sagen: Das ist mir hier irgendwie unheimlich. Oder: Der Mensch da kommt mir komisch vor. Ich geh mal lieber schnell weiter. Doch man sollte diese Gefühle auch als Erwachsener nicht klein reden in ihrer Bedeutung. Sie sind wichtig, weil sie uns immer wieder davor bewahren, uns in Gefahr zu begeben.

>>> Kindesmissbrauch: Daran erkennst du, ob ein Kind missbraucht wurde

Zur Ausbildung der kindlichen Intuition ist es hilfreich, wenn Kinder erleben: Mama und Papa haben (auch) manchmal ein mulmiges Gefühl, nehmen es ernst, vertrauen es uns an und bringen alle aktiv in eine sichere Situation. Durch diese Erfahrung können Kinder erleben, dass subjektive „Eingebungen“ als bedeutsam wahrgenommen werden und sich selbstbewusst in Richtung Sicherheit bewegen, wenn sie selbst eines Tages ein ungutes Gefühl verspüren.   

 

Ein Nein des Kindes akzeptieren

Natürlich gibt es Themen, bei denen das elterliche Nein unausweichlich und wichtig ist. Doch es gibt auch hier Grenzen. Zum Beispiel dort, wo Kinder nicht (mehr) auf eine bestimmte Weise berührt werden wollen. Diese Grenze verändert sich natürlich im Laufe der Entwicklung vom Baby zum jungen Erwachsenen. Wichtig ist, diese Momente nicht zu verpassen, an denen sich die Grenzen verschieben und sie zu achten. Zum Beispiel beim Abtrocknen nach dem Baden, beim Schmusen, während des Aufwachens oder Gute-Nacht-Sagens. Kinder die erleben, dass ihr Nein geachtet wird, können es oft besser vor Fremden vertreten als Kinder, die gewohnt sind, dass ihre Grenzen übergangen werden.

 

Hinter dem Kind stehen

Kinder brauchen Eltern, die Eltern hinter ihnen stehen, die ein Bewusstsein dafür haben, was zu weit geht und die sie jederzeit um Hilfe, Rat und Schutz fragen können. Und ganz wichtig: Die ihnen immer glauben.

Erleben Eltern, dass Verwandte oder anderer Besuch die Grenzen des Kindes nicht respektieren, ist es deshalb für das Kind sehr stärkend, wenn die Eltern sich für die Einhaltung der Grenze des Kindes einsetzen. Also heißt es bei Besuch zum Beispiel: „Tante Paula. Tom will nicht mehr von anderen als uns geküsst werden. Lass das bitte.“ Oder: „Nein. Oma. Wenn Mathilda nicht bei dir schlafen will, ist das in Ordnung für uns. Mach ihr kein schlechtes Gewissen deswegen. Das ist nicht okay.“ 

 

Über „Gut und Böse“ sprechen

Man sieht niemandem an, ob er oder sie böse ist. Das ist eine Information, die Kinder am besten von ihren Eltern bekommen, weil sie ihnen normalerweise immer glauben.

Wenn man darüber mit Kindern ins Gespräch kommt, sind Beispiele gut zum veranschaulichen. Gibt es jemanden im Umfeld des Kindes, der oft grimmig guckt und etwas verwegen aussieht, aber nach elterlicher Erfahrung ein sehr feiner Mensch zu sein scheint? Erzähle es deinem Kind. Und gibt es jemanden, der immer süßlich freundlich lächelt, aber zu Bosheiten neigt? Dann berichte deinem Kind davon, wie du sich zunächst getäuscht hast und dann herausbekommen hast, was für einen Menschen du wirklich vor dir hast. Vielleicht hattest du schon so ein Gefühl und hast es nicht genug beachtet? Berichte deinem Kind auch davon, wie leicht man sich täuschen lassen kann, auch wenn die meisten Menschen nett zu Kindern sind und keine Verbrecher.

 

Die richtigen Worte finden

Manche Kinder fragen, was die Bösen denn mit den Kindern machen, die sie „mitschnacken“ oder entführen. Hier braucht es gut überlegte Worte. Zum Beispiel so:

Es gibt Menschen, denen macht es Spaß, anderen weh zu tun. Oder sie fassen Kinder auf eine Weise an, wie die Kinder das nicht wollen und machen es trotzdem. Dabei darf das kein Mensch machen, weil es falsch und verboten ist. Die Kinder können nichts dafür. Wenn sowas passiert, ist immer der Erwachsene schuld. Auch wenn die Kinder mitgegangen sind, weil sie zuerst dachten, dass der Mensch nett ist.

Manche Menschen zwingen die Kinder auch, dass sie mit niemandem darüber reden dürfen, was sie mit ihnen gemacht haben. Das ist falsch. Solche bösen Geheimnisse muss man anderen sagen, damit einem geholfen werden kann. Wenn du sowas mal hörst, sagst du es am besten Mama oder Papa. Wir glauben dir immer!

Bedenke dabei immer, dass Täter oft aus dem sozialen Umfeld des Kindes stammen. Deshalb macht es Sinn, dem Kind zu erklären, dass nur der Kinderarzt sie auch an den verborgenen Stellen anfassen darf. Alle anderen nicht. Auch nicht der Fußballtrainer, die Lehrerin, ein älterer Mitschüler oder der Nachbar.

Schutz vor Missbrauch & Verlorengehen. So lernen Kinder, eine gesunde Distanz zu Fremden
Wo fühlt es sich gut an und wo nicht? Kinder haben nach einer fachlich angeleiteten Übung „erlaubte“ Stellen grün markiert und Tabuzonen rot.
 

Absprachen für unterwegs treffen

Gehen Eltern mit dem Kind in unübersichtliche Situationen, ist es gut, vorher zu besprechen, wie sie sich verhalten wollen, wenn sie sich aus den Augen verlieren sollten. Das sollte so konkret wie möglich durchgesprochen werden. Hier ein paar Beispiele:

  • Wenn wir uns verlieren, treffen wir uns hier am Eingang/beim Karussell/beim großen Stein…. Wir bleiben dort so lange stehen, bis wir wieder zusammen sind. Keiner bleibt allein zurück.
  • Ich gebe dir einen Zettel mit meiner Nummer. Wenn du mich verlierst, gehst du in ein Geschäft/Restaurant und fragst, ob du mich anrufen kannst. (Nummer auf den Arm schreiben hat sich auch bewährt). Du sprichst bitte keinen Fremden auf der Straße an oder jemanden, der vorgibt, dich zu uns zu führen.
  • Im Kaufhaus: Du gehst zur Kasse, wenn du mich nicht mehr findest. Da können die eine Durchsage machen und ausrufen, wo wir uns finden.
  • Wichtig: Du gehst mit niemandem mit. Ausnahme ist ein Polizist.
 

Tricks von „Bösen“ thematisieren

Es gibt zahlreiche gute Kinderbücher, die über Tricks von „bösen“ Menschen aufklären. Manche machen je nach Alter und Bildsprache etwas Angst, andere gehen das Thema sehr behutsam an (Empfehlungen unten). Deshalb sollte man entsprechende Titel vor der Lektüre selber anschauen und dem eigenen Gefühl folgen, ob es das Richtige sein könnte.

Wichtig ist den Kindern zu vermitteln, welche „Masche“ viele Pädophile oder Kriminelle verwenden, um Kinder anzulocken. Dass sie ihnen zum Beispiel attraktive Dinge in Aussicht stellen, wenn sie mit ihnen mitkommen, die gar nicht stimmen. Oder das Mama und Papa angeblich erlaubt hätten, dass es mitkommt, weil sie ins Krankenhaus mussten und so weiter. 

Was den Kindern in einer Geschichte passiert, kann von ihnen mit gutem Abstand angeschaut werden und in Titeln für junge Kinder gehen die Geschichten immer gut aus. Doch es bleibt ein Gefühl von: Das ist gerade noch mal gut gegangen. Das genügt, um die Entwicklung von gesundem Misstrauen zu fördern.

Durch das Lesen entsprechender Kinderbücher erfahren Eltern, welche Fragen, Erfahrungen oder Befürchtungen die eigenen Kinder vielleicht haben. Und was sie glauben, was in Ordnung ist und was nicht. So können Eltern selber ein sichereres Gefühl dafür bekommen, wie fit das Kind schon in Bezug auf gesunde Distanz zu anderen Menschen ist oder wo es noch Erklärungen braucht.

Buchempfehlungen: 

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Foto: PR

Was ist los, Joschi Bär!

Inhalt: Der kleine Joschi Bär macht eine Erfahrung mit seinem Nachbarn, die ihm schwer zu schaffen macht. Wie soll er sich jetzt verhalten? Seine Geschichte zeigt sehr einfühlsam, wie planvoll und mit welchen Methoden ein übergriffiger Mensch sein Opfer „einwickeln“ und es zum Schweigen bringen will. Zum Glück hat Joschi den Mut, sich mit seinem schlechten Geheimnis jemandem anzuvertrauen, der ihm glaubt. So kann ihm geholfen werden.

Großes Plus zum Titel ist die Handreichung zum kostenlosen Download, in der Eltern und Erzieher Anregungen bekommen, wie sie mit Kindern über die Geschichte von Joschi und auch angemessen über Missbrauch sprechen können. Dazu gibt es ausführliche Infos über Missbrauch, erste Anzeichen von Missbrauch bei Opfern und was im Ernstfall zu tun ist. 

Brigitte Endres (Text), Anna Karina Birkenstock (Bild)
Was ist los, Joschi Bär?
32 Seiten, durchgehend vierfarbig
Format 22.5 x 27.5 cm
€ 14 (D); € 14.50 (A); CHF 18.00 (CH)
ab 4 Jahren
ISBN 978-3-907114-09-4

Der Neinrich

Inhalt: Wann darf man zu etwas Nein sagen, was andere von mir wollen oder mit mir machen? Auf diese Frage gibt der Neinrich auf fröhlich, aufmüpfige Art sehr passende und einprägsame Antworten schon für kleine Leser. Aber auch Grundschulkinder spricht noch an, was der Neinrich zu sagen hat. Entsprungen ist er den Gedanken eines kleinen Jungen, der mal wieder von seiner Tante abgenutscht werden sollte. Damit ist in Zukunft Schluss…!

Edith Schreiber-Wicke / Carola Holland
DERNEINRICH
32 Seiten
Euro [D] 12,90/Euro [A] 13,30/CHF 23,50
ISBN 3 522 43388 4

Text: Marthe Kniep

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