Mutter-Sohn-Beziehung

Toxische "Boy Moms": Die unterschätzten Folgen für ihre Söhne

Leider verbirgt sich hinter „Boy Mom“ viel mehr als nur die Übersetzung „Jungs Mama“. Diese Form der toxischen Erziehung belastet Söhne bis ins Erwachsenenalter.

Symbolbild toxische Boy Mom: Ein schwarz weiß Bild einer Mutter, die ihr Baby hält und in die Kamera schaut.
Toxische „Boy Moms“ Foto: Taws13/iStock
Auf Pinterest merken

Den Begriff „Boy Mom“ zu deutsch „Jungs-Mama“ kennen wir schon ewig. Doch mit dem kürzlichen Zwist zwischen Victoria Beckham und ihrem Sohn Brooklyn, entflammt erneut die Diskussion um die umstrittenen „Boy Moms“ oder viel mehr darum, welche ungesunden Verhaltensweisen sich dahinter verbergen.

Denn diese Art der Erziehung wirft lange Schatten. Und die bleiben nicht in der Kindheit, sondern begleiten viele Männer bis ins Erwachsenenleben. Kein Wunder also, dass sich viele Frauen in dem wiedererkennen, was gerade bei Brooklyn Peltz Beckham, Nicola Peltz Beckham und seiner Familie passiert: Eine „Boy Mom“, die jedem*r Partner*in misstrauisch begegnet und für die niemand gut genug für ihren geliebten Sohn ist.

Was genau hinter dem Phänomen „Boy Mom“ steckt, warum diese enge Mutter-Sohn-Bindung allen Beteiligten schadet und welche Wege es gibt, die Konflikte zu lösen: all das erfährst du bei uns.

9 Arten, wie Eltern die Psyche ihres Kindes zerstören

"Boy Mom", "Boy Mum" & "Jungs-Mama: Was bedeutet das eigentlich?

Angefangen hat die „Boy Mom“-Kultur - wie soll es anders sein - mit einem TikTok-Video der Influencerin Avery Woods, das im Jahr 2024 viral gegangen ist. Darin verkündet die Mutter, dass ihr Sohn ihr ganzes Herz und ihre Seele habe. Was zunächst nach einer süßen Liebesbekundung aussieht schlägt schnell um. Denn: Avery hat auch eine Tochter. Diese, so sagt sie, vergöttere sie natürlich auch, doch die Beziehung zu ihrem Sohn sei „einfach anders“ und eine “Boy Mom” zu sein, habe sie sich einfach ihr ganzes Leben lang gewünscht.

Damit bekommt das virale Video schnell einen bitteren Beigeschmack, denn die Momfluencerin thematisiert mit ihrer Aussage gleich drei Dinge, die einen aufhorchen lassen, weil sie einfach nur problematisch sind.

  1. Das Leben und die Liebe einer „Boy Mom“, also einer Mutter von Jungs unterscheiden sich maßgeblich von der einer „Girl Mom“.

  2. Sie macht einen Unterschied bei den Geschlechtern ihrer Kinder und damit höchstwahrscheinlich auch bei ihrer Erziehung und ihrem Umgang mit ihnen.

  3. Diese unterschiedliche Behandlung werden beide Kinder und insbesondere ihre Tochter negativ wahrnehmen.

Das Video zog schnell viel negative Aufmerksamkeit auf sich. Doch überraschenderweise auch viel Zuspruch. Plötzlich kommentierten dutzende „Boy Moms“ wie sehr sie wüssten, was Ashley meint, es sei ja ach so „anders“ eine Jungs-Mama zu sein. Besonders ironisch ist es, wenn solche Kommentare ausgerechnet von Müttern kommen, die selbst keine Tochter haben und somit gar keinen direkten Vergleich kennen.

Trotzdem sorgte das Video für Aufsehen. Immer mehr stolze „Boy Moms“ begannen daraufhin, ihre besondere Bindung zu ihren Söhnen in den sozialen Medien zu zeigen. TikTokerin Anna Saccone, die sich selbst als „Boy Mom“ bezeichnet, gesteht sogar, dass ihr die Tränen kommen, wenn sie an die Hochzeit ihres Sohnes denkt - schließlich müsste sie ihn dann loslassen.

Ganz anders bei ihren Töchtern: Deren Hochzeit erfülle sie mit Freude. Außerdem sagt sie deutlich, dass sie ihren Sohn anders behandelt als ihre Töchter. Wenn dieser seine Schwestern schlagen würde, werde er nicht von ihr bestraft, er hätte wahrscheinlich nur einen „schlechten Tag“, so Anna.

Wenn „Boy Moms“ ihre Mutterrolle mit der einer romantischen Partnerin verwechseln

Ist man einmal in die Internet-Welt der „Boy Moms“ abgetaucht, werden die Videos immer beunruhigender. So postet eine Userin ein Bild mit ihrem Sohn im Teenager-Alter, das sie mit den Worten kommentiert: „Born to be your lover. Forced to be your mother“ was auf deutsch so viel heißt wie „Geboren, um deine Geliebte zu sein. Gezwungen, deine Mutter zu werden.“

Unter dem Bild schreibt die Mutter weiter: „Worte können nicht beschreiben, wie sehr ich dich liebe, und wie stolz ich bin, deine Mutter zu sein. 🔥🔥Wir teilen so viele Erinnerungen miteinander, und manchmal wünschte ich, ich wäre deine Geliebte. Mein Fehler, dass ich dich so attraktiv gemacht habe.“

Zugegeben, dieses von uns gewählte Beispiel ist extrem, verdeutlich aber gut, wie verstörend weit die toxischen „Boy Moms“ auch die Grenzen zwischen romantischer und mütterlicher Liebe verschwimmen lassen. Weshalb es vielen „Boy Moms“ schwer fällt ihre Söhne loszulassen. Beispielsweise, wenn diese ihre*n ersten Freund*in mitbringen.

11 Dinge, die ein Kind seinen Eltern nie verzeihen wird

Schwiegermonster: Die "Boy Mom", für die kein*e Partner*in gut genug ist

Jede*r von uns kennt das Märchen vom bösen Schwiegermonster. Doch für einige Menschen wird das Märchen leider bittere Realität. Nämlich dann, wenn die „Boy Mom“ plötzlich mit der*dem neuen Partner*in ihres Sohnes Bekanntschaft macht.

Gerade jene „Boy Moms“, die sich selbst als das Zentrum ihrer Söhne sehen, können eine Art Besitzanspruch entwickeln, der ihren Kindern auf lange Sicht schadet. Denn oft fällt es diesen erwachsenen Söhnen später schwer, eigenständig zu werden oder gleichberechtigte Partnerschaften zu führen.

Auch weil die „Boy Mom“ eher dazu neigt, die Haushaltsarbeit der späteren Schwiegertochter oder des Schwiegersohnes abzuwerten. Schließlich hat sie ja selbst immer alles für ihren „kleinen Jungen“ getan. Häufig stellt sie auch die eigenen Bedürfnisse über die Wünsche der*des Partners*in ihres Sohnes, weil sie davon überzeugt ist, einen besonderen Anspruch auf seine Zuneigung zu haben.

Toxische Schwiegereltern: 7 Sätze, die du dir nicht bieten lassen musst (und wie du souverän konterst)

So schaden „Boy-Mom“-Dynamiken Beziehungen

Für die erwachsenen Söhne kann diese enge Mutterbindung zur echten Belastungsprobe werden. Viele entwickeln ein ungesundes Verhalten, indem sie Konflikte scheuen und versuchen, es allen recht zu machen. Selbst dann, wenn ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse dabei auf der Strecke bleiben. Da sie das Gefühl haben, sich auch als Erwachsene ständig zwischen den Wünschen ihrer*s Partners*in und den Erwartungen der Mutter aufreiben zu müssen.

Die Sex- und Beziehungsexpertin Dianne dela Cruz, selbst Mutter von fünf Söhnen, erklärt, warum genau diese Dynamik Beziehungen belastet und langfristig sogar Nähe und Intimität zerstören kann.

„Diese Art von Ablehnung tut weh und ist oft nicht persönlich gemeint. Wenn Eltern ihr Kind idealisieren, hat jede*r Partner*in automatisch schlechte Karten.“ Problematisch wird es laut Dianne vor allem dann, wenn der Sohn nicht klar Position bezieht. „Wer Respektlosigkeit hinnimmt, um Konflikte zu vermeiden, riskiert Vertrauen und emotionale Nähe. Sich von der Partner*in gesehen und geschützt zu fühlen, stärkt die Beziehung. Fehlt das, entsteht Distanz.“

Sex und Intimität bleiben auf der Strecke

Dieses Spannungsfeld sorgt nicht nur im Familienalltag, sondern auch im Bett für Unmut. So betont Dianne dela Cruz: „Dauerstress wirkt sich direkt auf die Lust aus. Er raubt Energie, emotionale Offenheit und sexuelles Verlangen. Wer sich nicht unterstützt fühlt, entwickelt schnell Groll. Und Groll ist einer der größten Lustkiller.“

"Boy Moms": Ab wann ist eine Mutter-Sohn-Beziehung problematisch?

Wir haben Dianne gefragt, ab wann eine Mutter-Sohn-Beziehung ungesunde Züge annimmt. Die Sex- und Beziehungsexpertin stellt klar:

„Problematisch wird es in dem Moment, in dem Entwicklung ausgebremst wird. Eine gesunde Bindung verändert sich mit dem Alter des Kindes. Sie passt sich an. Sie lässt mehr Raum. Wenn ein Sohn innerlich nicht älter werden darf, gerät etwas ins Ungleichgewicht. Spätestens in der Jugendphase wird das sichtbar:

  • Kann er eigene Wege gehen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln?

  • Darf er Beziehungen eingehen, ohne dass das als Verrat erlebt wird?

  • Wird seine Privatsphäre respektiert? Auch emotional?

Insbesondere sehe ich die Schieflage dort, wo Beziehung nicht mehr begleitet, sondern festhält. Wo Eigenständigkeit nicht als Erfolg, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird. Solche Dynamiken wirken sich langfristig auf Selbstwert, Entscheidungsfähigkeit und Partnerschaften aus. Wenn ein junger Mensch keine eigenständigen Schritte gehen kann oder andere Beziehungen darunter leiden, ist es sinnvoll, professionelle Unterstützung in Betracht zu ziehen - idealerweise als Familientherapie.“

Verhaltensmuster, an denen du die ungesunde "Boy Mom"-Beziehung erkennst

Laut der Beziehungsexpertin gibt es einige Anzeichen, die auf eine ungesunde Beziehung hindeuten. Sowohl auf Seiten des Sohnes als auch auf Seiten der Mutter. Dianne erklärt: „Auf Seiten der Mutter zeigt sich eine problematische Dynamik häufig durch Kontrolle. Entscheidungen des Sohnes werden kommentiert, korrigiert oder subtil gesteuert, selbst dann noch, wenn er längst erwachsen ist. Oft mit dem Satz: „Ich weiß doch, was gut für dich ist.“

Kritisch wird es außerdem, wenn Gefühle als Mittel eingesetzt werden. Wenn Schuld erzeugt wird, Nähe entzogen oder das eigene emotionale Gleichgewicht vom Sohn abhängig gemacht wird. Dann trägt das Kind Verantwortung für etwas, das eigentlich in der Erwachsenenwelt bleiben müsste.

Manchmal wird der Sohn zudem zum emotionalen Zentrum und idealisiert, überhöht, fast wie ein Partnerersatz. Beim Sohn zeigt sich das spiegelbildlich. Er sucht ständig Bestätigung, tut sich schwer mit eigenen Entscheidungen und priorisiert die Mutter auch in Liebesbeziehungen. Abgrenzung fällt ihm schwer, Konflikte werden vermieden, problematisches Verhalten verteidigt.

Nach außen wirkt das angepasst, doch innerlich steckt oft große Unsicherheit dahinter. In Partnerschaften führt das fast zwangsläufig zu Spannungen. Die*Der Partner*in spürt, dass sie*er emotional nicht an erster Stelle steht. Loyalitätskonflikte sind programmiert.“

Dabei betont die Expertin: „Wichtig ist, dass diese Muster selten aus böser Absicht entstehen. Häufig liegen ihnen eigene unerfüllte Bedürfnisse zugrunde. Und genau deshalb lohnt sich ehrliche Selbstreflexion.“ 

Was Paaren hilft, wenn sie es mit einer "Boy Mom" zu tun haben

Laut der Sex- und Beziehungsexpertin „handeln Paare, die solche Situationen gut überstehen als Team. Ein gemeinsames Auftreten macht Beziehungen widerstandsfähiger. Grenzen funktionieren am besten, wenn sie vom eigenen Kind der Eltern gesetzt werden, nicht von der*m Partner*in.“

Trotzdem, so Dianne, „lassen sich manchmal Dynamiken trotz klarer Grenzen nicht drehen. Dann kann Abstand helfen, um die eigene emotionale Gesundheit und die Beziehung zu schützen.“

„Boy Moms“ sind also weit mehr als Mütter, die einfach nur einen Sohn zur Welt gebracht haben. Sie machen das Geschlecht ihres Kindes zu einem zentralen Teil ihrer Identität und stellen ihre Wünsche und Bedürfnisse vor denen ihrer Söhne.

Zur Expertin

Dianne Dela Cruz

Sexualpädagogin, Beziehungsexpertin und Sexpertin von Womanizer & We-Vibe sowie Content Creatorin (@fragdianne).

Als Grundschullehrerin und Gesundheitspsychologin spezialisierte sie sich 2021 auf die Sexualpädagogik und bringt neben ihrem Fachwissen als Mutter von fünf Kindern wertvolle Erfahrungen mit. Auf Social Media bemerkte sie allerdings schnell, wie tabuisiert das Thema Sexualität noch immer ist und wie viel Falsches kursiert. Gleichzeitig erkannte sie den großen Bedarf an verlässlichen Quellen. Mit ihrer Sexualaufklärungs-App beeyou.ai, deren Chatbot Jugendlichen in einem geschützten Rahmen altersgerechte, fundierte Informationen bietet, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur modernen Sexualpädagogik. Für ihr Engagement wurde sie Zweitplatzierte des “Cosmopolitan Award 2024” (Fearless Woman).