Wutanfälle bei Kleinkindern: So begleitest du dein Kind durch die Wut
Dein Kind hat regelmäßig Wutanfälle? Du kommst an deine Grenzen? Wir zeigen dir Strategien, wie du ruhig bleibst und dein Kind einfühlsam begleitest.
- Wutanfälle bei Kleinkindern: Warum sie zur Entwicklung dazugehören
- Hinter der Wut von Kleinkindern steckt die Autonomiephase
- Was steckt noch hinter Wutanfällen von Kleinkindern?
- Wutanfall unterwegs: Typische Auslöser – und was hilft
- Wutanfall zu Hause: Typische Auslöser – und was hilft
- Öffentliche Wutanfälle: Wie du mit Blicken & Kommentaren umgehen kannst
- Co-Regulation: Was das ist und wie sie funktioniert
- Zwei verschiedene Erziehungsansätze und die Vor- und Nachteile
- So solltest du nicht reagieren bei einem Wutanfall
- Kann man Wutanfällen bei Kleinkindern vorbeugen?
- Wutanfall mit Hauen, Treten & Spucken: So kannst du reagieren
- Wutanfall Kleinkind: Wann sollte ich mir Hilfe suchen?
- Wutanfälle Kleinkind: Hier bekommst du Hilfe
Der letzte Wutanfall meiner Tochter war gestern. Wir saßen zu dritt am Abendbrottisch, unsere Vierjährige (die ohnehin gerade in einer schwierigen Phase steckt) erzählte gerade etwas. Als sie stoppte, fragte ich, ob sie noch etwas essen möchte. Scheinbar war sie noch nicht fertig mit ihrer Erzählung, denn sie schrie: „Nein“, rannte ins Badezimmer und knallte die Tür zu.
Wutanfälle wie diese sind anstrengend. Für uns Eltern, für die Kinder. Doch Wutanfälle bei Kleinkindern gehören zum Familienalltag dazu und sind sogar ein Zeichen tiefer Bindung. Denn dein Kind weiß: Ich darf wütend sein und meine Eltern lieben mich trotzdem.
Julia Mensing ist Familiencoachin aus Nordrhein-Westfalen und erklärt, woher Wutanfälle kommen, was sie mit der Autonomiephase zu tun haben und wie Co-Regulation hilft.
Wutanfälle bei Kleinkindern: Warum sie zur Entwicklung dazugehören
Um Wutanfälle bei Kleinkindern besser einordnen zu können, schauen wir uns an, was im Gehirn der Heranwachsenden passiert. Denn: „Wutanfälle sind ein komplexer Gehirnprozess. Vereinfacht gesagt sind sie ein emotionales Alarmsystem“, erklärt Julia Mensing.
Das liegt an der Amygdala (Mandelkern), die ein zentraler Bestandteil des limbischen Systems im Temporallappen des Gehirns ist. Die Amygdala ist zuständig für die Verarbeitung von Angst und emotionaler Bewertung. Steigt Wut auf, springt das limbische System an. Bei Erwachsenen aktiviert sich der zweite Bereich im Gehirn, der präfrontale Cortex (der Verstand), der für die Impulskontrolle zuständig ist.
„Doch genau dieser Bereich ist bei Kindern noch nicht ausgeprägt, weshalb sie auch noch keine ausgeprägte Impulskontrolle haben.“ Erst zwischen vier und sechs Jahren entwickeln Kindern eine ausgereifte Impulskontrolle.
„Kleinkinder haben also 100 Prozent Gefühl und gar keine Impulskontrolle“, erläutert Julia Mensing. „Wenn dann etwas nicht klappt, übernimmt das Gefühl der Wut. Daher schmeißen sie sich auf den Boden oder werfen mit Sachen.“ Doch so anstrengend und herausfordernd sie auch sind – Wutanfälle haben einen logischen und sinnvollen Zweck: Auf diese Weise lernen Kinder überhaupt erst die Impulskontrolle.
Hinter der Wut von Kleinkindern steckt die Autonomiephase
Hinter der Wut steckt ein Bedürfnis. „In der Autonomiephase, früher bekannt als Trotzphase, ist das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit besonders stark“, erklärt Julia Mensing. Zwischen ein und sechs Jahren befinden sich Kinder in einer ausgeprägten Autonomiephase, danach folgt die Wackelzahnpubertät. „Sie merken dann, dass sie ein eigener Mensch mit einem eigenen Willen sind.“
Die Autonomiephase ist das erste Abkapseln von den Eltern, Ausdruck inneren Wachstums und der Gehirnentwicklung bei Kleinkindern. Gleichzeitig lernen Kinder, dass es Grenzen gibt, und überschätzen sich manchmal auch, was zur Frustration führt.
Was steckt noch hinter Wutanfällen von Kleinkindern?
Die Autonomiephase ist ein Grund für Wutanfälle von Kleinkindern. Weitere Gründe sind biologischer Natur:
Kleinkinder haben noch keine ausgeprägte Impulskontrolle.
Kleinkinder haben keine ausgeprägte Empathie.
Kleinkinder haben noch keine ausreichenden Kommunikationsskills.
Kleinkinder haben keine ausgeprägte „Theory of mind“ (das Hineinversetzen in Denkprozesse). Es hat schließlich einen Grund, warum Mama oder Papa mir etwas verbieten. Zum Beispiel: 'Wir können keine Giraffe im Garten halten' oder 'Wir können nicht mit dem Auto übers Wasser fahren.'
Wutanfall unterwegs: Typische Auslöser – und was hilft
Ein Wutanfall des eigenen Kindes im öffentlichen Raum ist für viele Eltern unangenehm. Wir haben im Folgenden zwei Beispiele für typische Wutanfälle, die unterwegs passieren. Julia Mensing erklärt, was du in so einem Fall machen kannst.
Situation 1: An der Supermarktkasse erspäht dein Kind einen Schokoriegel und möchte ihn haben. Du sagst etwas wie 'Nein, den kaufe ich jetzt nicht. Wir haben zu Hause noch Süßigkeiten.' Es dauert nicht lange, bis dein Kind schreiend am Boden liegt.
Das kannst du tun: „Ich rate dazu, so wenig Informationen und Begründungen ('Wir haben noch Süßigkeiten zu Hausen') wie möglich zu nennen, denn beides bietet Diskussionsstoff ('Dann will ich zu Hause einen Schokoriegel' oder 'Ich will jetzt aber genau diesen Schokoriegel') und dann wird die Situation noch unangenehmer und auch anstrengender für euch beide. Besser: 'Du bist wütend. Ich bleibe bei meinem Nein.' Ist dein Kind noch nicht zu tief im Wutanfall, hilft es manchmal, das Kind in die Autonomie zu holen, z.B. 'Hilfst du mir, die Sachen aufs Band zu legen?' Klappt das nicht mehr, weil dein Kind schon zu wütend ist und schon am Boden liegt? Dann hilft nur 'Augen und durch', zügig bezahlen, das Kind einsammeln und draußen trösten. Das Aushalten ist dann herausfordernd, aber es ist wichtig, konsequent beim Nein zu bleiben, da dein Kind ansonsten nicht weiß, woran es ist.“
Situation 2: Ihr seid auf einem Spielplatz. 'Wir gehen jetzt los.' Dein Kind will nicht gehen, sagt 'Nein.' Du lenkst ein: 'Okay, du darfst noch zehn Minuten spielen.' Doch dein Kind möchte nach Ablauf der Zeit immer noch nicht gehen und bekommt einen Wutanfall.
Das kannst du tun: „Ist dein Kind schon im akuten Wutanfall, kannst du erstmal die Gefühle spiegeln: 'Ich sehe, dass du wütend bist, weil wir jetzt gehen müssen.' Nehme dein Kind in den Arm und spende Trost. Stößt dein Kind dich weg, gibst du ihm den Raum, den es braucht und versuchst es, wenn es sich etwas beruhigt hat, spielerisch: 'Oh du hast ja eine Burg gebaut, wollen wir die fotografieren und mit Bauklötzen zu Hause nachbauen?' Oder du schlägst ein Wettrennen vor (immer zwischen Eltern-Kind, nicht zwischen Geschwistern): 'Wer als Erster beim Auto/an der Bushaltestelle/ am Baum ist, hat gewonnen.' Möchte dein Kind immer noch nicht los, warte einen Moment und versuche es dann noch einmal spielerisch.“
Soforthilfe bei Wutanfall von Kleinkind: Das kannst du jetzt tun
Ob im Auto, im Supermarkt oder zu Hause: Hier sind fünf Soforthilfe-Schritte von Julia Mensing, die du bei einem Wutanfall deines Kindes der Reihenfolge nach ausprobieren kannst.
Das eigene Nervensystem beruhigen: Ein- und ausatmen (klingt banal, wirkt aber in den meisten Fällen).
Reize reduzieren: Seit ihr nicht zu Hause, sucht euch - wenn möglich - eine ruhige Ecke.
Auf Augenhöhe gehen: Gehe zu deinem Kind herunter, sodass es dich sehen kann. Dein Kind muss dir dabei nicht in die Augen schauen.
Die Gefühle begleiten (Co-regulieren): Sage Sätze wie 'Ich sehe, wie wütend du bist', 'Ich sehe dich', 'Ich bin hier', 'Ich tröste dich'.
Grenze benennen und konsequent bleiben: 'Egal, was passiert, ich kaufe den Schokoriegel nicht', 'Stopp! Du haust mich nicht.'
Wut loslassen: Hat sich dein Kind etwas beruhigt? Dann frage: 'Wo ist die Wut?' (z. B. im Bauch) Dann kannst du folgendes sagen: 'Hol mal tief Luft und schrei die Wut in meine Hand rein.' Danach kannst du abschließen mit: 'Nun lassen wir die Wut gehen, sie darf ein anderes Mal wiederkommen.'
Bedenke: Es gibt keine allgemeingültigen SOS-Tipps. Der Grund: „Jedes Kind ist individuell, jeder Wutanfall unterschiedlich“, sagt Julia Mensing. „Die Tagesform der Eltern und das Alter des Kindes sind zusätzlich entscheidend, ob eine Co-Regulation funktioniert.“
Wutanfall zu Hause: Typische Auslöser – und was hilft
Wutanfälle können sowohl im öffentlichen Raum als auch zu Hause passieren. Ein Beispiel aus meinem Alltag: Kürzlich legte ich meiner Tochter einen orangenen Löffel zu ihrem Müsli. Sie, direkt schreiend: "Nein, den will ich aber nicht", steht auf, rennt ins Bad und knallt die Tür zu. Als ich zu ihr ins Bad gehen möchte, schreit sie mich an: "Geh weg".
„Hier zieht das Kind eine deutliche Grenze, weil es überfordert ist“, sagt Julia Mensing. Diese Grenze sollten Eltern unbedingt akzeptieren und aushalten. „In der Regel beruhigen sich Kinder in ein paar Minuten wieder und die Co-Regulation kann stattfinden.“ Und: Bitte nicht persönlich nehmen, auch, wenn es schwerfällt. Dann kann man versuchen, wieder ins Gespräch zu kommen, etwa: 'Such dir gern einen Löffel aus.'
Andere Situation: Dein Kind möchte seinen Saft selbst einschenken, verschüttet ihn und wird wütend, weil der Plan nicht funktioniert hat. „Auch hier gilt: Ein plötzlicher Wutanfall lässt sich am besten mit Ruhe und Verständnis überstehen“, sagt Julia Mensing. „Das ist natürlich nach einem langen Tag, an dem alle müde sind, nicht immer einfach.“
Also: Einmal Durchatmen und dem Kind signalisieren: 'Hey, das kann mal passieren, das ist nicht schlimm. Komm, wir wischen das zusammen weg.' Wer schimpft und Sätze wie 'Siehste, das habe ich doch gewusst' sagt, verunsichert das Kind in seiner Autonomie und sorgt im Zweifel für noch mehr Wut.
Öffentliche Wutanfälle: Wie du mit Blicken & Kommentaren umgehen kannst
Bekommt mein Kind wie letztens, weil es kein Kuscheltier bekommen hat, in der Öffentlichkeit einen Wutanfall und alle gucken zu, wünsche ich mir immer, dass sich ein Erdloch auftut. Blicke mir fremder Leute suggerieren mir dann: 'Na, die hat ihr Kind ja nicht im Griff.'
„Wer kommentiert oder sich anderweitig einmischt, hat selbst ein Problem, nicht dein Kind oder du als Elternteil“, betont Julia Mensing. Sagt beispielsweise eine ältere Dame: 'Sowas hätte es bei uns nicht gegeben früher', zeigt das nur, dass sie die Situation an ihre eigene Kindheit erinnert und sie andere Erfahrungen gemacht hat, die Emotionen bei ihr auslösen.
Außerdem hilft es, Mitleid mit dem eigenen Kind zu haben, weil das von den neugierigen Blicken ablenkt. Julia Mensing: „Die Außenwirkung ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du für dein Kind da bist. Denn merkt dein Kind, dass du im Außen bist, verunsichert es das und der Wutanfall kann sich verstärken.“
Gleiches gilt übrigens, wenn eine Person etwas sagt wie: 'Dein Kind tanzt dir aber auf der Nase herum.' Dann kannst du zum Beispiel entgegen: 'Das denke ich nicht. Es hat ein Bedürfnis' und dich wieder ganz deinem Kind widmen.
Wutanfall Kleinkind: Ich werde selber wütend – was kann ich tun?
Wenn meine Tochter einen Wutanfall hat, fällt es mir manchmal schwer, nicht selbst wütend zu werden. Viel zu oft setzt mein präfrontaler Cortex aus – und ich schreie. Dir geht es ähnlich? Steigt Wut bei dir auf, wenn dein Kind wütend ist, können Trigger dahinter stecken. Manchmal reicht aber auch ein mieser Tag, Schlafmangel und Mental Load, damit wir als Eltern explodieren wie ein Druckkochtopf – und das Kind wird noch wütender.
Was du tun kannst, wenn Wut bei dir hochsteigt, erklärt Julia Mensing:
Atmen, Summen, Stampfen: Tief ein- und ausatmen, Summen oder mit den Füßen auf den Boden stampfen. Manchmal hilft es auch, die Fäuste fest zu ballen und wieder zu öffnen.
Bodycheck: Habe ich Hunger? Habe ich Durst? Ist mir heiß oder kalt? Muss ich zur Toilette? Bin ich müde?
Hinterfragen: Warum reagiere ich jetzt gerade selber wütend? Habe ich Zeitdruck? Bin ich reizüberflutet? Triggert mich etwas?
Langfristige Maßnahmen: Tägliche Bewegung an der Luft, kurze Pausen von zwei bis fünf Minuten auf dem Boden reichen schon aus, um das Nervensystem zu regulieren.
Co-Regulation: Was das ist und wie sie funktioniert
Der Kinderarzt und Psychiater John Bowlby und die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth begründeten die Bindungstheorie. Diese besagt, dass eine frühe emotionale Beziehung zu Bezugspersonen, vor allem zur Mutter, entscheidend für die psychische Entwicklung und das Urvertrauen eines Kindes sind. Die Co-Regulation ist ein zentraler Aspekt der Bindungstheorie und bedeutet, dass eine Bezugsperson (meist Eltern) einem Kind hilft, seine Emotionen zu regulieren, indem sie emotionale Unterstützung, Sicherheit und Beruhigung bietet.
So geht Co-Regulation:
Nicht reden: „Bei einem Kleinkind, dass gerade einen akuten Wutanfall hat, bedeutet Co-Regulation erstmal nicht reden“, rät Julia Mensing. Der Grund: „Das Reden und Sprechen kann ein neuer Sprechreiz sein und die Wut verstärken.“
Empathische Blicke: Sie sind ein erster Schritt, um die Luft aus dem Ballon zu nehmen. „Präsent sein und Stabilität zeigen, in dem du dich ohne zu sprechen empathisch zeigst.“
Wenig sagen oder summen: Sätze wie 'Ich sehe dich, ich höre dich' können dein Kind beruhigen. „Es gibt auch Kinder, denen es hilft, in den Arm genommen zu werden. Andere finden summen hilfreich“, sagt Julia Mening. Da jedes Kind unterschiedlich auf Co-Regulation in Wutanfällen reagiert, hilft nur ausprobieren.
Trick aus der Hirnforschung ist „Drei JAs abholen“: Sage zu deinem Kind: 'Du wolltest, dass die Banane zu bleibt.' 'Du wolltest die Banane selber öffnen.' 'Du bist wütend, weil ich die Banane geöffnet habe.' Dein Kind wird drei Mal mit Ja antworten und auf diese Weise das Gefühl bekommen, dass du die Situation verstanden hast – und sich beruhigen.
Gefühl spiegeln: 'Oh ich sehe, du bist richtig wütend' und fragen: 'Wo fühlst du denn die Wut?'
Zwei verschiedene Erziehungsansätze und die Vor- und Nachteile
Es gibt zwei präsente Erziehungsansätze:
Bedürfnisorientierte Erziehung: Gefühle benennen, Co-Regulation, das Kind ernst nehmen. 'Ich sehe dich, ich begleite dich, aber ich bestimme deine Grenzen.' Das erfordert viel Geduld und Stabilität der Eltern und das ist der Grund, warum dieses Erziehungskonzept für viele Eltern herausfordernd ist. Denn es setzt ein ruhiges Nervensystem voraus, um ein ruhiges Kind wieder zu bekommen. „Daher ist es für Eltern, die bedürfnisorientiert Erziehen möchten, so wichtig, ihr Nervensystem immer wieder zu beruhigen, durch selbstfürsorgende Maßnahmen“, sagt Julia Mensing. Das kann sein: Sport, Spaziergänge, Musikhören, vor allem aber: Kleine Pause, vor allem auch bevor das Kind aus der Kita abgeholt wird.
Autoritärer Erziehungsansatz: Time-Outs, logische Konsequenzen ('Du gehst in dein Zimmer, weil du gerade frech warst', Belohnungssysteme wie Stempel). Die Gefühle finden zu wenig Platz in diesem Ansatz. „Langfristige Studien zeigen, dass die Kinder nicht lernen, ihre Gefühle zu regulieren“, sagt Julia Mensing. Das Kind lernt: 'Tue ich das, bekomme ich x' und 'Tue ich das nicht, bekomme ich x nicht.' Außerdem fehlt eine intrinsische Motivation, denn das Kind ist nur von äußeren Anreizen abhängig. Plus: Das Kind lernt, dass Wut und Frust gefährlich und nicht akzeptabel sind und können nicht lernen, ihre Emotionen zu regulieren.
So solltest du nicht reagieren bei einem Wutanfall
Das Gefühl klein reden: „Bitte nicht versuchen, die Wut mit dem Kind zu beseitigen“, sagt Julia Mensing. Starke Gefühle wie Wut, Trauer oder Enttäuschung assoziieren wir gerne mit etwas Negativem, weil all diese Emotionen anstrengender für uns sind. „Ich denke, es ist wichtig dem Kind zu zeigen, dass alle Gefühle okay sind – auch Wut.“
Ablenken: Ob Wut, Trauer oder eine andere Emotion – werden die Gefühle von Kleinkindern häufig mithilfe des Handys beruhigt, fehlen ihnen vermehrt Strategien zur Gefühlsregulierung, wie eine Studie der Universität in Michigan herausfand. Gleiches gilt, wenn du dein Kind mit Essen beruhigen möchtest.
Drohen, Strafen: Bestrafst du dein Kind, bist du nicht auf der emotionalen Ebene, sondern nur auf der Verhaltensebene. So lernt dein Kind keine Impulskontrolle.
Belohnen: Belohnungen mit Süßigkeiten oder einem Stempelsystem scheinen verlockend, sorgen aber nur für eine kurzfristige Lösung. Auf Dauer lernt dein Kind auch hier nicht die Impulskontrolle.
Beschämen: Sätze wie 'Nun hör auf zu weinen', 'Alle schauen dich an, wie du dich aufführst!', 'Ich habe keine Lust mehr auf dich, wenn du so bist' vermitteln deinem Kind das Gefühl, dass es nicht okay ist, wütend zu sein. „Dann denkt es, es sei falsch, was den Selbstwert kaputt macht“, sagt Julia Mensing.
Kann man Wutanfällen bei Kleinkindern vorbeugen?
Nein, denn Wut ist wichtig und richtig. Es geht nicht darum, einen Wutanfall abzuwenden, denn dieses Gefühl sollte unbedingt gelebt und erlebt werden – auch, wenn es als Eltern manchmal grenzwertig ist. Durch Wut lernt dein Kind die Impulskontrolle.
Es gibt allerdings Möglichkeiten, einen potenziellen Wutanfall abzuwenden, in dem du einen anderen Rahmen schaffst.
Zeitpunkt wählen: Nach 16 Uhr in den Supermarkt? Keine gute Idee, denn dein Kind ist müde. Geht es nicht anders, hilft es, das Kind in die zu Autonomie holen. Etwa: 'Du darfst dir heute einen Käse fürs Brot aussuchen.' Vorab stellst du klar, dass ihr nichts Süßes kauft (sofern es das meistens ist, was dein Kind möchte).
Übergänge ankündigen: Es hilft deinem Kind, anzukündigen, dass ihr demnächst den Spielplatz verlasst. Dazu kannst du z. B. einen Wecker stellen und sagen: 'Wir gehen in zehn Minuten los.' „Kinder lieben und brauchen Vorhersehbares“, sagt Julia Mensing. „Daher hilft es enorm, wenn Änderungen ankündigt werden, etwa mit einem Wecker oder einer Sanduhr, denn ein Zeitgefühl haben Kleinkinder nicht.“
Abwägen: An manchen Tagen haben wir nicht so starke Nerven, wie an anderen, das ist völlig menschlich. Kommt es meistens zum Streit zwischen euch in bestimmten Situationen? Etwa, wenn ihr zusammen Waffeln backen wollt, dein Kind helfen möchte, du das aber nicht möchtest, weil dann das Mehl überall ist, nur nicht in der Schüssel? Dann sparst du bestimmte Aktivitäten lieber aus, wenn es dir an diesem Tag schwerfällt, eine JA-Umgebung zu schaffen.
Wutanfall mit Hauen, Treten & Spucken: So kannst du reagieren
Vielleicht hast du das auch schon mal erlebt: Dein Kind hat einen Wutanfall, du beugst dich zu ihm herunter, möchtest beruhigen – und wirst gehauen. „Hauen und Spucken sind ein klares Zeichen von Überforderung“, sagt Julia Mensing.
Auch ich habe solche Situationen schon mehrfach mit meiner Tochter gehabt. Vor allem beim Spucken fällt mir schwer, mich in solchen Momenten zu regulieren, nicht auch wütend zu werden und ihr eine ruhige Insel zu sein.
Das kannst du laut Julia Mensing tun:
Grenze Benennen: 'Stopp, du haust mich nicht', 'Stopp, du spuckst nicht'
Körperkontakt suchen: Die Hände sanft festhalten.
Aus dem Raum gehen: Hört dein Kind nicht auf, dich anzuschreien oder zu Treten/ zu Hauen? Dann kannst du sagen: 'Mir ist das gerade zu laut in den Ohren/ mir tut das weh, ich gehe kurz ins Badezimmer und komme gleich wieder.'
Wutanfall Kleinkind: Wann sollte ich mir Hilfe suchen?
Die Wutanfälle deines Kindes häufen sich und du fragst dich: 'Ist das noch normal?' Julia Mensing rät in diesen Fällen dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen:
Dein Kind hat mehr als fünf Wutanfälle täglich mit längeren Phasen von 15 bis 25 Minuten und länger.
Die Wutanfälle bestimmen den Alltag, entspannte Momente sind selten.
Bei den Wutanfällen verletzt sich dein Kind selbst oder andere Personen.
Wenn du als Elternteil selbst am Limit und überfordert bist, du nicht mehr weiter weißt und eine dauernde innere Anspannung spürst.
Wutanfälle Kleinkind: Hier bekommst du Hilfe
Hilfe bekommst du bei Familiencoaches wie Julia Mensing, die auch Online-Beratungen anbietet. Aber wie läuft die Beratung, speziell auf das Thema Wutanfall ab?
„In meinen Beratungen schaue ich mir immer den Alltag der Familie an: Hat das Kind Strukturen? Rituale? Welche Bedürfnisse stecken hinter dem Wutanfall? Häufig sind Kinder auch überreizt oder erfahren zu wenig Grenzen. Durch gezielte Fragen finden ich nach und nach heraus, warum das Kind übermäßig häufige Wutanfälle bekommt – und kann Lösungswege erarbeiten.“
Weitere Hilfe bekommst beim Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ unter 0800/ 111 0 550.

Unsere Expertin
Julia Mensing ist ausgebildete Familiencoachin auf selbstständiger Basis und arbeitet nebenbei im Familienzentrum Vennmühle in Nordrhein-Westfalen. Ihr Fokus ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung mit Klarheit und Herz. "Bedürfnisorientiert heißt für mich nicht, dass immer alles harmonisch laufen muss – sondern dass wir versuchen, die echten Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen. Von Kindern und genauso von uns Erwachsenen."
Mehr Informationen zu Julia und ihren Angeboten (auch Online-Beratungen sind möglich) findest du unter: https://www.juliamensing.de/
Artikelbild und Social Media: iStock/Milan_Jovic








