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Weltfrauentag 2026: Warum ist Feminismus gerade jetzt wichtig?

Zum Weltfrauentag 2026 wird klar: Nicht nur die Politik, auch Teile der Gesellschaft sind rückwärts gekehrt. Das macht Feminismus unverzichtbar.

Frauen auf einer Demonstration
Foto: Halfpoint/iStock
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Während ich mich auf den Weltfrauentag 2026 am 8. März vorbereite, geistern mir bewegende Bilder durch den Kopf.

Gisèle Pelicot, die im Prozess gegen ihre Vergewaltiger sagt: "Die Scham muss die Seite wechseln." Um das zu untermauern, entscheidet sie, den Prozess gegen ihren Ehemann und dessen Komplizen, die sie jahrelang betäubt und anschließend sexuell missbraucht haben, öffentlich zugänglich zu machen.

Renée Good (†37), dreifache Mutter und Lesbe aus Minneapolis (USA), die von einem Beamten der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE in ihrem Auto erschossen wird. Sekunden zuvor hatte sie ihren Mörder noch mit den Worten "Kein Problem, Mann" angelächelt, um deeskalierend auf ihn einzuwirken.

Kash Patel, FBI-Chef und Trump-Freund, der mit US-Steuergeldern nach Mailand fliegt, um die Goldmedaille der US-amerikanischen Eishockeymannschaft mit den Spielern zu feiern. Handyvideos zeigen ihn grölend und saufend mit "den Jungs" in der Umkleide. Gekrönt wird der Skandal von einem Videotelefonat mit US-Präsident Donald Trump, der der Mannschaft eine Siegesfeier im Weißen Haus verspricht und dann herablassend hinzufügt, er müsse nun auch das Frauenteam – das bereits ein paar Tage zuvor olympisches Gold geholt hatte – einladen, ansonsten drohe ihm mal wieder ein Amtsenthebungsverfahren. Und alle Männer lachen. Natürlich.

Kurzer Reality Check: Die Frauen-Eishockeynationalmannschaft der Vereinigten Staaten ist deutlich erfolgreicher als die der Männer und hat seit ihrem Olympia-Debüt 1998 acht Medaillen (3x Gold, 4x Silber, 1x Bronze) gewonnen. Die Männer holten im gleichen Zeitraum nur drei, einmal Gold und zweimal Silber.

Aktuell scheint es fast egal, wohin mein Auge blickt: Überall zeigt sich, wie wichtig Feminismus nach wie vor und vor allem jetzt ist. Denn wir als Gesellschaft haben noch längst nicht begriffen, dass Frauen gleichwertig zu Männern sind. Ganz im Gegenteil.

Weltfrauentag 2026: ...und wann ist Weltmännertag???

Jedes Mal, wenn jemand "Weltmännertag" googelt, weil er meint, von bösen, männerhassenden Feministinnen in die Unsichtbarkeit gedrängt zu werden, dann weiß ich nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Beides irgendwie.

Aber erstmal zu den Basics. Ja, liebe Männer, es gibt einen offiziellen, internationalen Weltmännertag. Tatsache. Jedes Jahr am 3. November stehen Männer und vor allem das Thema Männergesundheit im Fokus. In vielen deutschen Städten gibt es spezielle Aktionen, wie Sportevents und Kneipentouren, aber auch Gesundheitschecks und Beratungsangebote kann Mann in Anspruch nehmen.

Was es jedoch nicht gibt am Weltmännertag sind Männer, die zu Tausenden für ihre Rechte auf die Straße gehen. Warum? Die Antwort liefert das Patriarchat: Männer sind keine marginalisierte Gruppe. Männer können in jedem Land dieser Welt wählen gehen, selbst über ihren Körper bestimmen und auf offener Straße tanzen und singen – wenn sie das denn wollen.

Weltfrauentag vs. Weltmännertag: Mind the Gender Gap!

Beim Wahlrecht, der körperlichen Selbstbestimmung und dem Tanzen auf offener Straße hören die Ungleichheiten, mit denen Frauen tagtäglich leben, natürlich nicht auf. Gender Gaps, also Geschlechterlücken, nennen wir die Stellen, an denen Männer nachweisbar bevorzugt werden.

Die 15 bekanntesten Gender Gaps sind:

  1. Pay Gap: Frauen verdienen für die gleiche Arbeit weniger Geld als Männer

  2. Wealth Gap: Frauen besitzen weniger Vermögen als Männer

  3. Pension Gap: Frauen erhalten weniger Rente im Alter

  4. Health Gap: Der männliche Körper gilt in der Medizin als Standard. Fehldiagnosen, unzureichend erforschte Medikamentenwirkungen und später eingeführte Therapien für Frauen können die Folge sein.

  5. Medical Research Gap: Frauen sind in klinischen Studien unterrepräsentiert

  6. Mental Load Gap: Der Großteil der (unsichtbaren) Organisationsarbeit für Familie und Haushalt liegt bei Frauen

  7. Leadership Gap: Es gibt weniger Frauen in Führungspositionen, Vorständen und Aufsichtsräten

  8. Reprensentation Gap: Männer dominieren Politik, Wissenschaft, Medien und Kunst

  9. Justice Gap: Frauen erleben häufiger eine Vorverurteilung im Justizsystem

  10. Respect Gap: Frauen werden häufiger unterbrochen und nicht ernstgenommen

  11. Care Gap: Unbezahlte Sorgearbeit wird überwiegend von Frauen übernommen

  12. Safety Gap: Frauen werden häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt und Belästigung

  13. Consent Gap: Zustimmung zu sexuellen Handlungen, gesetzte Grenzen und sexuelle Selbstbestimmung werden Frauen oft abgesprochen

  14. Sex Education Gap: Sexualaufklärung ist überwiegend auf männliche Anatomie und Bedürfnisse beschränkt

  15. Orgasm Gap: Frauen kommen bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr deutlich seltener zum Orgasmus als Männer

Warum Weltfrauentag? Zahlen und Fakten

Alle Gender Gaps lassen sich inzwischen statistisch belegen. Wenn wir von Feminismus und der Benachteiligung von Frauen* sprechen, kann das also mit Studien und konkreten Zahlen untermauert werden. Zum Weltfrauentag 2026 lohnt es sich, ein paar davon für anstehende Diskussionen im Kopf zu haben.

Der Gender Pay Gap beschreibt den Verdienstabstand pro Stunde zwischen Frauen und Männern. Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) haben Frauen in Deutschland im Jahr 2025 – wie schon 2024 – pro Stunde durchschnittlich 16 % weniger verdient als Männer. Sie erhielten mit 22,81 Euro einen um 4,24 Euro geringeren durchschnittlichen Bruttostundenverdienst als Männer (27,05 Euro).

Auch der Gender Care Gap, der die Ungleichheit von übernommener Sorgearbeit (Kinder, Haushalt, Pflege von Angehörigen) misst, ist hoch. Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend berichtete im Juni 2025, dass Frauen pro Tag im Durchschnitt 43,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden als Männer. Auf die Woche gerechnet, leisten Frauen knapp 29 Stunden unbezahlte Sorgearbeit, Männer nur knapp 20 Stunden.

Der Orgasm Gap klingt lustig, ist es aber nicht. Denn während bei heterosexuellen Sex rund 95 % der Männer zum Orgasmus kommen, sind es nur 65 % der Frauen. Und nein, das liegt nicht daran, dass Frauen "schwerer" zum Höhepunkt kommen. Die Hauptgründe für den Orgasm Gap sind der Fokus auf Penetration als Hauptakt und die immer noch vorherrschende Meinung, dass die Lust des Mannes beim Sex im Vordergrund stünde.

Die Safety Gap in Deutschland ist ebenfalls signifikant. Laut Bundeskriminalamt (BKA) lag der Anteil weiblicher Opfer in der Fallgruppe Sexualstraftaten im Jahr 2024 bei 85,9 %. Von diesen 53.451 Opfern waren knapp die Hälfte minderjährig, also Kinder und Jugendliche.

Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen*

Weltfrauentag 2026: Feminismus bewegt

So bitter die Zahlen – und damit auch die Realität – sind, so wichtig ist es, sich als Frau für Frauen stark zu machen. Wir können nicht ändern, dass wir bisher benachteiligt waren. Niemand stellt uns rückwirkend Schecks für geleistete Care-Arbeit aus. Niemand entschädigt uns für all die verpassten Orgasmen. Niemand nimmt uns die Erinnerungen an die ekligen Typen in der Disko, die uns ungewollt an den Po gefasst haben – und Schlimmeres. Aber wenn wir uns zusammentun, kann Gleichberechtigung zu einer Bewegung werden. Das Motto des Internationalen Frauentags 2026 lautet deswegen nicht zufällig "Give To Gain", in etwa "Geben, um zu gewinnen". Die Kernbotschaft dieses Slogans: Von gegenseitiger Unterstützung und Solidarität profitieren alle Menschen.

Dass Frauen zusammen stark sind, haben wir auch in Deutschland schon mehrfach miterlebt. Denn der feministische Kampf führt immer wieder zu Erfolgen. So wurde 2016 das Sexualstrafrecht verschärft und der Grundsatz "Nein heißt Nein" (§ 177 StGB), der jede sexuelle Handlung gegen den Willen des Opfers strafbar macht, etabliert. Ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn beim juristischen Schutz von Opfern sexueller Gewalt noch viel Luft nach oben ist.

2021 trat das Zweite Führungspositionen-Gesetz in Kraft. Dessen Ziel ist es, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen und verbindliche Vorgaben für die Wirtschaft und den öffentlichen Dienst zu machen. Im Jahr danach wurde endlich das Verbot der Werbung für Schwanger­schaftsabbrüche aufgehoben. Durch die Streichung von §219a StGB dürfen Frauenärztinnen und -ärzte nun endlich sachlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren, ohne mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen.

Feministischer Kampftag: Was kannst DU tun?

Niemand muss in die Politik gehen, um Frauen* in ihrem Kampf für Gleichberechtigung zu unterstützen. Vor allem in Zeiten von Social Media kann jede*r von uns relativ einfach einen Beitrag leisten.

Feministische Bewegungen wie #MeToo, "My body, my choice" und ganz aktuell "My choice, my voice" werfen immer wieder ein grelles Licht auf die Missstände des Patriarchats und unterstreichen, wie wichtig Solidarität unter Frauen und weiblich gelesenen Personen ist. Ein wichtiger Teil des Erfolgs dieser Bewegungen ist ihre Sichtbarkeit auf Social Media. Beiträge liken, kommentieren und weiterleiten bringt den Aktivistinnen einen echten Vorteil. Natürlich lästern Kritiker*innen immer wieder, dass ein Herzchen auf Instagram nicht reicht, um etwas zu bewegen. Aber es ist ein Anfang und ein Tropfen Schmieröl im Getriebe.

Wenn du zum Weltfrauentag am 8. März 2026 aktiv werden willst, findest du hier eine kleine Auswahl an Demos, Events und Kampagnen:

  • Berlin: "Feministisch, solidarisch, gewerkschaftlich" – Großdemonstration, mehr Infos hier

  • Berlin: Purple Ride – Queere Fahrrad-Demo, mehr Infos hier

  • München: "We Won't Shut Up!" – Feministisches Festival (5.–28. März 2026), Instagram: @wewontshutup_munich

  • Köln: Demo zum Internationalen Frauenkampftag, mehr Infos hier

  • UN Women Deutschland – Kampagne "Rights. Justice. Action.", online unterstützen

  • WHO/Europa – Webinar "Rechte. Gerechtigkeit. Handeln. Für ALLE Frauen und Mädchen" am 5. März, mehr Infos und Anmeldung hier

"My choice, my voice" hat im Kampf um Zugang zu verbindlich sicheren Schwangerschaftsabbrüchen gerade einen Teilsieg vor der Europäischen Kommission erlangt. Auf Instagram kannst du dich über die EU-Bürger:innen-Initiative und ihre Gründerin Nika Kolac informieren:

Internationaler Frauentag meets Globaler Frauen-Generalstreik

Zahlreiche feministische NGOs wie Terre des Femmes, Amnesty Women's Rights und lokale Gleichstellungsstellen bieten am Internationalen Frauenkampftag spezielle Webinare, Panels und Vorträge zu Themen wie Gewaltprävention, Care‑Arbeit, politischer Teilhabe an. Außerdem gibt es in den meisten Städten themenbezogene Kinovorführungen, Ausstellungen, literarische Veranstaltungen und vieles mehr. Informier dich am besten lokal.

Wenn du nach dem Weltfrauentag am 8. März 2026 noch einen Gang hochschalten willst, kannst du am 9. März am Globalen Frauen-Generalstreik teilnehmen. Zahlreiche Bewegungen unterstützen den Streiktag, unter anderem die Initiative "Enough! Genug! Basta!". Die Gründerinnen schreiben auf ihrer Homepage:

"Die bedrohlichen Zeiten brauchen ein schärferes Instrument als Petitionen und geduldige Demonstrationen. Deshalb legen wir die bezahlte und unbezahlte Arbeit nieder und rufen auf zu vielfältigen Protestformen 
und Aktionen."

Weltfrauentag 2026: Wütend und individuell

Egal, was, wen und wie du am 8. März unterstützt, immer gilt: Passe deinen Einsatz an deine Lebensrealitäten an. Ich zum Beispiel engagiere mich ganzjährig ehrenamtlich im queer-feministischen Bereich und organisiere Lesungen, Events und Community-Treffen. Dafür gehe ich aktuell nicht auf Demos, weil ich diese Zeit dann lieber mit meinen Kindern verbringe.

Kritiker*innen wollen uns gerne weismachen, dass wir entweder 100 Prozent in eine Sache stecken müssen oder es wäre den Einsatz nicht wert. Bullsh*t. Engagement funktioniert in Wellen, wie unser Leben. Mal hast du mehr Power, mal weniger oder sie ist anders gelagert. Mal schreist du dir auf Demos die Kehle wund, mal likst und teilst du online Beiträge anderer Aktivistinnen. Mal bist du jeden Tag im Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen*, mal liest du lieber zuhause ein Buch in aller Ruhe.

Mein Lesetipp dieses Jahr:

Gisèle Pelicots Biografie "Eine Hymne an das Leben" (Piper-Verlag), die gerade auf Deutsch erschienen sind. Eine mutige, feministische Lektüre zum Weltfrauentag 2026.

Artikelbild & Social Media: Halfpoint/iStock

Quellen