Eine Expertin klärt auf: So viele Hobbys braucht dein Kind wirklich
Schwimmen, tanzen, Fußball spielen: Wie viele Hobbys braucht ein Kind eigentlich? Und wie viele sind zu viel? Eine Expertin klärt auf.

An mein erstes richtiges Hobby (jenseits von Bauklötze stapeln) erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war sechs Jahre alt und in einem Bauchtanz-Kurs angemeldet, den ich einmal pro Woche besuchte. Im Laufe der Jahre probierte ich zusätzlich andere Hobbys aus: Aquarell malen, Badminton und Judo. Doch nichts begeisterte mich so sehr, wie das Bauchtanzen (zumindest, bis die Jungs und Partys kamen).
Heute habe ich selbst eine Tochter. Sie ist vier Jahre alt und geht einmal pro Woche zum Musikkurs und zum Kinderturnen. Beides macht ihr Spaß. Außerdem zeigt sie Interesse am Fußball spielen. Doch ich frage mich: Muss das als drittes Hobby auch noch sein? Wie viele Hobbys braucht ein Kind eigentlich und wie viele sind zu viele?
Familiencoachin Julia Mensing erklärt, wie viele Hobbys für Kindergarten und Schulkinder zu viel sind, woran Eltern das erkennen, warum häufige Hobbyswechsel normal sind und ob ein Hobby für Kinder grundsätzlich notwendig ist.
Wie viele Hobbys braucht ein Kind wirklich?
Es scheint ein Statussymbol zu sein, sagen zu können: „Mein Baby geht zum Pekip, Schwimmen und Musikkurs.“ Später dann: „Mein Sohn lernt jetzt Klavier spielen“ oder „,Meine Tochter lernt jetzt Reiten“. Als ob die Anzahl der Hobbys zeigt, wie sehr die Eltern die Entwicklung des eigenen Kindes fördern.
Dabei vergessen Mütter und Väter oft, dass Förderung nichts damit zu tun hat, wie vielen Aktivitäten ihr Kind nachgeht. Das bestätigt auch Julia Mensing: „In unserer heutigen Familienrealität rutschen wir schnell in den Gedanken, dass Förderung automatisch bedeutet, den Wochenplan zu füllen“, erklärt Julia Mensing.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht sei sogar bewiesen, dass Lernen und Reifen am ehesten im freien Spiel und in selbst gewählten Aktivitäten passiere.
Daher betont Julia Mesing: „Ein Kind braucht keine bestimmte Anzahl an Hobbys, um sich gut zu entwickeln.“ Ein Hobby, das dein Kind gerne ausführt, ist also besser, als drei Hobbys, die zu Stress führen. „Sich durch den Tag oder das Angebot zu quälen ist nicht zielführend“, so die Familiencoachin.
Was ein Kind dagegen wirklich braucht? „Sichere Bindungen, ausreichend Bewegung im Alltag, freies Spiel und die Erfahrung, sich selbstwirksam zu erleben,“ so die Familiencoachin.
Wie viele Hobbys für dein Kind zu viel sind
Als Eltern sagt uns unser Bauchgefühlt meist ziemlich treffsicher, was sich richtig und was falsch anfühlt. Doch nicht selten lassen wir uns von äußeren Faktoren beeinflussen: Ratgebern, befreundeten Eltern oder den eigenen Eltern. Wenn du unsicher bist, ob die Hobbys deines Kindes zu viel sind, hat Julia Mensing einen Tipp:
„Zu viele Hobbys sind es dann, wenn der Kalender des Kindes voller ist, als deiner. Wenn kein Raum für spontane Verabredungen, Nichtstun oder Zuhause-Sein mit freiem Spiel bleibt.“ Kurzum: Wenn ihr nach der Kita oder Schule direkt zum Turnkurs oder Schwimmbad hetzt und du dich an Nachmittage, an denen keine Pläne anstanden, gar nicht mehr erinnern kannst, bedeutet das zu viel Stress.
„Gerade im Vorschul- und Grundschulalter reicht oft ein Hobby völlig aus oder auch zeitweise gar keines“, sagt die Familiencoachin. „Denn der Alltag ist für viele Kinder schon herausfordernd genug und es bleibt oft wenig Zeit fürs Freispiel.“
Ob die Woche zu vollgestopft ist und dein Kind überfordert ist, merkst du auch am Verhalten deines Kindes. Denn in der Regel können Kinder selten benennen, dass sie der volle Terminkalender stresst. „Das Verhalten ist dann kein Unwillen, sondern eine Botschaft des Nervensystems“, erklärt Julia Mensing. „Das ist oft ein Zeichen dafür, dass das Kind mehr Ruhe und Selbstbestimmung braucht.“
Das sind laut Julia Mensing möglich Anzeichen, an denen du erkennst, dass dein Kind zu viele Aktivitäten nach der Kita oder der Schule hat:
Dein Kind ist häufiger müde, gereizt oder auffallend anhänglich.
Dein Kind zeigt vor Terminen immer wieder Widerstand, sagt z. B. „Nein, ich will da nicht hin.“
Dein Kind hat plötzlich keine Lust mehr auf etwas, das ihm früher Freude gemacht hat.
Dein Kind geht nur noch mit Druck, Überredung oder Belohnung seinem Hobby nach.
Dein Kind zeigt körperliche Signale wie Bauch- oder Kopfschmerzen.
Häufige Hobbywechsel von Kindern sind völlig normal
Das Interesse an Hobbys entwickelt sich bei Kindern sehr individuell. „Bei jüngeren Kindern ist Begeisterung oft wechselhaft und stark situationsabhängig“, so Julia Mensing.
Wenn dein Sohn also montags noch gerne zum Reiten geht, eine Woche später aber keine Lust mehr auf Pferde hat und lieber in die Boulderhalle möchte, ist das nicht ungewöhnlich. „Der häufige Interessenwechsel ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern Ausdruck einer gesunden Entwicklung“, erläutert Julia Mensing.
Erst ab dem Grundschulalter können viele Kinder besser einschätzen, was ihnen wirklich entspricht und woran sie länger Freude haben. Julia Mensing appelliert: „Traue deinem Kind zu, seinen eigenen Weg zu gehen. Es kann und sollte verschiedene Hobbys ausprobieren dürfen, ohne, dass daraus ein Leistungs- oder Durchhalteanspruch entsteht“, so Julia Mensing.
„Als Eltern hören wir oft die innere Stimme: 'Man muss auch lernen etwas durchzuziehen' oder 'Der Kurs kostet zu viel Geld, du musst da jetzt hin.' Da dürfen als Eltern einen Blick auf unsere Glaubenssätze werfen“, erläutert Julia Mensing.
Den Malkurs trotz Widerstand des Kindes durchzuziehen, weil er kostspielig ist, bringt vor allem nur Stress für alle Beteiligten. Dein Kind weiß dafür nun, was ihm keine Freude macht. Das ist auch viel Wert.
Je nach Alter und Interesse eignen sich unterschiedliche Hobbys für Kinder. Hier ist Inspiration für Kinder ab 3 Jahren:
Hobbys für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren:
Musikalische Früherziehung
Turnverein
Bastelgruppen
Schwimmkurs
Tanzen
Hobbys für Grundschulkinder:
Klettern
Reiten
Tanzen
Brettspiele
Schwimmen
Ballsportarten
Musikinstrumente lernen
Hobbys für Kinder ab 10 Jahren:
Ballsportarten
Kampfsportarten wie Aikido
Leichtathletik
Zeichnen
Fotografie
Braucht mein Kind überhaupt ein Hobby?
Ein Hobby kann eine schöne Bereicherung sein, wenn das Kind dort aus eigenem Antrieb hingeht und echte Freude empfindet. „Aber ein Hobby ist keine Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung“, sagt Julia Mensing. Kinder brauchen weder einen Sportverein noch einen Malkurs, um sozial kompetent, kreativ oder beweglich zu werden.
„Wissenschaftlich belegt ist, dass gerade das freie, nicht angeleitete Spiel eine zentrale Rolle für die Gehirnentwicklung, die Emotionsregulation und die soziale Kompetenz spielt“, erklärt Julia Mensing. „Ein Hobby kann das nicht ersetzen.“ Entwicklung ist kein Trainingsprogramm – sondern ein natürlicher Prozess.
Kind will Hobby plötzlich aufgeben: Das kann helfen
Viele Eltern kennen das: Das Hobby hat in der einen Woche noch Freude bereitet, in der nächsten Woche, hat dein Kind aber keine Lust mehr dazu. Da fragen sich Mütter oder Väter: Soll ich akzeptieren, dass mein Kind keine Lust auf die heutige Ballettstunde hat oder soll ich versuchen, es zu überreden?
„Versuche erst einmal herauszufinden, warum dein Kind heute keine Lust hat. Vielleicht ist es müde, hungrig oder hat einfach einen schlechten Tag“, sagt Julia Mensing. Manchmal passen auch die Umstände nicht: Dein Kind ist erkältet, die Freundin oder der Freund ist heute nicht da oder in der letzten Stunde ist etwas passiert, dass dein Kind beschäftigt und von dem du noch nichts weißt (z. B. hat es beim Fußball einen Ball verpatzt o. ä.). „Es macht Sinn, die Stunde an diesem Tag einmal ausfallen zu lassen“, so Julia Mensing und rät: „Nie an einem schlechten Tag mit dem Hobby aufhören."
Die Entscheidung ist dann oft irrational geleitet. Hat dein Kind in den folgenden Wochen trotz eigentlich guter Laune und einem vollen Magen absolut keine Lust, dann macht es wohlmöglich Sinn, das Hobby an den Nagel zu hängen.
Am Ende ist es so: Kinder haben schon genug Pflichtprogramm durch Schule und Kindergarten. Ein Hobby sollte da vor allem eines: Spaß machen.

Julia Mensing ist ausgebildete Familiencoachin auf selbstständiger Basis und arbeitet nebenbei im Familienzentrum Vennmühle. Ihr Fokus ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung mit Klarheit und Herz. "Bedürfnisorientiert heißt für mich nicht, dass immer alles harmonisch laufen muss – sondern dass wir versuchen, die echten Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen. Von Kindern und genauso von uns Erwachsenen."
Mehr Informationen zu Julia und ihren Angeboten findest du unter: https://www.juliamensing.de/
Artikelbild und Social Media: iStock / monkeybusinessimages






