ENOUGH!-Initiatorin Anne Schneider: „Patriarchale Strukturen überwinden – gemeinsam!“
Am 9. März 2026 ruft die Initiative ENOUGH! zum „globalen Frauen*Generalstreik“ auf. Wir haben mit Anne Schneider, einer der Initiator*innen, über Beweggründe, Missstände und Ziele des Protests gesprochen.
Was wäre, wenn Frauen sich dem patriarchalen System verweigern würden? Wenn sie ihre Arbeit niederlegen, sich der Kinderbetreuung oder Pflege entziehen? Könnte ein System, das auf Unterdrückung und Ausbeutung fußt, dann noch bestehen?
Wie kraftvoll „ein Tag ohne Frauen“ sein kann, haben die Isländer*innen schon 1975 bewiesen. Damals traten etwa 90 Prozent der Frauen in den Streik und machten so auf Lohnungleichheit und fehlende Anerkennung aufmerksam. Heute steht Island ganz vorne im internationalen Gender Pay Gap Ranking. Ein Erfolg, der nur durch Mut, Zusammenhalt und Beharrlichkeit möglich wurde.
Denn wer Veränderung will, muss sie einfordern und für die eigenen Rechte kämpfen. Das Patriarchat gibt seine Macht nicht freiwillig ab. Auch wenn es nachvollziehbar ist, dass viele von uns müde sind, täglich gegen diese Strukturen anzutreten – wir dürfen nicht aufgeben. Nur gemeinsam können wir wirklich etwas bewegen. Unsere Wut kann Kraft schenken, wenn wir sie bündeln und gemeinsam sagen: Wir haben genug!
Mit genau diesem Ziel ruft die Initiative ENOUGH! nun zu einem weltweiten Streik auf. Am 9. März 2026, direkt nach dem feministischen Kampftag, dem Weltfrauentag, sollen Frauen weltweit zeigen, wie unverzichtbar sie sind und wie viel Veränderung möglich ist.
Wir haben mit Anne Schneider gesprochen, einer der Initiator*innen von ENOUGH!, über den geplanten Streik, die Kraft der Solidarität und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, laut zu werden.
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Darum brauchen wir den Frauenstreik am 9. März 2026
Wofür steht ENOUGH!? Was sind die zentralen Werte und Ziele der Bewegung?
Anne Schneider: „Überall auf der Welt nehmen Ausbeutung, Zerstörung und Unterdrückung wahnwitzige Züge an. Unser Planet steht kurz vor dem Kollaps und die Menschen verstricken sich in Kriegen und Allmachtsphantasien. Unter den patriarchalen Strukturen, die diesem Wahnsinn zugrunde liegen, leiden alle Menschen, Frauen*, Kinder und andere marginalisierte Gruppen jedoch ganz besonders.
ENOUGH! ruft daher Frauen* weltweit auf, einen Tag unbezahlte und bezahlte Arbeit ruhen zu lassen und diesem System nicht zur Verfügung zu stehen. Denn Veränderung ist nötig - und möglich!“

Gab es einen konkreten Auslöser oder Moment, der dich persönlich motiviert hat, einen „globalen Frauen*streik“ ins Leben zu rufen?
Anne Schneider: „Ich denke seit längerer Zeit darüber nach, wie sehr die Menschen und unser Planet davon profitieren würden, wenn wir die patriarchalen Strukturen endlich überwinden könnten.
Einen einzelnen Auslöser gab es nicht, aber ich beobachte das wachsende Gefühl der Ohnmacht – ob angesichts der Klimakrise oder weltweiter politischer Entwicklungen. Ich bin überzeugt: Gemeinsam können wir viel bewegen. Und ich habe es satt, dass Politiker*innen gewählt werden, die Ängste schüren und den Menschen nichts zutrauen. Wir brauchen Mut und Energie und beides erlebe ich tagtäglich bei ENOUGH!.“
Welche gesellschaftlichen Strukturen oder Missstände sind aus deiner Sicht die Hauptgründe für den Aufruf zum Streik?
Anne Schneider: „Ich habe das Gefühl, viele Menschen spüren, dass unser System am Ende ist. Wer mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt geht, nimmt die Erschöpfung von Menschen und Natur wahr. Dass gleichzeitig Umweltzerstörung, Gewalt und Gier zunehmen und Superreiche auf Kosten aller anderen Ressourcen verschwenden, macht sehr viele Menschen sehr wütend. Mich eingeschlossen.
Wir brauchen neue Ansätze und Antworten auf alte Fragen. Und spätestens seit Corona ist offensichtlich, dass wir global denken und handeln müssen. Ich beobachte, dass viele Menschen in Deutschland ihre Privilegien anders reflektieren und einsetzen wollen.
Wir setzen mit ENOUGH! ein Zeichen und stehen diesem System einen Tag nicht zur Verfügung. Wir machen deutlich, dass viele Menschen bereit sind, sich den Herausforderungen zu stellen, statt sie zu ignorieren oder zu leugnen.“
Welche konkreten Forderungen stellt ENOUGH! an Politik und Gesellschaft?
Anne Schneider: „Eine wesentliche Überzeugung, die der gesamten Initiative zugrunde liegt, ist, dass sowohl die Forderungen als auch viele der Lösungen bereits vorhanden sind. Und dass all diese Forderungen und Lösungen nebeneinander existieren können und ihre geballte Kraft entfalten, wenn sie an einem einzelnen Tag zusammen sichtbar werden.
Daher haben wir uns gegen ein Manifest oder ein Positionspapier entschieden. Denn die Antworten auf die großen Fragen liegen längst vor. Nur werden Wissenschaft und progressive zivilgesellschaftliche Initiativen, und in diesen Kontexten vor allem weiblich gelesene Personen, seit geraumer Zeit stark angegriffen.
Es wäre daher ein großer Erfolg, wenn bestimmte Themen und Stimmen wieder mehr Gehör finden würden. Wir brauchen sie! Wir hoffen, dass am 09.03.2026 ein starkes solidarisches Zeichen entsteht und das größtmögliche Vielfältige an Frauen*power auf den Straßen sichtbar wird.“
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ENOUGH! So kannst du beim Streik am 9. März 2026 mitmachen
Wie wird der Streiktag am 9.3. aussehen? Welche Formen des Protests oder der Beteiligung sind möglich?
Anne Schneider: „Genauso vielfältig wie die Forderungen sollen auch die Formen des Protestes werden. In Deutschland sind zentrale Kundgebungen geplant, ebenso wie dezentrale Aktionen. Es war uns wichtig, dass der Streiktag allen Menschen eine Teilnahme ermöglicht.
Für Pflegekräfte oder pflegende Angehörige ist es wahrscheinlich nicht möglich, bezahlte und unbezahlte Arbeit den ganzen Tag ruhen zu lassen. Daher kam die Idee auf, dass sie ihre Mittagspause für eine Protestaktion nutzen. Frauen* in Afghanistan riskieren ihr Leben, wenn sie streiken. Daher wurden hier gemeinsam andere Wege erdacht. Von eine Minute Schreien über eine Stunde auf einem öffentlichen Platz liegen oder versteckt im eigenen Haus Gedichte lesen bis hin zu einem Tag faul demonstrieren - alles ist möglich.
Und es finden sich immer mehr Männer*, die von sich aus Kinderbetreuung anbieten. Das ist toll!“
Wie kann man sich schon im Vorfeld beteiligen oder die Bewegung unterstützen?
Anne Schneider: „Da gibt es drei konkrete Möglichkeiten: 1. Die Beteiligung in einer Regionalgruppe, die Aktionen und Proteste in bestimmten Orten organisiert und koordiniert. 2. Die selbstständige Planung einer Aktion, die dann über die Website kommuniziert wird oder 3. Die Unterstützung der sogenannten Hintergrundstruktur. Hier gibt es Teams, die beispielsweise die Website aktuell halten, sich um Pressearbeit und Materialerstellung kümmern und die gesamte Struktur zusammenhalten. Alle Möglichkeiten und Kontakte sind auf der Website übersichtlich dargestellt.
Und natürlich kann man unterstützen, indem man auf den Frauen*streik hinweist, für eine Beteiligung wirbt und am 09.03.2026 selbst teilnimmt.“
Der Streik richtet sich in erster Linie an Frauen – können und sollen sich auch Männer beteiligen? Wie wichtig ist Solidarität für den Streikerfolg?
Anne Schneider: „Die bereits beschriebenen Missstände haben in den letzten Jahren zu einer wachsenden Spaltung innerhalb der Gesellschaft geführt. Wir haben mit ENOUGH! daher auch das Experiment gewagt, eine neue Großzügigkeit des Miteinanders zu proben. Alle Menschen leiden schlussendlich unter dem Patriarchat.
Margrét Rún aus Island hat gesagt, dass Gleichberechtigung die Anleitung zum Glücklichsein ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Perspektiven, Strategien und Fähigkeiten aller Menschen benötigen, um ein neues System wachsen zu lassen. Solidarität ist daher immens wichtig und der Streik lädt alle Menschen ein, sich aktiv einzubringen.“
Was erhofft ihr euch als kurzfristige und langfristige Wirkung des Streiks?
Anne Schneider: „Wir hoffen auf einen Auftakt, auf eine Verstärkung der bisher vorhandenen Impulse. Auf Mut und Entschlossenheit. Zuversicht und Empowerment. Die Sichtbarmachung des Möglichen.
Und eine neue Betrachtung der Künste - denn viele Künstler*innen schaffen neue Verbindungen, verlassen alte Pfade und bringen ungewohnte Perspektiven zusammen - auch im Kontext von ENOUGH!
Und wir hoffen, dass längerfristig eine neue globale Streikbewegung entsteht, die die notwendigen Veränderungen anschieben kann.“

Über Anne Schneider und ENOUGH!
Anne Schneider ist Theaterregisseurin, Moderatorin und Aktivistin. Mehr Informationen zum Streik und ENOUGH! findest du hier.








